(navigation image)
Home American Libraries | Canadian Libraries | Universal Library | Community Texts | Project Gutenberg | Children's Library | Biodiversity Heritage Library | Additional Collections
Search: Advanced Search
Anonymous User (login or join us)
Upload
See other formats

Full text of "Der Alptraum in seiner Beziehung zu gewissen Formen des mittelalterlichen Aberglaubens"

mtmfimxU^ffmg^ 



r - 



SCHRIFTEN ZUR ANGEWANDTEN SEELENKUNDE 

HERAUSGEGEBEN VON PROF. DR. SIGM. FREUD 

VIERZEHNTES HEFT 



DER ALPTRAUM 

IN SEINER BEZIEHUNG ZU GEWISSEN FORMEN 
DES MITTELALTERLICHEN ABERGLAUBENS 



VON 






PROF. DR. ERNEST JONES, 



DEUTSCH VON 



Dr. E. H. SACHS. 




"'^ILEIPZIG UND WIEN 
FRANZ DEUTICKE 
1912. 



Verlags-Nr. 2001, 



VERLAG VON FßÄNZ DEUTICKE IN LEIPZIG UND WIEN. 



Nachstehende neun Werke, welche als die Dokumente für 
den Entwicklungsgang und Inhalt der Freudschen Lehren anzu- 
sehen sind, werden, wenn auf einmal bezogen, zum Vorzugspreise 
von M 32.— — K 38.40 (statt M 40.50 = K 48.60) abgegeben : 

Studien über Hysterie. 

Von Dr. Jos. Breuer und Prof. Dr. Sigm. Freud. 
Zweite Anflago. Preis M 7.— = K 8.40. 



Sammlung kleiner Schriften 
zur Neurosenlehre. 



Von Prof. Dr. Sigm. Freud. 
I. nnd II. Eeihe. Zweite Auflage. Preis h M 5. — 



= K 6. 



Über Psychoanalyse. 

Fi^rf Vorlesungen, gehalten zur 20jährigen Griindangsfeier 

der Clark University in Worcester Mass. 
Von Prof. Dr. Sigm. Freud. 

Zweite Auflage. Preis M 1.60 = K 1.80. 



Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie. 

Von Prof. Dr. Sigm. Freud. 
Zweite Auflage. Preis M 2.— = K 2.40. 



Die Traumdeutung. 

Von Prof. Dr. Sigm. Freud. 



Dritte, vermelirte Auflage. Preis M 10. 



--= K 12. 



Der Wahn und die Träume 
in W. Jensens »Gradiva«. 

(Schriften zur angewandten Seelenkunde. I. Heft.) 

Von Prof. Dr. Sigm. Freud. 

Zweite Auflage. Preis M 2.50 = K 3.—. 



Eine Kindheitserinnerung 
des Leonardo da "Vinci. 

(Schriften zur angewandten Seelenkunde. VII. Heft.y 

Von Prof. Dr. Sigm. Freud. 

Preis M 2.50 = E 3.—, 



Der Witz 
und seine Beziehung zum Unbewußten. 

Von Prof. Dr. Sigm. Freud. 
Zwehe Auflage. Preis M 5.— = K 6.—. 





SCHRIFTEN ZUR ANGEWANDTEN SEELENKUNDE 

HERAUSGEGEBEN VON PeOF. De. SIGM. FREUD 
VIERZEHNTES HEFT 



DER ALPTRAUM 



IN SEINER BEZIEHUNG ZU GEWISSEN 
FORMEN DES MITTELALTERLICHEN 
ABERGLAUBENS ' 



VON 



PROF. Dr. ERNEST JONES. 



DEUTSCH VON 



Dr. E. H. SACHS. 



LEIPZIG UND Wn^N 
FRANZ DEUTICKE 

1912. 




Verlags-Nr. 2001, 



INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 




K. u. K, HofbuohdrackeTel Karl f roohaBka in Tesolioti, 



Inhaltsübersicht 



i. . 

I Einleitang , , - 

I3; I. Kapitel. Tranm and Olauben a 

[p n. Kapitel. Der Alptraam , , jg 

1; "^ III. Kapitel. InkubuB und lukubatiou gl 

IV. Kapitel, Der Vampir «j 

;■; V. Kapitel. Der Wehrwolf jj3 

VI. Kapitel. Der Teufelsglaube 69 

VII. K-tpitel. Die Hexenepidemie j04 

VIII. Kapitel. Sdüaß . , , , ok 



i 



Einleitung. 

In der folgenden Veröffentlichung wurde der Versuch 
gemacht, den Eindruck, den die Erfahrungen des Alp- 
drucks auf die Bildung gewisser falscher Vorstellungen 
hervorriefen, festzustellen. Diese Vorstellungen haben viel 
Gemfcinsames, sie erreichten alle ihren Höhepunkt zur selben 
Zeit, ungefähr zwischen 1450 und 1750; ihre ursprüngliche 
Gestalt wird von Vielen, ihre wesentlichen Elemente werden 
von einer noch größeren Anzahl festgehalten. Die tiefste 
Quell© ist bei allen die gleiche und sie alle haben eine 
unberechenbare Summe von menschlichen Leiden verursacht. 

Um einen klaren Ausblick zu erlangen, war ich manches 
Mal gezwungen, das Hauptthenia zu verlassen, obwohl ich dies, 
so weit als möglich, vermieden habe. Lange sagt (Geschichte 
des Materialismus, 1866, S. 282): »im geschichtlichen Zusammen- 
hange der Dinge schlägt ein Tritt tausend Fäden, und wir 
können nur einen ^eichzeitig verfolgen. Ja, wir können selbst 
dies nicht immer, weil der gröbere sichtbare Faden sich in 
zahllose Fadchen verzweigt, die sich stellenweise unserem 

Blicke entziehen.« 

Ich habe meine Aufmerksamkeit nicht so sehr auf die 
historischen Seiten der betreffenden Vorstellung gelenkt, als 
auf ihre tiefste psychologische Bedeutung. Selbst auf diesem 
eingeschränkten Feld konnte ich nur einen sehr kleinen Teil 
des außerordentlich großen brauchbaren Materials behandeln ; 
daher kann ich kaum annehmen, daß die ausgesprochenen 
Schlüsse als bewiesen angesehen werden, doch hoffe ich, sie 
genügend wahrscheinlich gemacht zu haben, um zu zeigen, 
daß der Gegenstand einer eingehenderen Untersuchung vom 
überlegenen Standpunkt der modernen psychoanalytischen 
Kenntnis aus wert ist. Angst und Zwang waren immer die 
beiden größten Geißeln der Menschheit und die hier unter- 

Jonea, Alptraum. ^ 



n 



ZJ" 




fIT T;;"^'""'""««" ««Mren .u ihren verhängntevollsten 
FoJgen. Wenn man s.ch erinnert, daß diese Kräfte hente, 
ebenso wksan, sind als im Mittelalter, wenn anoh ihr 
Äußerungen nicht so sichtbar zu Tage treten, wird man 

Traum und Glauben. ■ 
Das Interesse, das die Menselien zu allen Zeiten an den 
Tranmen nahmen, und die weitreichende Bedeutung, die ihnen 
angeschrieben wurde, machen es sehr wahrscheinlfch daß ^ 
dabei erlebten Phänomene einen bedeutsamen E^fluB bS 
der Gestaltung der Meinung des Wachlebens ausübten Wem 
dies wie ich gezeigt habe,^) heute unter Gebildeten der Pa 
ist, so muß es in vergangenen Zeiten, wo die allgemeine 
den Traumen zugeschriebene Bedeutung weit o-rölT 
als heute, viel wirksamer gewesen seiu^. J^ j:^^ 
der Traume ist zu Zeiten so groß, daß auch Gebitdete 1 
schwer^ Oder unmöglich finden können, sie von ^Z 
Erlebnissen zu unterscheiden. 2) "Kncnen 

Ich habe einen Fall erwähnt«), in dem' ein Arzt fälschlieh 
emen Traum für eine wirkliche Erinnerung ansah und 
dies zu peinlichen Folgen führte. Tatsächlich Tt d^.. 
Vermengung mit der Wirklichkeit charakteristisch L T 
intensiven Gemütserlebnisse, und zwar nicht nur ft T^" 
sondern auch für andere, seltenere Äußerungen der PhLT^^' 
wie z. B. ekstatische Trancen, Visionen und de!c^L i ' 
Johannes^ Müller^) bemerkt in diesem Tusamnfe:;^^^^^^ 

') »Some Inatances of the Influence of Dreains on Wnir- ,. 
of Abnormal Psychol., April 1911 p. h ^'^^'^^S »le,«; Joiiru. 

*) Ennemoser. Geschichte der Magie, 1844 g ng p. 
des Somnambulismus, 1839, Bd. I S 12 Rn,', V.. " \/ '■'^^- beschichte 
Religion, 1904, S. 237. " ' "" VerJrrungen iu d^r 

^) Op. cit., F. 15. 

*) Johannes Müller. Über die nhstitaof.v i n . 
S. 68, 6». Pl^antastiscben Gesiehtserseheiuungen, 1826, 



l^Sl^^^ 



TRAUM UND GLAUBE. 



»Eigentümlich diesen krankhaften Zuständen ist es, dai3 
j die Objektivität der Erseheinnngen zuverlässig anerkannt 

wird. In dem Glauben eines sichtbaren Umganges mit dem 
Teufel besteigt der Angeklagte den Scheiterhaufen, ein Opfer 
seiner eigenen Phantasie. Je nachdem die Vision die Gestalt 
eines guten oder bösen Geistes annahm, wurde der Dämonische 
als heilig verehrt oder als Zauberer verbrannt. Was bei dem 
Unbefangenen das Eigenleben der Sinnlichkeit, das Spiel einer 
dichtenden Phantasie, was allen Mensehen im Traume nicht 
mehr wunderbar erscheint, wird in der Geschichte verflucht 
und verehrt nach der Natur seiner Objekte. Das Gespenst 
und die Dämonen aller Zeiten, die göttliche Vision des 
Asketen, die Geistererscheinung des Magikers, das Traum- 
objekt und das Phantasiebild des Fiebernden und Irren sind 
eine und dieselbe Erscheinung. Nur der Gegenstand ist ver- 
schieden nach der Richtung einer exzentrischen Phantasie, 
eine göttliche Vision dem religiösen Schwärmer, dem furcht- 
samen ein furchtbares Phantasma, dem abergläubisch 
buhlerischen Weib der Teufelsspuk, dem träumenden Egmont 
die Erscheinung der Freiheit, dem Künstler ein himmlisches 
Idol, nach dem er längst gerungen. Der Zeitgeist leiht diesem 
plastischen Einbilden andere Objekte.« 

Diese Schwierigkeit, den Traum von den Erfahrungen 
des Waehlebens zu unterscheiden, ist bei wehrlosen Geistera 
wie bei Kindern und Wilden, natürlich größer. Die außer- 
ordentüche Schärfe, mit der die Erfahrungen des Traumlebens 
sich dem Geiste der Wilden als zweifellose Wirklichkeit auf- 
drängen, wurde von einer Menge Beobachtern vermerkt. 
Herbert Spencer^) legt besonderen Nachdruck auf diesen Punkt 
und führt zum Beweis eine Menge Material an. Im Thurn ■') gibt 
zahlreiche schlagende Beispiele von heute dafür ; Ein Indianer 
drohte, den Reisenden, den er führte, zu verlassen, weil 
dieser, wie er sagte, ihn rücksichtslos die ganze Nacht ein 
Kanoe übe r zahlreiche schwierige Katarakte hinaufziehen 

1) Herbert Spencer. The Principles of Sociology, Third Edition, 1890 
Vol. I, eil. X, Pp. 132—142. 

*) Im Thurn. Among the Indians of Guiana, Pp. 344—346. 

1» - 



DER ALPTRAUM. 



ließ. Ein anderer war nahe daran, seinen Kameraden zu 
töten, weil sein Herr ihm befohlen hatte, eine empfindliche 
Züchtigung an jenem zu vollziehen. [Es stellte sich heraus, 
daß er das geträumt hatte.] 

Es wurde nie daran gezweifelt und bedarf heute keines 
besonderen Beweises, daß die Phänomene des Traumlebens 
von großer Bedeutung waren, nicht nur bei der Gestaltung der 
metaphysischen Vorstellungen des Mensclien — religiöser und 
abergläubischer!), — sondern auch für die Formen, die die 
künstlerischen Phantasien 2) annehmen. Ebenso besteht prak- 
tisch eine Übereinstimmung in der Frage, welche Anschau- 
ungen den stärksten Einfluß durch Träume erfahren 
haben, und wir wollen zunächst die hauptsächlichsten von 
diesen besprechen. Die erste und in mancher Beziehung 
wichtigste Bedeutsamkeit des Traumes ist diejenige, die sich 
auf den Seelenglauben bezieht. Die primitiven Vorstellungen 
von der Seele kann man in zwei Gruppen teilen, diejenigen 
von der gebundenen Seele, die das lebenspendende 
Prinzip vei^schiedener innerer Organe und äußerer Objekte 
ist, und diejenigen von der freien Seele (Psyche). Die Vorstel- 
lung von der letzteren hat zwei Quellen, denen entsprechend 
wir die Hauchseele und die Schattenseele unterscheiden 
können. Der Begriff der ersteren, der vor allem aus dem 
Phänomen des Atmens sich ergab, war geeigneter für höhere 
religiöse Anschauungen, aber der der letzteren war in der 
Vergangenheit zweifellos von größerem Einfluß. Alle Auto- 
ritäten ^) stimmen darin überein, daß die Vorstellung von der 
Schattenseele ihren Ursprung fast ausschließlich Traumer- 
fahrungen verdankt. Wundt *) sagt z. B. : »Das ursprünglichste 

*) Lehmann. Aberglaube und Zauberei. Zweite Deutsche Auflage, 
1908, S. 492. 

^) Freud. Der Wahn und die Träume in W. Jensens Gradiva, 1907. 

*) Clodd. Myths and Dreams, 1891, P. 170, Piske. Mythe and Mytli- 
Makers, 1872, P. 220. Mogk. Germanische Mythologie, 1906, S. 32. Herbert 
Spencer. Op. cit, Pp. 135, 136; and »Receut Discussions in Science«, P. 36. 
Tyler. Primitive Oulture, 1891, Third Edition, Vol. I, P. 430. Lehmann. Op. 
cit., S. 494. 

*) Wundt. Völkerpsychologie, Zweiter Band. »Mythus und Religion c 
Zweiter Teil, 1906, S. 85, 87. 



TRAUM UND GLAUBE. 



und häufigste Motiv dieser primären Vorstellung der Schatten- 
seele ist unzweifelhaft das Traumbild .... (Sie) hat allem 
Anscheine nach in Traum und Vision ihre einzige Quelle.« 

Die Vorstellung hat ihre charakteristischen Eigenschaften 
[Sichtbarkeit, Flüchtigkeit und phantastische Veränderlich- 
keit] von den wahrnehmbaren Elementen des Traumes er- 
halten. Es ist für uns nicht notwendig, auf die viel er- 
örterte Frage einzugehen, welche Form des Seelenglaubens 
die ursprünglichste ist. ^) Von grundlegender Bedeutung ist 
für uns die zweifellose Tatsache, daß die Erfahrungen des 
Traumlebens in bedeutsamer Weise zur Entwicklung der Vor- 
stellung von der Seele beigetragen haben. Dies gilt sowohl 
für die Seele des Individuums selbst als für die höherer 
Wesen und besonders für ihre charakteristische Eigenschaft, 
getrennt vom Körper zu existieren. [Räumliche Entfernung, 
Verwandlungsfähigkeit u, s. w.] 

Träume von Verstorbenen haben eine wichtige Rolle bei 
der Gestaltung verschiedener religiöser Vorstellungen gespielt 
und ihr Einfluß war um so größer, weil solche Visionen ge- 
wöhnlich geliebte Anverwandte, vorzugsweise die Eltern er- 
scheinen lassen. Zunächst unterstützen sie, wie Wundt ^) dar- 
legt, die schon durch die Träume im allgemeinen begründete 
Anschauung von dem »anderen Selbst«, von der Seele, die 
getrennt vom Körper leben und sich bewegen kann ; ferner 
bilden sie, wie Spencer ^) im einzelnen ausgeführt hat, eine 
wichtige Quelle des Glaubens an Unsterblichkeit und au das 
Bestehen eines anderen Reiches, in das die Seele nach dem 
Tode ihres Besitzers gelangt. Auch sind sie eine Hauptquelle 
für den Glauben, daß die Verstorbenen die Schauplätze ihres 
früheren Lebens wieder besuchen können, also für die ver- 
breitete Anschauung von den rückkehrenden Seelen oder 



') Siehe z. B. : Irving King, The Development of Religion, 1910, Ch. 6, 
und Marett, »Pre-animistic Religion«, Folklore, 1900, Vol. XI, P. 198, über 
den Streit zwischen den älteren animistisclien und den jüngeren animatistischen 
Hypothesen. 

>) Wundt. Op. cit., S, 90. 

') Spencer. Principles of Sociology, Pp. 182, 201, u. s. w. 



DER ALPTRAUM. 



revenants i), einer Vorstellung, die einen Hauptzug des mittel- 
alterlichen Aberglaubens ausmachte, mit dem wir uns hier zu 
beschäftigen haben. Es ist selten bedeutungslos, wenn die 
Geister Abgeschiedener die Lebenden im Traume besuchen; 
für den Wilden ist es manches Mal von guter, häufiger aber 
von böser Vorbedeutung und in letzterem Fall müssen die 
Geister auf verschiedene Weise entsühnt werden.^) Das ehr- 
fürchtige Verhalten gegenüber den im Traum erscheinenden 
Geistern der Abgeschiedenen ist eine der Hauptquellen für 
die Ahnen- Verehrung. Wenn auch Spencers 3) Behauptung, 
daß diese die Grundlage aller Religionen bildet, in ihrer 
ursprünglichen Form^) nicht mehr aufrecht erhalten werden 
kann, so hat sich doch zweifellos ein großer Teil der späteren 
Religionen nach ihr geformt. 

Ein anderer Glauben, bei dessen Gestaltung der Traum 
eine hervorragende Rolle gespielt hat, ist der an die Trans- 
formation oder Veränderlichkeit, d. h. die Vorstellung, daß 
der Geist eines Menschen in den Körper eines anderen oder 
in den eines Tieres übergehen kann und umgekehrt. Das 
war und ist noch einer der verbreitetsten Aberglauben der 
Welt; bei unzivilisierten Völkern steht er noch in voller 
Blüte ö) und selbst in Europa findet er sich nicht allein in 
der vornehmen Maske der Metempsychose, Wiedergeburt und 
dergleichen, sondern auch in seinen roheren Urformen. Im 
Mittelalter hatte er, da er von der römisch-katholischen 
Kirche akzeptiert wurde, wesentlichen Anteil an der Bildung 
der von uns zu betrachtenden abergläubischen Vorstellungen 

In Folklore«) und Mythologie war die Metamorphoso 
immer ein Lieblingsthema, woran der Leser kaum erinnert 

^) Krauß. Slavische Volksforschungen, 1908, S. 110 III, 

*) Howitt. Native Tribes of South-East Australia, 1904, P. iu. Ling 
Roth. Natives of Sarawa and British North-Borneo, 1896, Vol. I P. 232. 

*) H. Spencer. Op. cit., F. 281 et sequ. 

*) Wundt. Op. cit., S. 346, 347. 

=) Hartland. Primitive Patemity, 1909, Vol. I, Ch. III, Pp. 156 -262. 
Wallace. The Malay Archipelago, Vol. I, P. 251. Piske. Op. cit., P. 164 u. s. w. 

«) H. Spencer. Op. cit., Ch. XXII, Pp. 322-346. 



TRAUM UND GLAUBE. 



ZU werden braucht. Auch in gebildeten Kreisen finden wir 
noch heute interessante Spuren totemistischer Anschauungen, 
ich meine damit Tiere, die als nationale Abzeichen, als 
Wappenschilder, zu Verkleidungen beim Karneval und auf 
der Bühne (Chanteclair), als Spitznamen u. s. w. dienen. Von 
besonderem Interesse in Verbindung mit unserem Thema ist 
die Tatsache, daß die Metamorphose in so ausgedehntem 
Maße und so innig mit Verehrung von Tieren^) verknüpft 
wurde, daß wir zu der Vermutung gezwungen werden, es 
liege ein innerer Zusammenhang zwischen den beiden vor. 
Spencer^) ist der Ansicht, daß die drei Arten, durch die die 
primitiven Menschen dazu geführt wurden, Tiere mit ihren 
Vorfahren zu identifizieren, folgende sind: Erstens die ver- 
stohlene Weise, in der beide Nachts zur Schlafenszeit in die 
Häuser eindringen, zweitens das Vorkommen von Tieren in 
der Nähe von Leichen und Gräbern, drittens die Vermengung, 
die durch die primitive Sprache entstand. Wir werden sogleich 
sehen, daß es noch mehr bedeutsame Assoziationen zwisctien 
den beiden Vorstellungen gibt. Jedenfalls kann mau nicht 
daran zweifeln, daß die Idee der Metamorphose wichtige 
Quellen in den Traumerfahrungen hat, bei denen die tat- 
sächliche Verwandlung einer Person in die andere und das 
Vorkommen zusammengesetzter Wesen — halb Tier, halb 
Mensch — sich so häufig direkt vor den Augen des Träu- 
menden ereignete. 

Wenn der wehrlose Geist die Traumerfahrungen, in denen 
er sich selbst zu fernen Schauplätzen versetzt sieht oder mit 
jemandem spricht, den er im Wachen weit entfernt weiß, als 
wirklich ansieht, so ist sein naheliegender Schluß der, daß 
die Fahrt tatsächlich stattgefunden hat, und zwar in einem 
unglaublich kurzen Zeitraum. ^) Die Ähnlichkeit zwischen 
dem schnellen Flug der Vögel und seinen eigenen Flugträumen, 

^) Marion Cox. An 'Introduction to Folklore. Second Edition, 1904. 
Ch. 11, Pp. 86-129. 

*) Spencer. Op. cit., Pp. 345, 346. ;, ,,: /^ . • - 

•) Spencer. Op. cit., P. 136. ..;.•... t. , , _.,.:'.. .;- 



1 



a 



DER ALPTRAUM. 



die, wie Wundt ^) gezeigt hat, wichtige Beiträge zu der Vor- 
stellung von beschwingten Wesen lieferten (Engel u. s. w.), 
dienten dazu, den Glauben an die Nachtflüge hervorzurufen, 
der von großem Einfluß auf verschiedene mittelalterliche 
Ideen war. 

Die Schlüsse, zu denen ich bis jetzt gelangt bin, sind 
also : Erstens, Träume haben eine wichtige Rolle gespielt 
beim Entstehen des Glaubens an eine freie Seele, die sich 
getrennt vom Körper bewegen kann, an fabelhafte und über- 
natürliehe Wesen, an die Fortdauer der Seele nach dem Tode 
mit ihrer Macht, vom Grabe zurückzukehren und die Lebenden, 
besonders bei Nacht, zu besuchen, an die Verbindung mit 
den Geistern der abgeschiedenen Vorfahren, woraus sich 
deren Verehrung ergab, an die Möglichkeit, daß sich Menschen 
einerseits und Menschen und Tiere anderseits in einander 
verwandeln können, an die Identität der Geister von Tieren 
mit denen der Vorfahren und an die nächtlichen Fahrten dui'ch 
die Luft. Zweitens, die verschiedenen hier aufgezählton An- 
schauungen sind untereinander enge verknüpft. Die Erklärung 
dieser bemerkenswerten Verbindung zwischen offensichtlich so 
weit auseinander liegenden Ideen war immer unmöglich, bis 
Freuds Entdeckung der Psychoanalyse ein entsprechendes 
Instrument zur Erforschung der tieferliegenden Charakteristica 
des menschlichen Geistes schuf. Im Verlaufe unserer Abhand- 
lung wird die Bedeutung dieser merkwürdigen Verbindung 
klarer werden. 

Frühere Forschungen, das Problem betreffend, welche 
Rolle der Traum bei der Entstehung der verschiedenen Arten 
von Aberglauben und Mythus gespielt hat, beschränkten sich 
auf die Betrachtung des oberflächlichen Trauminhalts. 
Freuds ^) epochemachende Aufklärung des »latenten« Inhalts, 
der hinter dem »manifesten« Inhalt, d. h. dem Traum, wie 
er direkt wahrgenommen wird, liegt, ermöglicht es uns, 
wichtige Fortschritte in dieser Forschung zu machen und 
wirft ein helles Licht auf viele Probleme, die früher ganz 

') Wurdt. Op. cit, S. 113. 

*) Freud. Die Traumdeutung, 1900. Dritte Auflage, 1911. 



*^V 



TRAUM UND GLAUBE. 



im Dunkeln lagen. Eine sehr bald darauf folgende Entdeckung, 
die nach Winken Freuds von Abraham ^), Rank ^) und Riklin ^) 
ausgearbeitet wurde, war die, daß der Mythus und verwandte 
Schöpfungen der Phantasie nach fast demselben Plan gebaut 
sind wie der Traum und daß der latente Inhalt oder die Be- 
deutung, die beiden zu Grunde liegt, weitreichende Ähnlich- 
keiten zeigt. Wir werden sehen, daß sich dies auch bei ge- 
wissen abergläubischen Vorstellungen bestätigt. Die Ent- 
deckung dieser Ähnlichkeit in der Struktur aber erschwert 
das Problem, wie groß der Einfluß des Traumes bei der Ent- 
stehung dieser anderen Schöpfungen der Einbildungskraft 
war. Dabei hilft uns folgende Überlegung : wenn auch die 
verschiedenen Äußerungen unbewußter Kräfte danach streben, 
sieh in symbolischen Sprachen von sehr ähnlicher Art auszu- 
drücken, so gibt es doch entsprechend den besonderen psycho- 
logischen Umständen, unter denen man träumt, bestimmte 
Züge, die für die Symbolik des Traumes höchst charakteristisch 
sind. Ich brauche bloß an seine ausgesprochen visuelle Natur 
zu erinnern. Wenn sich also der latente Inhalt einer be- 
stimmten Gruppe von Mythen oder Aberglauben als identisch 
mit dem eines verbreiteten Traumtypus erweist, so ist man 
noch nicht berechtigt, daraus zu schließen, daß wirkliche 
Traumerfahrungen bei ihrer Schöpfung im Spiele waren, 
sondern sie müssen sich außerdem noch in einem der ver- 
schiedenen für die Traumspraehe chai-akteristischen Symbole 
äußern. Die andere Unterlassung allerdings, die von allen 
Forschern vor Freud begangen wurde, ist viel radikaler, 
nämlich, das Problem für gelöst zu halten, wenn man einfach 
die Ähnlichkeit zwischen gewissen Arten von Aberglauben 
und gewissen Träumen aufweist. Bei den abergläubischen 
Vorstellungen *) und psychoneurotischen Symptomen ^), bei 



•) Abraham. Traum und Mythus. 1909. 
*) Rank. Der Mythus von der Geburt des Helden, 1909. 
*) Riklin. Wunscherfüllung und Symbolik im Märchen, 1908. 
*) Op. cit., P. 18. 

*) The Relationship between Dreams and Fsychoneurotic Symptoms, 
Amer. Journ. of Insanity, Oct. 1911. 



iS 



10 DER ALPTRAUM. 



denen dieselben Überlegungen am Platze sind, habe ich auf 
die Tatsache Nachdruck gelegt, daß an diesem Punkte die 
wichtigsten Probleme erst beginnen. Die Hauptfrage ist, 
ob die einem Glauben oder einem Symptom zu Grunde 
liegende Bedeutung identisch mit der eines bestimmten 
Traumes ist und worin sie besteht. Bei dem Versuche also, 
festzustellen, ob Träume als Quelle eines bestimmten Glaubens 
anzusehen sind, müssen wir uns streng an zwei verschiedene 
Kriterien halten, erstens an die Identität des latenten Inhaltes 
der beiden und zweitens an die Identität der Symbolik. 

Wir wollen nun von diesem Gesichtspunkt aus kurz 
einige Träume betrachten, von denen man annahm, daß sie 
Einfluß auf die oben erwähnten abergläubischen Vorstellungen 
hatten. Dazu müssen natürlich die betreffenden Träume von 
einer Art sein, die einer großen Anzahl von Menschen, wenn 
nicht der Mehrzahl, gemeinsam ist. Nun ist ein Traum, je 
»typischer« er ist, d. h. einer je größeren Anzahl Menschen er 
gemeinsam ist, desto sicherer seinem latenten Inhalt nach 
sexueller Art. ^) Wir müssen also darauf voi-bereitet sein, zu 
finden, daß jeder durch Träume hervorgerufene Glauben 
seiner Natur, d. h. seinem latenten Inhalt nach, ebenfalls 
sexuell ist. 

Träume von Menschen, die in Wirklichkeit tot sind, 
finden sich am häufigsten und am meisten mit Affekt besetzt, 
wenn der Tote Vater oder Mutter vertritt. Sie sind häufig 
von Liebe oder Haß durchsetzt und verdanken ihren letzten 
Ursprung Inzestmotiven, die in der Kindheit verdrängt und 
seitdem vergessen wurden. Diese Tatsache ist von besonderer 
Wichtigkeit in Verbindung mit solchen Themen wie Ahnen- 
verehrung und dem Besuch von Geistern aus dem Grab bei 
Lebenden. Die Schlüsse wurden in weitem Umfange durch 
tatsächliche Psychoanalyse neurotischer Patienten bestätigt. 

In betreff der Träume, bei denen Tierfiguren eine vor- 
herrschende Rolle spielen, soll der Leser zuerst an die Tat- 
sache erinnert werden, daß für den ungebildeten Geist, z. B. 
für Kinder und Wilde, die weite Kluft, die die Gebildeten 



1) Freud. Op, cit., S. 174—221. 



-^1S!«» 



TRAUM UND GLAUBE. jj 



zwischen Tioren und menschlichen Wesen sehen, viel weniger 
deutlich ist. Fiske i) sagt: »Nichts ist charakteristischer für 
das primitive Denken als die enge natürliche Verbindung, 
:• die es zwischen Mensch und Tier annimmt. Die Lehre von 

der MetempsychosG, die sich in der einen oder anderen 
l Gestalt in der ganzen Welt findet, schließt eine ursprüngliche 

;: Identität zwischen den beiden in sich.« Hartland ^) sagt 

r ähnlich: »Die Grenzlinien, die wir zwischen den niedrigeren 

Tieren, dem Pflanzen- und Tierreich auf der einen Seite und 
den menschlichen Wesen auf der anderen Seite ziehen, gibt 
es auf einer tieferen Kulturstufe nicht. « Diese Verwandtschaft 
wird selbst von den gebildeten Klassen noch mit verschiedener 
f Deutlichkeit gefühlt, eine Tatsache, die in der Literatur ■^) häufig 

j ausgenutzt wurde. Wie jung unser gegenwärtiges Verhalten 

\ gegenüber den Tioren ist, kann man daraus beurteilen, daß 

l ihnen in nicht fernen Zeiten menschliche Verantwortlichkeit 

'i . zugeschrieben wurde; es wurde feierlich über sie Gericht ge- 

t halten und sie wurden als Mörder*) zum Galgen verurteilt. 

;, In einer Gerichtsverhandlung vom Jahre 1516 ermahnte der 

' Gerichtshof von Trojes die Raupen, die einige Distrikte ver- 

^ beert hatten, bei Strafe des Fluches und der Exkommunikation •'') 

! sich innerhalb einer bestimmten Anzahl von Tagen zu ent- 

l fernen. Erst im Jahre 1846 wurde das englische Gesetz 

t »deodand« aufgehoben, demzufolge ein Tier, das jemanden 

; verletzt hatte, als dem Gesetze verfallen erklärt und zu 

|i , Gunsten der Armen verkauft wurde. 

B Natürlich ist in Sphären, wo die herrschenden Interessen 

I für Menschen und Tiere gemeinsamer Art sind, der Unter- 

1; schied zwischen den beiden weniger scharf als anderswo und 

:,' zweifellos ist der Zug der Tiere, der das höchste Interesse 

f erregt, ihre Freiheit, Bedürfnisse, die die Menschen häufig 

i zurückhalten müssen, besonders Bedürfnisse sexueller und 

») Fiske. Op. eit, P. 74. 
: *) Hartland. Op. eit., P. 250. 

f *) E. g. bei H. G. Wells in seinem Seliauerroman »The Island of 

p Doctor Moreau«, 

I *) Lawrence. The Magic of the Horse-Shoe, 1899, Pp, 308—311. 

:. ') Cesaresco. Essays in the Study of Folk-Songs, P. 183. 



■ T 



*2 DER ALPTRAUM. 



exkrementeller Natur, offen zu befriedigen; in der Tat wird 
der Ausdruck »tierische Leidenschaften« allgemein verwendet, 
um sexuelle Gefühle anzuzeigen. Das Kind erlangt seine 
erste Erfahrung von sexueller Betätigung häufig dadurch, daß 
es ihr Zeuge bei Tieren wird und jeder Psychoanalytiker 
weiß, wie bedeutsam dieser Einfluß sein kann. Tiere eignen 
sich deshalb ausgezeichnet zur symbolischen Darstellung von 
rohen und ungezügelten Wünschen. Die analytische Erfahrung 
hat gezeigt, daß das Vorkommen von Tieren im Traum regel- 
mäßig ein sexuelles Thema andeutet, wofür das Mädchen, das 
von einem wilden Tiere verfolgt oder angegriffen wird, ein 
typisches Beispiel ist. 

In zahlreichen Mythen ist die sexuelle Bedeutung der 
Verwandlung vom Mensch zum Tier vollkommen klar. 
Riklini) hat deutlich gezeigt, wie die stufenweise Über- 
windung des jungfräulichen Absehens und Widerstandes gegen 
sexuelle Beziehungen in der bekannten Gruppe der Märchen 
symbolisiert wird, in denen der wunderbare Prinz zuerst 
in der Gestalt eines abstoßenden Tieres auftritt, um seine 
wahre Person im geeigneten Moment zu zeigen. In vielen 
Varianten ist der Prinz bei Tag ein Tier und nimmt seine 
wahre Gestalt bei Nacht an, wie es bei dem Sohne Indras »), 
dem Prototyp dieser Gruppe, der Fall war. In der grie- 
chischen Mythologie nahmen die Götter bei ihren Liebesaben- 
teuern häufig Tiergestalt an ; man denkt sofort daran, wie Zeus 
die Persephone in Gestalt einer Schlange verführte, die Leda 
als Schwan, die Europa als Stier. Die zuerst genannte Gestalt 
nahm auch Apollo bei Atys an, während er bei anderen Ge- 
legenheiten als Schildkröte auftrat. Die Götter in dieser 
Hinsicht nachzuahmen, wurde zu Zeiten direkt ein religiöser 
Ritus, so wenn die Frauen in Mendes »sich nackt und öffent- 
lich den Umarmungen der heiligen Ziege, die die Inkarnation 
der schöpferischen Gottheit darstellte, hingaben. s) 

*) Riklin. Op. cit, Seite 41—46. 

^) R. Burton. Adaptation of »Vikram and the Vampire«, 1893,PrefaceP. 15. 

') Moses. Pathological Aspects of ßeligions, 1906. P. §5. 



'^I^^. 



-■"t^< 



DER ALPTRAUM. 13 



Andere Typen von Träumen, die Einfluß auf die von 
uns beobachteten Anschauungen genommen haben, werden in 
der geeigneten Verbindung besprochen und die Beziehung 
zwischen den verschiedenen behandelten Themen aufgezeigt 
werden. 

II. Der Alptraum. 

Es ist allgemein bekannt, daß der Alptraum einen 
größeren Einfluß auf die Phantasie des Wachlebens der 
Menschen gehabt hat als irgend eine andere Traumart. ^) Dies 
trifft besonders bei der Entstehung des Glaubens an böse 
Geister und Ungeheuer zu. Clodd^) z. B. bespricht die »be- 
sonders intensive Art des Träumens«, die »Alpträume« heißt, 
wenn scheußliche Gespenster auf der Brust sitzen, den Atem 
zum Stocken bringen und die Bewegung hemmen, denen die 
Ungeheuern Mengen nächtlicher Dämonen, die das Folklore 
der ganzen Welt erfüllen und die in unendlich vielen abstoßen- 
den Gestalten ihren Platz in der Hierarchie der Religionen 
gehabt haben, ihren Ursprung verdanken. Einige Mytho- 
logen führen sogar den Glauben an Geister überhaupt auf 
die Erfahrungen der Alpträume zurück. So bemerkt Golther^) : 
»Der Seelenglauben beruht zum großen Teil auf der Vorstellung 
von quälenden Druckgeistern. Erst allmählich entstand 
weitei'hin der Glaube an Geister, die den Menschen nicht nur 
quälten und drückten. Zunächst aber ging der Gespenster- 
glaube aus dem Alptraum hervor.« 

Dies ist nicht verwunderlich im Hinblick auf den Um- 
stand, daß die Lebhaftigkeit der Alpträume die der gewöhn- 
lichen bei weitem übersteigt. Waller *) sagt aus eigener Er- 
fahrung: »Der Grad der Bewußtheit während eines Alp- 
traums ist so viel größer als sonst bei einem Traum, daß 

') E. H. Meyer. Germanisclie Mythologie, 1891, S. 10, 61, 76—79. 
Wundt. Völkerpsychologie, Zweiter Band, »Mythus und Religion,« Zweiter 
Teil, 1906, S. 118—122. 

*) Clodd. Myths and Dreams, 1891, P. 171. 

*) Golther. Handbuch der germanischen Mythologie, 1895, S. 76. 

*) Waller. A. Treatise on the lucubus or Nightniare, 1816, Pp. 28—29 



1* DER ALPTRAUM. 



derjenige, der eine solche Vision hatte, sich schwer ent- 
schließen kann, die Täuschung anzuerkennen. . . .« 

Ich weiß in der Tat nicht, wie man sich davon über- 
zeugen könnte, daß der Erscheinung, die man während eines 
Anfalls von Alpdruck hatte, keine Wirklichkeit zukommt, 
wenn nicht das Zeugnis anderer Personen, die zu der Zeit 
gegenwärtig und wach waren, dagegen spräche. 

Bevor wir die Rolle besprechen, die den Alpträumen bei 
der Entstehung abergläubischer Vorstellungen zukam, müssen 
wir zuerst einiges über sie selbst sagen. Die drei wichtigsten 
Züge des typischen Alptraumes sind: erstens quälende 
Angst, zweitens ein erstickendes Beklemmungsgefühl auf der 
Brust, drittens die Überzeugung, hilflos gelähmt zu sein. 
Regelmäßig wiederkehrende, aber weniger auffällige Züge 
sind : der Ausbruch von kaltem Schweiß und konvulsivisches 
Herzklopfen; gelegentlich kommt es zu einem Samenfluß 
oder zu einer Ausscheidung aus der vagina oder sogar zu 
einer Lähmung der Schließmuskeln. Die Erklärungen des 
Zustandes, die noch jetzt in medizinischen Kreisen in Umlauf 
sind und die ihn auf Störungen der Verdauung oder der 
Blutzirkulation schieben, sind wahrscheinlich weiter entfernt 
von der Wahrheit als irgend welche andere medizinische An- 
sichten und mit den wirklichen Tatsachen vollkommen un- 
vereinbar. In einer früheren Abhandlung über diesen Gegen- 
stand 1) habe ich gegen die Erklärungen eingewendet, a) daß 
sie ihrer Natur nach nicht imstande sind, die wichtigsten 
Symptome des Zustandes zu erklären und h) daß die ungerecht 
beschuldigten Paktoren nicht damit in Zusammenhang gebracht 
werden können, insofern sie häufig bei Leuten vorkommen, 
die nicht an Alpträumen leiden, und gewöhnlich denen fremd 
sind, bei denen sie sich finden. 

^ Diese Paktoren können also höchstens als Veranlassung, 
nicht aber als Ursache wirken ; letztere findet man, wenn 
man dem Hauptsymptom nachgeht, nämlich der tödlichen 
Angst, üb er welches Thema ich an anderer Stelle des 

. ') »Ou tlie Nightmarec, Amer, Journal of Insanity, Jau. 1910, Pp. 383-417. 



■../- 



DER ALPTRAUM. jg 



längeren gesprochen habe. ') Nachdem ich dargelegt hatte 
wie Freud im wesentlichen ihre Abhängigkeit von verdrängter 
Libido bewiesen, habe ich die Schlüsse aus dieser Abhand- 
lung in folgenden Behauptungen zusammengefaßt. »Der Alp- 
traum ist eine Art von Angstanfall, der im wesentlichen auf 
emem heftigen, seelischen Konflikt beruht, dessen Mittelpunkt 
eme verdrängte Komponente des psycliosexuellen Trieblebens 
bildet ; er kann durch irgend welche periphere Reize hervor- 
gerufen werden, die dazu dienen, diesen Komplex verdrängter 
Gefühle zu erwecken; die Wichtigkeit aber, die in dieser 
Verbindung solchen peripheren Reizen als Faktoren bei der 
Entstehung des Affektes zukommt, wurde in der Vergangen- 
heit stark überschätzt.« Ich habe hinzugefügt, daß die Ver- 
drängung der weiblichen masochistischen Sexualtriebe zur 
Schaffung des typischen Alptraums geeigneter ist als die 
der männlichen, eine Ansicht, der auch Adler 2) beistimmt. 
Der latente Inhalt des Alptraums besteht in einer Darstellung 
des normalen Geschlechtsverkehrs, und zwar in einer Art, 
die typisch für die Frau ist: der Druck auf der Brust, die 
äußerste Hingabe des eigenen Selbst, die durch das Lähmungs- 
gefühl dargestellt wird, ferner die eventuelle Genitalsekretion 
zeigen dies direkt an und die anderen Symptome, das Herz- 
klopfen, der Schweiß, das Erstickungsgefühl u. s. w. sind bloße 
Übertreibungen der Vorgänge, die man normalerweise 
während des Aktes erlebt. 

Besonderer Nachdruck muß auf die Tatsache gelegt werden 
daß Wünsche, die auf diese Weise erfüllt werden, immer zu 
den gewaltsam verdrängten gehören. Diese Bemerkung erklärt 
zwei wichtige Tatsachen, vor allem, wie es kommt, daß die- 
selbe Person das eine Mal einen Alptraum, das andere Mal 
einen Wollusttraum haben kann. Dies hängt hauptsächlich 
von dem Objekt des Wunsches ab ; wenn das Objekt eine 
zufällige Bekanntschaft, besonders wenn es verhältnismäßig 

') >TUe Pathology of Morbid Anxiety., Journ. of Abnormal Psycho] . 
June 1911, Vol. VI, Pp. 81-106. 

») Alf. Adler. .Der psyclusehe HermapbroditiBmue im Leben und in der 
Neurose«, Fortsohr. d Med., 21. April 1910, 8. 4«?. 




16 DER ALPTRAUM. 



leicht erreichbar ist, ist die Verdrängung natürlich leichter, 
so daß ihr Effekt praktisch zu nichte gemacht wird. Unter 
diesen Umständen kann durch die normalerweise im Traum 
eintretende Herabsetzung der endopsychischen Zensur ein 
erotischer Wunsch, der im Wachzustand vielleicht unterdrückt 
wurde, im Traum seine eingebildete Erfüllung finden. Im 
Fall des Alptraums, wo die Verdrängung ihren Höhepunkt 
erreicht, ist das Objekt des Wunsches immer eine Person, 
an die in solchem Zusammenhang zu denken die hemmenden 
Motive der Moral und Gesellschaft verbieten. Es ist deshalb 
verständlich, daß die Psychoanalyse solcher Träume als 
Gegenstand des Wunsches einen nahen Anverwandten zeigt. 
Dies ist am häufigsten der entsprechende Elternteil und 
gewöhnlieh ist der Wunsch die Verstärkung einer ursprüng- 
lichen Inzestneigung. Zweitens ist es, wie ich anderswo 
gezeigt habe ^), eine von den Ärzten bei ihrer Diskussion 
über die Pathogenese der Alpträume übersehene wichtige 
Tatsache, daß alle Stufen zwischen den extremsten Typen 
dieser und der normalen erotischen Träume vorkommen. Wenn 
die Verdrängung nicht zu stark ist, so enthält der Traum 
eine Mischung angenehmer und peinlicher Sensationen, d. h, 
er stellt eine sexuelle Szene dar, die nicht durchaus angenehm 
ist. Wenn die Verdrängung noch größer ist, so kann die 
Angst das Wollustgefühl überwiegen und in dem extremen 
Fall des typischen Alptraums ersetzt sie letzteres ganz. Alle 
Stufen dieser Mischung von ängstlichen und erotischen Ge- 
fühlen können vorkommen, eine Tatsache, die durch die ver- 
schiedenen auf unser Thema bezüglichen Arten von Mythus 
und Aberglauben vielfach illustriert wird. 

Wir haben oben von der Lebhaftigkeit und dem Eindruck 
der Wirklichkeit bei den Alpträumen gesprochen; es ist deshalb 
nicht verwunderlich, daß sie zu allen Zeiten und in allen Län- 
dern der Gegenwart wirklicher fremder Wesen zugeschrieben 
wurden. Ich brauche bloß an den griechischen Ephialtes zu 
erinnern, den germanischen Alp, die altdeutsche mara, den 



^) I. Op. cit. Pp. 411 - 413. 



L_ 



- ««JU-Jl - I" U-1 



DER ALPTRAUM. j^ 



schweizerischen schratteli, den mittelalterlichen Inkubus den 
schottischen Leamain Sith, den russischen Kikimara, den ar- 
kadischen Kiel-uddakarra, den assyrischen Ardat^), den tas- 
manischen bösen Geist 2), den australischen Mrart^), den Autu *) 
aus Borneo Eine starke Bestätigung der oben ausgesprochenen 
Ansichten bildete der Umstand, daß alle diese Druckgeister 
m charakteristischer Weise Buhlgeister sind. Selbst die in 
der Wissenschaft gebrauchten Ausdrücke zur Bezeichnung 
des Alptraums, nämlich Inkubus und Ephialtes, bedeuten 
ursprunglich einen Buhldänion. In anderen Worten, mit 
alleiniger Ausnahme der modernen Ärzte hat man den Alp- 
traum stets als sexuellen Angriff von Seite eines lüsteriien 
Dämons aufgefaßt. Wir haben gesehen, daß dieser Volks- 
glaube m gewissem Sinn seine Berechtigung hat. Die Ansicht, 
daß der Vorgang im wesentlichen sexuell ist, war durchaus 
richtig ; aber die unbewußten Wünsche, denen er entsprang 
wurden von dem Subjekt auf die Außenwelt projiziert, w^ 
es Freud s) bezüglich des Aberglaubens überhaupt gezeigt 
hat. Die Wissenschaft also, die den Volksglauben bei Seife 
schob, verwarf damit die Wahrheit ebensowohl wie den Irrtum • 
die Beobachtungen des Volkes waren wie gewöhnlich richtig' 
aber ihre Erklärungen wie gewöhnlich falsch. 

Daß das im Traum gesehene Objekt furchtbar oder ab- 
scheulich ist, hat seinen Grund einfach darin, daß die Ver- 
drängung die Darstellung des zu Grunde liegenden Wunsches 
in seiner nackten Gestalt nicht erlaubt und die Erscheinung 
daher ein Kompromiß des Wunsches einerseits und der heftigen 
aus der Hemmung entstandenen Furcht andrerseits ist 
Maury6) bemerkt ganz richtig: »Le dormeur s'imaginait 
etre lutinö par un esprit, oppressö par les impurs embrasse- 
ments d'un ddmon incube ou suceube L'origine de oette 

^) Leuormant. Chaldean Magie, English Trans, 1877 P. 38. , 

=*) Weat. The History of Tasmania, 1852, Vol. II. P 90. 
- V ^) Howitt. The Native Tribes of South-East Australia, 1904 P 439 

') Ling Roth. The Natives of Sarawak and British North BÖrneo, 1896 

*) Freud. Zur Psychopathologie des Alltagslebens, Dritte Auflage 1910 

S. 133, ' ' 

•) Maury. La Magie et Pastrologie, 1860, p. 254. 
Jones, Alptraum. S 



18 



DER ALPTRAUM. 



croyance s'oxpliquo par le fait qu'une Sensation voluptueuso 
en reve est presque toujours accompagnee d'im sentinieiit 
desagröable.« Naslio ^), der vor mehr als 300 Jahren über die 
»Schrecken der Nacht« schreibt, scheint ebenfalls eine Vor- 
ahnung derselben Erklärung gehabt zu haben. »Wenn die 
Nacht unseren Blick in ihrem schmutzigen Gefängnis einge- 
kerkert hat und wir jeder für uns in unserem Zimmer ein- 
geschlossen sind, dann hält der Teufel in unserem schuldvollen 
Bewußtsein eine Untersuchung ab. Jeder Sinn legt unserem 
Gedächtnis eine treue Rechnung seiner verschiedenen, ver- 
abscheuungswürdigen Ruchlosigkeiten vor. Die Tafel unseres 
Herzens ist zu einer Liste von Unbilligkeiten verwandelt 
und alle unsere Gedanken sind nur Sätze, die uns ver- 
dammen Deshalb sind die Schrecken der Nacht größer 

als die des Tages, weil die Sünden der Nacht die des Tages 
übersteigen.« 

Gegen Leistners interessanten Versuch, die Spuren der 
Alptraummotive durch eine große Gruppe von Mythen zu 
verfolgen, hat Wundt ^) eine Einwendung erhoben, die zwar 
logisch, aber nicht so wichtig ist, als sie im ersten Moment 
erscheint, daß er nämlich nicht genügend zwischen dem 
Alptraum und anderen Formen der Angstträume unterscheide ; 
es ist daher notwendig, einige Worte über diese zu sagen. 
Der Alptraum unterscheidet sich von anderen Arten des Angst- 
traumes (Fratzentraum, Prüfungstraum, Verfolgungstraum etc.) 
darin, daß sein latenter Inhalt in höherem Grade speziell 
und stereotyp ist. In allen Fällen stellt der latente Inhalt die 
Erfüllung eines verdrängten sexuellen Wunsches dar, aber 
während diese im Alptraum immer nach dem normalen 
Sexualakt gebildet ist, kommen in den anderen Formen des 
Angsttraumes verschiedene sexuelle Wünsche (Perversionon) 
zum Ausdruck, Ein Beispiel dafür wird durch den Traum 
von dem angriffslüsternen, schrecklichen Tier geliefert, das 
gewöhnlich die Verbindung von Lust mit Brutalität oder 

^) The Works of Thomas Nashe. Edited by Me Kerson, 1904, Vol. I, 
Pp. 345, 386. 

*) Wundt. Op. cit., S. 122, 



DER ALPTRAUM. . jg 



Grausamkeit (Algolagnie) symbolisiert. Zu den Mythen 
die auf derselben Basis stehen, schreibt Leistner')- .Hier 
kommt es uns darauf an, ein für allemal anzudeuten, daß 
auch dieser Zug der Alpsagen durchaus den Erfahrungen des ^ 
Alptraums entspricht und daß es guten physiologischen 
Grund hat, wenn die Sage die bekannte Verbindung der 
Grausamkeit mit der Wollust den Mittagsgeistern zuschreibt.« . • 

Die Vermutung des Ursprungs aus Träumen legen die 
verschiedenen Vorstellungen von unmöglichen Ungeheuern 
sehr nahe, besonders derjenigen, die aus einer Mischung von 
zwei oder mehreren Tieren zusammengesetzt sind (Verdich- 
tungsmechanismus des Traumes). 

Diese Gruppe von Vorstellungen ist, wie man wohl weiß 
sehr ausgedehnt.^) Der Glaube an die wirkliche Existenz 
solcher Ungeheuer hat sich bis auf unsere Zeiten gut erhalten 
und ist auch jetzt unter den Gebildeten ^) noch nicht ausgestorben 
Der Fratzentraum ist mehr als alle anderen eine ergiebige 
Quelle für die Schöpfung der phantastischen menschlichen 
Karikaturen und der halb menschliahen, halb tierischen 
!< iguren, die in der Mythologie hervortreten. Wundt *) schreibt ■ - 

-Wer kann in dem Zwerg das Abbild der vielen Traumfratzen i 

mit gewaltigem Kopf und Angesicht, wer in den grinsenden ■ 

Tiermasken vieler Völker und schließlich noch in dem Gor- 
gonenangesicht der ältesten griechischen Kunst die Ähnlich- 
keit mit den Gesichtsverzerrungen der Reizträume verkennen ^ 
Daß diese Gattung der Träume eine Quelle neben anderen, und 
daß sie in Anbetracht der durch alle Einflüsse der Traum- ^ ! 

Vision bezeugten intensiven psychischen Wirkung der Träume 

meht die unbedeutendste ist, kann daher als im höchsten ' 

Grade wahrscheinlich gelten.« [ 

Wir wollen nun die Züge der Vorstellungen zusammen-" 1^ 

fassen, die zu Gunsten eines Ursprungs aus Angstträumen . 1 

^P^^^^^^^- ^or allem muß das Vorkommen der Angst selbst ' | 

') Leistner. Dag Rätsel der Sphinx, 1889. Bd. l S. 46. ^^ 

") Meyer. Op. cit., S. 97. • i . . . ^ 

») Gould. Mythicai Monsters, 1886, Cli. IX, »The Sea-Serpent* • • 

*) Wundt. Op. cit,, S. 116. " ' 

■ ■ ■ > 



ii 



20 



DEE ALPTllAUM. 



in einer mytliischen Vorstollung zumindest immer an die 
Möglichkeit eines solchen Ursprungs denken lassen, denn wenn 
die Angst natürlich auch unter anderen Umständen als im 
Traume auftritt, so erreicht sie doch anderswo — wenn über- 
haupt — Jedenfalls sehr selten den Grad von Intensität, der 
hier ganz gewöhnlieh ist ; ferner, wenn jemand fortwährender 
Angst unterworfen ist, so kann man sicher sein, daß er an 
schweren Angstträumen leidet; weiterhin macht die Möglich- 
keit der Verwandlung, besonders menschlicher Wesen in 
tierische, den Ursprung aus Angstträumen sehr wahrscliein- 
lieh. Das ist besonders der Fall, wenn die Verwandlung von 
einem sehr anziehenden in einen höchst abstolJendon Gegen- 
stand stattfindet, ein sehr häufiger Fall sowohl bei Mythen 
als bei Träumen. Diese Verbindung der zwei Extreme von 
Anziehung und Abstoßung, von Schönheit und Scheußlich- 
keit stellt natürlich die beiden kämpfenden Kräfte von Wunsch 
und Hemmung dar. Wie wenig entsprechend die Ansichten 
sind, die solche Traumerfahrungen auf Schwankungen der 
gastrischen Tätigkeit zurückführen, wird hier peinlich klar: 
So bemerkt auch Fisko^) »Verdauungsstörungen erklären nicht 
das Erscheinen schöner Frauen durch die Schlüssellöcher.« 

Schließlich, und dies ist von größter Wichtigkeit, macht 
die Verbindung von Angst mit Inzestmotiven den Ursprung 
aus Alptraum-Erfahrungen sehr verdächtig, denn diese ent- 
halten wenig anderes. Die sadistische Auffassung der Sexual- 
betätigung, die sich so viele Kinder bilden, erklärt es, daß 
eines der Eltern im Traum in der symbolischen Gestalt eines 
zum Angriff geneigten Tieres oder Ungeheuers auftritt, wie 
dies sehr häufig geschieht. Die oben erwähnte, bemerkenswert 
enge Verbindung zwischen Totemismus und Ahnenverehrung, 
zwischen den Ideen der Abstammung von einem Tier und 
der Verwandlung menschlicher und tierischer Seelen wird nun 
im Lichte psychoanalytischer Kenntnis der Symbolik unbe- 
wußter verdrängter Wünsche verständlicher. 



1) Fiske. Mytha and Mytli-Makers, 1872, P. 95. 



INKUBUS UND INKUBATION. 21 



III. Inkubus und Inkubation. 

'"" Im Mittelalter war der Glaube allgemein, daß es böse 
Geister gäbe, deren einzige Funktion es sei, mit schlafenden 
Menschen sexuell zu verkehren. Die Besucher der Männer 
hießen sukubi (französisch souleves), die der Frauen inkubi 
(französisch foUets, spanisch duendes, italienisch folletti). Die 
genaue Gestalt, die der Aberglauben im Mittelalter annahm, 
beruht größtenteils auf theologischem Einfluß, während das 
Material von ursprünglichen, im Volke lebenden Vorstellungen 
herstammte. Ein sehr großer Teil der Literatur dieser Zeit 
wird von eingehenden Erörterungen über Natur und Art der 
Tätigkeit dieser Geister eingenommen. Die allgemeine Vor- 
stellung war eng verknüpft mit der vom Teufel und seinem 
Gefolge, so daß der Gegenstand tatsächlich ein Kapitel des 
Teufelsglaubens bildet. Die Kirche in Befolgung des heiligen 
Augustin ^) sah die Inkubi im wesentlichen als höllische Feinde 
an, deren Funktion es sei, die schAvachen Menschen in Ver- 
suchung 2U führen. In der Ausbildung dieser Auffassung 
spielte der heilige Thomas Aquinus^) eine wichtige Rolle. 
Eine interessante, nicht orthodoxe Abweichung bildet im 
siebzehnten Jahrhundert Peter Sinistrari^), der behauptete, 
die Inkubi seien keine Dämonen, sondern höhere Wesen in 
der Mitte zwischen Menschen und Engeln. Nach ihm ließen 
sie sich selbst herab, ehrten aber die Menschheit durch 
ihren Umgang. Anders als bei den bösen Geistern hätte 
der Exorzismus keinen Einfluß auf sie. Diese Ansichten 
vereinigte er wieder in naiver "Weise mit den Aussprüchen 
der Kirche über die Sünde solcher Beziehungen, indem er 
darauf hinwies, daß diejenigen, die die wahre Natur der 
Inkubi nicht kannten, sondern sie für Teufel hielten, ebenso 
schwer sündigten, als wenn diese Geister wirklich Teufel ge- 

1) Augustin. De Civ. Dei., Lib. XV., Kap. 23, Die berühmte Stelle 
ist allzugut bekannt, als daß man sie übersetzen dürfte. 

^) Thomag Aquino. Summa tlieologiea, Pt. I. Quest. 51, Art. 3 — 6. 

') Sinistrari. Demoniality or Incubi and Succubi, Engl. Trans, 1879. 
Pp. 129, 225 u. 8. w. 



22 DER ALPTRAUM. 



wesen wären. Er wollte offenbar auseinandorsetzon, daß ein 
wesentlicher Bestandteil der Sünde der Glauben an die Sünd- 
}_ ■ . haftigkeit der begangenen Tat sei, 

t Frauen scheinen von diesen nächtlichen Bosuchorn mehr 

I geplagt worden zu sein als Männer und Witwen und Jung- 

[ frauen, besonders Nonnen ') mehr als vorhoiratoto Frauen. 

' Klöster waren ein sehr geeigneter Nährboden für die Ver- 

seuchung durch Inkubi und es werden zahlreiche Epidemien 
solcher Besuche berichtet.^) Die theologischen Lehren von der 
Wirklichkeit der Inkubi gestatteten offenbar Vorkomnniisse, 
die sich sonst nicht so deutlich hätten äußern dürfen. 3) 
Eine Lieblingsgestalt, die die Inkubi annahmen, war die 
geistliche; so berichtet Ilioronyinus die Geschichte einer 
jungen Dame, die gegen einen Inkubus uin Hilfe rief, den ihre 
Freunde in der Gestalt des Bischofs Sylvanus unter ihrem 
Bette fanden. Der Ruf des Bischofs hätte gelitten, wäre er 
nicht imstande gewesen, sie zu überzeugen, daß der Inkubus 
sich seine Gestalt angeeignet habe. Dazu bemerkt Reginald 
i Scot*) skeptisch: »Oh ausgezeichnetes Beispiel für die 

^ Zauberkraft des Sylvanus.« Chaucer in «The wife of Baths 

l Tale« deutet verstohlen auf die Gloichhoit von Mönch und 

' Inkubus hin, indem er zeigt, daß die Inkubi seit der Ein- 

führung des bekannten Ordens der Bettelbrüder (limitous) 
r selten geworden seien. 

Denn wo die Elfen sonst gewandelt waren, 
Sieht man den Bettolmönch des Weges fahren. 



Die Frauen gehen sicher her und hin. 

Im Busch und Wald, am schattenreichen Ort, 

Kein andrer Inkubus als er ist dort. 



') Gener. La Mort et lo Diablo, 1880, P. 619. Froimark. Okkultismus 
und Sexualität. S. 349. 

*) Murisier. Los inaladiea du Bontiinont religioux, 1909, F. 49, Pezet 
Contribution ä P^tudo do la dtimonomanio 1909, P. 18. 

') Vgl. I'reud. Zentralblntt f. Payehoanalyse, Jahrg. I, S. 7. 

♦) Reginald Soot. TheDlBOovGrieof Witchcraft. (1B84). 188« Edition, P. 62. 






INKUBUS UND INKUBATION. 23 

' ' ' In den Berichten über die wirklichen Beispiele von In- 
kubus-Besuch ^) tritt eine Tatsache, die für unsere gegen- 
wärtige Erörterung von besonderer Bedeutung ist, mit größter 
Klarheit hervor, nämlich, daß die Natur und Art des Inkubus 
jeden möglichen Grad zwischen der Erregung 
angenehmer Wollust einerseits und äußerstem 
Schrecken und Widerwillen anderseits zeigt. 
Diese Verschiedenheit und die Unmöglichkeit der Abgrenzung 
innerhalb der äußersten Grade zeigt die enge Verknüpfung 
zwischen Angst und Libido ; es erinnert uns lebhaft an die 
völlig gleiche Abstufung, die wir zwischen erotischen und Alp- 
träumen beobachten können. Simon ^) zeigt bei der Erör- 
terung erotischer Halluzinationen, daß sich auch hier derselbe 
Wechsel zwischen abstoßenden und angenehmen Visionen 
findet : »Tantöt le spectre hallucinatoire est de forme agreable ; 
c'est un mari, un amant, une femme aimee et, dans ces cas, 
la Sensation eprouvee par l'hallucine est voluptueuse. Plus 
souvent, peutetre, l'hallucination visuelle est repoussante: il 
s'agit du demon, de quelque etre difforme, d'une vieille femme 
ä l'aspect hideux dont les embrassements sont pour l'aliene 
un objet d'horreur; d'images degoütantes, qui poursuivent le 
malade et qui l'obsedent. Dans ces cas, Thallucination geni- 
tale eonsiste en une Impression douleureuse, ätout le moins, 
penible ou desagreable.« 

Höflers ^) Schluß, daß der Dämonenglaube seinen Ur- 
sprung im Alptraum, der Inkubusglaube im Wollusttraum 
habe, mag daher als richtig angesehen werden, aber man muß 
dazu bemerken, daß sie beide im Grunde ein und das- 
selbe sind, denn ebenso, wie die beiden Traumarten ineinander 
übergehen, so sind auch Teufels- und Inkubusglaube unent- 
wirrbar verschlungen. 

Diese verschiedenen Arten des Inkubusbesuches werden 
von Goerres *) deutlich gezeigt: »tantöt ce sont les angoisses 

^) Siehe z. B. Zitate bei Jacob. CuriosiyB Infernales, Pp. 86—97. 

') Simon. Le monde des reres, 1882, P. 183. 

^) Höfler. Zentralbl. f. Anthropologie, 1900, Band 5, S. 1, 

*\ Goerres. Zitiert bei Delassus, Les incubes et lee succubes, 1897. 



24 DER ALPTRAUM. 



t-- 



de l'etouffement, de la paralysie, tantöt, au contrairo, c'est 
une surexcitation violonte des organes sexuols avec la Sen- 
sation du degagement du Systeme rausculaire, quelque chose 
comme le vertige de la vitesse.« Die Ähnlichkeit der pein- 
lichen Abart mit einem Alptraum oder, besser gesagt, die 
Identität der beiden mag durch ein einziges Beispiel illustriert 
werden. De Nogent *) sagt, daß seine Mutter wegen ihrer 
großen Schönheit die Angriffe von Inkubon auszuhalten gehabt 
hätte. Während einer schlaflosen Nacht erschien ihr plötz- 
lich »der Dämon, dessen Gewohnheit es war, die von Traurig- 
keit zerrissenen Herzen zu überfallen,« von Angesicht und 
erdrückte sie, deren Augen der Schlummer nicht geschlossen 
hatte, fast durch sein erstickendes Gewicht. Die arme Frau 
konnte sich weder bewegen, noch klagen, noch atmen ; . . . 
Die Dienstboten fanden ihre Herrin bleich und zitternd, die 
ihnen die Gefahr schilderte, von der sie bedroht gewesen und 
deren deutliche Zeichen sie trug. Die Beschreibungen der 
entgegengesetzten, lusterregenden Art sind häufig und 
brauchen nicht einzeln angeführt zu werden ; wie zu erwarten, 
nahm der verliebte Inkubus häufig die Gestalt des Lieb- |; 

habers, des verlorenen Gatten u. s. w. an. ^) In den meisten 
Berichten finden sich lustvolle und abstoßende Züge neben- 
einander. Ein ausgezeichnetes Beispiel der vei'borgenon An- 
ziehung, die ein böser Inkubus ausübte, wird von Goerres ^) 
mit feiner psychologischer Einsicht berichtet ; es erinnert uns 
an den Widerstand, dem man noch heute bei der Bemühung 
begegnet, neurotische Patienten dazu zu bewegen, ihre 
Symptome fahren zu lassen: »En 1643, je fus chargö par 
mes superieurs d'aller exorciser une jeune fille de vingt ans 
qui etait poursuivi par un Incube. Elle m'avoua sans d^tour 
tout ce que l'esprit impur faisait avec eile. Je jugeai, d*apres 
ce qu'elle me dit, que malgrß ses dßnegations, eile pretait au 

') Zitiert bei Laurent und Nagour. Oklcultismus und Liebo, Deutsche 
Übersetzung, 1903, S. 109. 

3) Michelet. La Sorci^re, 1863. 3. Edition, P. 108. Delasaus, Op. cit., 
P. 20 u. s. w. 

") Goerres. Zitiert bei Delassus, Op. cit., P. 21. 



h-- 



L 



INKUBUS UND INKUBATION. 25 

demon un consentement indirect. En effet, eile etait toujours 
avertie de ses approches pai* une surexcitation violente des 
organes sexuels ; et alors, au lieu d'avoir recours ä la priere, 
eile courait ä sa chambre et se mettait sur son lit. J'essayai 
d'eveiller en eile des sentinients de confiance envers Dieu; 
nials je n'y pus reussir, et eile semblait plutöt craindre d'etre 
delivree.« Denselben Wechsel zwischen ängstlichen und wol- 
lüstigen Gefühlen bei den Inkubusbesuchen zeigen die Lehren 
der Kirche, die sich mit dem verschiedenen Verhalten der be- 
troffenen Personen dagegen beschäftigen, besonders bezüglich 
der Stärke des geleisteten Widerstandes. Die Erörterungen 
über diesen Punkt ähneln nämlich sehr einer modernen 
Untersuchung über Notzucht. Die Autoren des Malleus Malifi- 
ciarum ^) z. B. scheiden die Teilnehmer in drei Klassen: 
»1. diejenigen, welche sich freiwillig den Inkubi unterwerfen, 
wie es die Hexen tun, 2. diejenigen, welche von den Hexen 
mit den Inkubi oder Sukkubi gegen ihren Willen zusammen- 
gebracht werden, 3. und die dritte Art ist die, zu welcher 
besonders gewisse Jungfrauen gehören, die durchaus gegen 
ihren Willen von Inkubi- Dämonen belästigt werden.« 

Augenscheinlich ging die Entdeckung, daß erotische 
Träume natürliche Ursachen haben und nicht durch den Be- 
such eines fremden Wesens entstanden sind, der entsprechenden 
bezüglich der Angstträume voran. Träume, in denen beide 
Gefühle gemischt waren, wurden deshalb noch weiterhin dem 
Angriff von Seite eines lüsternen Dämons zugeschrieben. 
Im Mittelalter glaubte man, daß bis zum Jahre 1400 der Ver- 
kehr mit den Inkubi nur gegen den Willen des betreffenden 
Menschen stattfand, daß aber nach dieser Zeit das Auf- 
kommen eines Geschlechts von geilen Hexen dazu führte, 
daß die Leute sich freiwillig den Inkubi hingaben.'*) Die 
Erklärung dafür kann nur darin gesucht werden, daß man 
begann, sich von dem Glauben an die Wirklichkeit der halluzi- 
natorischen Objekte in erotischen Träumen freizumachen und 
ihn nur bezüglich der Angstträume zurückbehielt, daß aber 

^) Der Hexenhammer. Deutsche Ausgabe, 1906. Zweiter Teil, S. 197 — 198. 
*) Eeginald Scot. Op. cit., P. 58. 



\ 



DER ALPTRAUM. 



die theologische Ausbildung der Inkubusvorstellung ein Wieder- 
aufleben des ursprünglichen Glaubens bewirkte, daß der 
Partner in einem sexuellen Traum ein wirkliches Wesen sei. 

Selbst im Mittelalter ^) aber und mehr noch in den 
folgenden Jahrhunderten wurden die natürlichen Quellen der 
Erscheinung aufgedeckt, vor allem von den Ärzten. Der 
sexuelle Ursprung des ganzen Phänomens war also in weitem 
Umkreis anerkannt, insbesondere von Seite der Ärzte, aber 
als die Zeit fortschritt, wurde diese Ansieht mehr und mehr in 
den Hintergrund geschoben. Wenn aber sowohl angenehme 
Träume vom Verkehr mit einem Liebhaber als auch unange- 
nehme von dem mit einem bösen Geist ihren Ursprung einer 
erotischen Erregung verdanken, so folgt daraus, daß beide 
Traumtypen miteinander verwandt sein müssen. 

Bei einer der Versammlungen des Bureau d'adresse ^) 
wurde von verschiedenen Ärzten die Ansicht ausgesprochen, 
daß der Inkubusglaube ausschließlich das Produkt der »Macht 
einer lüsternen Einbildungskraft« sei. Nach der Ansicht 
eines dieser Ärzte seien solche Vorstellungen »produitos par 
l'abondance ou la qualite de la semence, laquelle, envoyant 
son espece dans la phantaisie, eile se forme un objet agreablo, 
remue la puissance metrice, et celle-ci la faculte expulstrice 
des vaisseaux spermatiques.« De Saint Andre ^), der Arzt 
Ludwig XV. meinte, daß »L'incube est le plus souvent une 
chimere, qui n'a pour fondement quo le reve, l'imagination 

blessee, et tres souvent l'imagination des femmes 

L'artifice n'a pas moins de part ä l'histoire des incubes. 
Une femme, une fille, une devote de nom, etc., debaucheo, 
qui affecte de paräitre virtueuse, pour cacher son crime fait 
passer son amant pour un esprit incube qui l'obsedc.« 
DalyelH) b emerkt ebenfalls, daß »die Gegenwart der Inkubi 

') Hansen. Zauberwahn, Inquisition und Hexenprozeß im Mittelalter, 
1900, S. 138—139. 

^) Recueil gdn^ral des questions trait^s et Conference du Bureau 
d'adresse, 1656. 

^) De Saint-Andra Lettres au sujot de la magio, des malsSfices et dog 
sorciers, 1725. 

*) Dalyell. The Darker Superstitions of Scotland, 1885, P. 599. 



INKUBUS UND INKUBATION. 



27 



und Sukkubi nur verliebte Phantasien anzeige.« Delassus ^), 
der auf dem sexuellen Charakter des ganzen Gegenstandes 
besteht, sagt, daß die krankhafte Erscheinung des Inkubus 
anzeige : »la victoire de Lilith et de Nahemah, les reines des 
Stryges, sur les imprudents qui ont voulu rester chastes, qui 
ont voulu mepriser les verites eternelles du lingam.« 

Spätere Autoren haben auf die krankhafte Natur der 
Erscheinung Nachdruck gelegt. Macario ^) sagt : »les succubes 
et les incubes sont des malades atteints d'hallucinations de 
la seusibilite genitale.« Leuret 3) erkannte bereits vor achtzig 
Jahren deutlich die Analogie zwischen diesen Glaubensformen 
des Mittelalters und den Halluzinationen Wahnsinniger. Er 
illustriert dies durch einen detaillierten Vergleich einer seiner 
Patientinnen mit einer Frau, der der heilige Bernhard die 
bösen Geister austrieb. »Les hallucinations ont entre elles 
une si grande analogie, que les etres crees par elles 
different seulement dans les accessoires; les descriptions 
qu'en donnent actuellement nos alienes ressemblent aux 
descriptions que donnaient autrefois les saints et les possedes ; 
les noms seuls different. Ainsi, pour savoir tout ce qui 
concerne les incubes, ü suffit d'ecouter un de ces malades 
qui se plaignent de les recevoir pendant la nuit. Les incubes 
sont et fönt encore tout ce qu'ils etaient et faisent jadis.« 
Man wird bemerken, daß im Gegensatz zu den anderen 
abergläubischen Vorstellungen dieser Gruppe die Idee der 
Transformation keinen Bestandteil der Inkubusanschauung 
bildet. Die Ursache dafür ist sehr einfach und zeigt sehr 
wohl die künstliche Natur der ganzen Anschauung. Die Idee 
dieser Transformation fand sieh im Mittelalter immer sowohl 
in der theologischen Vorstellung vom Teufel als auch in 
der vom Volk verbreiteten vom Alp, aber die Kirche defi- 
niert auf künstliche Weise den Inkubus als Dämon in 
menschlicher Gestalt. Wenn er als Tier kam, so war er 
eine andere Art des Teufels und nicht länger ein Inkubus. 

1) Delassus. Op. cit., Pp. 39, 41, 51. 

*) Maeario. »Etudes cliniques sur la demonominie«, Annales med.- 
paychol. 1843, t. I, P. 441. 

*) Leuret. Fragments pBychologiques sur la folie, 1834, Pp. 258, 261—264. 



1i 



i 



28 DER ALPTRAUM. 



Wie ich im letzten Kapitel erwähnte, war und ist der 
Glaube an das Vorkommen eines geschlechtlichen Verkehrs 
zwischen menschlichen und übermenschlichen Wesen einer 
der verbreitetsten Aberglauben der ganzen Welt. ') Im 
Mittelalter fand er sich tatsächlich überall. Verschiedene 
berühmte Leute, darunter Alexander der Große, Cäsar, 
Martin Luther, Plato, außerdem die ganze Rasse der Hunnen 
wurden für Sprößlinge solcher Vereinigungen gehalten und 
die Insel Zypern war nach dem allgemeinen Glauben von 
den Nachkommen der Inkubi bevölkert. Erotische und Angst- 
träume wurden immer auf diese Weise erklärt. Gener ^) z. B. 
sagt : »presque tous Ics peuples de POrient ont recouru aux 
incubes et aus sucubes dans Texplication qu'ils ont donnees 
des reves d'amour et des poUutions nocturnes.« Bei den 
heutigen europäischen Nationen findet sich der Glaube noch 
hie und da im Volk; anderseits scheint er in gewissen 
mystischen ^) und spiritistischen *) Kreisen besonders 
in Frankreich und Amerika neue Lebensfrist erhalten zu 
haben. Hier glaubt man an die Möglichkeit einer Empfängnis 
aus der vierten Dimension. 

Wie oben erwähnt, meinte man, daß der Verkehr ^ 

während des Schlafes nicht nur mit bösen Geistern, sondern 
auch mit göttlichen vorkam. In diesem Zusammenhange 
mögen ein paar Worte über die wohlbekannte Incubation 
gesprochen werden, denn wenn dies auch keine speziell 
mittelalterliche Vorstellung ist, so hielt man doch im Mittel- 
alter daran fest und sie bildet einen lehrreichen Gegensatz 
zu dem Inkubusglauben. In der Tat weist, wie Wundt ^) 
bemerkt, schon allein die Ähnlichkeit der Ausdrücke, 

•) Zahlreiche Beispiele zitiert Freimark, Op. cit., S. 342—348, und 
Gener, Op. cit., P. 340, u. s. w. 

2) Gener. Op. cit., P. 520. 

») Vgl. Bücher wie De Guaita, Temple de Satan ; Des Mousseaux, Los 
hauts phenomenes de la magie; Jules Bois, La Satanisme et la Magie; 
Huysnians, Li-bas, und Bn Eoute, u. s. v/, 

*) Freimark, Op. cit., S. 355, 3G4, 368—9, 376, 385. Peixoto. Archivos 
Brasileires de Psychiatria, 1909, Pp. 74—94. 

^) Wundt. Völkerpsychologie, Band II, Teil II, S. 110. 



INKÜBUS UND INKUBATION. 29 



Inkubus und Inkubation, auf eine innere Beziehung zwischen 

den beiden Vorstellungen hin. Der Gegenstand hat eine erhöhte 

Bedeutung für unseren gegenwärtigen Zweck durch seine 

enge Verbindung mit Ahnenverehrung und Verwandlung in m 

Tiergestalt. " 

Der Vorgang der Inkubation wurde vor allem in bezug \: 

auf Griechenland und Rom untersucht, aber er ist über die 1 

ganze Welt verbreitet und man fand ihn in Zentralamerika ^), | 

Nordafrika-'), Australien»), Borneo *), China-'), Indien«), .' | 

Persien ^) u. s. w. Mehrere verschiedene Verfahren sind unter 

diesem Ausdruck inbegriffen; besonders typisch ist die 

Vereinigung eines Menschen mit dem Gott oder der Göttin 

im Heiligtum des Tempels während des Schlafes, ein Brauch, 

dessen Hauptquelle, wie es scheint, in Ägypten lag. Ferner 

findet sich die Vereinigung mit einem Abgeschiedenen 

auf dessen Grab (Gräberschlaf) oder mit verschiedenen 

Geistern in der Nähe heiliger Quellen, eine Sitte, die 

sich hauptsächlich in Griechenland entwickelte. Durch 

dieses Verfahren wurden mehrere Zeremonien begünstigt, 

die zweifellos erst später aufkamen; aus der ursprünglichen 

Idee der engen Verbindung mit der Gottheit entwickelte sich 

der Brauch, sich ihre Gunst durch die Vereinigung der Männer 

mit Göttinnen zu sichern, z. B. mit der Isis in Ägypten und 

Rom«), mit Serapis in Ägypten, Rom und Canopaea^), mit der 

" 1) Herrara. Historia general de los hechos de los Castellanos en las 

islas yterra firme del Mar Oceane, 1730, Vol. IV, Kap. 4. 

*) Nachtigal, Sahara und Sudan. 1889, Band 3. S. 477. ■ - ■ 

•) Grey. Journals of Two Expeditions of Discovery in Nortli-west 
and Western Australia, 1841, Vol. II, P. 336. 

*) Ling Roth. The Natives of Sarawak and British North Borneo, 
1896, Vol. I, P. 185. 

*) Stoll. Suggestion und Hypnotismus in der Völkerpsychologie. 
Zweite AuHage, 1904, S. 51, 52. 

8) Dulaure. (Krauss Ausgabe.) Die Zeugung in Glaube, Sitte und 
Brauch der Völker, 1908, S. 45, 60, 80. 

') Voyages d'Ibn Batoutah. Trad. franc, 1873, t. I., P. 418. 

•) Alice WaltoD. The Cult of Asklepios, 1894, Pp. 63, 74. 

») Freller. Berichte ü. d. Verband! d. Königl. Sächa. Gesell, d. Wissen- 
schaften zn Leipzig, 1854, S. 196. 



so DER ALPTRAUM, 



Diana in Ephesiis i) und der Ino in Lakedaemon ^) oder durch 

die geheiligte Prostitution der Frauen den Göttern gegenüber, 

z. B. dem Wishnu in Indien % dem Bei *) und Shamash ^) in 

Babylon, dem Ammon in dem ägyptischen Theben*) u. s. w. 

Das bekannteste Beispiel ist der Kultus des Asklepios in 

Epidauros und später an zahlreichen anderen Orten; zuletzt 

gab es 320 solcher Stätten, Die Schwangerschaft war eine 

häufige Folge dieser Vereinigung, wovon ich hier nur zwei 

Beispiele gebe. Als Andromache von Epirus im Traumzustand 

in Epidauros weilte, da hob der Gott ihr Kleid und berührte 

ihren Körper und dieses Erlebnis war von der Geburt eines 

Sohnes gefolgt. 6) Andromeda von Cheos wurde unter denselben 

Umständen von dem Gott besucht, und zwar in Gestalt einer 

Schlange, die auf ihrem Körper lag; sie gebar fünf Söhne. ^) -4^ 

Die Verbindung zwischen Asklepios und der Schlange 
war überhaupt sehr eng, da Schlangen in seinem Tempel 
nicht nur heilige Verehrung genossen, sondern direkt den 
Gott «) bedeuteten ; eine riesige Schlange wurde im Jahre 293 - 
vor Christus nach Rom gebracht, um anzuzeigen, daß er seine 
Schutzherrschaft auf diese Stadt ausgedehnt habe. Zahlreiche 
berühmte Männer wurden von dem Schlangengott erzeugt, 
z. B. Aratus von Sikoun, Aristomenes, Alexander der Große, 
der ältere Scipio, Augustus (in diesem Fall bedeutet die 
Schlange den Apoll, den Vater des Asklepius) u. s. w.«) 
Es^is^wohl bekannt, daß der Schlangengott auf der ganzen 

.. 1) Puschmann. Geschichte der Medizin. 1902, Bd. 1, S. 504. 
■"■"" *) Pauaanias. Attika, Kap. 21. 

^) Dulaure. Loc, eit. 
• - *) Cullimore. Oriental Cylinders, Nr. 71, 76, 109. Prazer. Lectures on 
the Early History of the Kingahip, P. 170. 

'') Johns. »Notes on the Code of the Hamraurabi.. Amer. Joura. of 
Semitic Languages, 1903, Vol. XIX, P. 98. 

«) Mary Hamilton. Incubation, or the eure of disease in Pagan Temples 
aud Christian Churclies, 1906, P. 25. . - — • «^ • •— 

') Hamilton. Op. cit., P. 27. 

«) Siehe besonders Walton, Op. ciL, Op. 13—16, 65, 94. Puschmann, 
Op. cit., S. 169. 

*) Deubner. De incubatlone, 1900, S. 33. -- 






INKUBUS UND INKUBATION. 31 

Erde ^) zu den häufigsten Objekten der Anbetung gehört. 
Selbst die Götter tultivierterer Verbände erscheinen häufig 
in dieser Gestalt, besonders wenn sie in Liebesabenteuer 
verwickelt sind ; so verführte Apollo als Sehlange die 
Atys (wobei er als Andenken an seinen Besuch ein ent- 
sprechendes Zeichen auf ihrem Körper zurückließ), ebenso 
Zeus die Persephone und Odin die Gunnlodh. Die Umstände, 
unter denen sie diese Gestalt annahmen, bieten uns einen 
Schlüssel zur Bedeutung der Schlangensymbolik, und daß diese 
eine phallische ist, ist so wohl bezeugt, daß es unnötig wäre, 
dabei zu verweilen.-) 

Besonderes Interesse bietet es, daß die Schlange nicht 
allein das männliche Glied symbolisiert, sondern speziell das 
männliche Glied des Vaters. Einer der am weitesten 
über die ganze Welt verbreiteten Aberglauben ist es, daß 
Schlangen die Inkarnation toter Vorfahren ^) sind, eine Tat- 
sache, die Schlangen- und Ahnenverehrung in enge Beziehung 
bringt ; eine Ausbildung davon ist der Glaube an individuelle 
Hausschlangen, die das Haus verlassen, wenn die männlichen 
Mitglieder des Hauses, besonders der Vater, sterben.*) Diese 
Vorstellung ist eng verbunden mit dem Glauben, daß die 
Seele (der Lebensgeist) den Schlafenden in Gestalt einer 
Schlange verläßt, die durch den Mund entschlüpf t. •'^) Diege 
Symbolik und der chthonische Ursprung solcher Götter wie 

^) Cp. Deane. The Worship of the Serpent, 1833 ; Du Bosc. The DragoD, 
iQjage and Demon, 1886; Ferguson. Tree and Serpent Worship. ßecond 
Edition, 1872; Howard, Sex Worship, 1902, Ch. VIII, „Tlie Serpent and The 
Cross«; Staniland Wake. Serpent Worship, 1888. 

=*) Riklin. Wunscherfüllung und Symbolik im Märchen, 1908, S. 40—44. 

3) Frazer. The Golden Bough. Third Edition. Part IV. (Adonis, Attis, 
OBiris. Second Edition.) 1907, P. 76, 77. Hartland. Primitive Paternlty, 
1909, Vol. I, P. 109, et seq. Wandt. Op. cit., S. 61—64. 

*) Lang. Myth, Ritual and Religion. Vol. I. P. 57; E. II. Meyer. Ger- 
manische Mythologie, 1891, S. 63, 64, 73; Eoehholtz. Deutscher Glaube und 
Brauch, 1867, Band 1 (Deutscher Unsterblichkeitaglaube), S. 146, 147; 
Wuttke. Der deutsche Volksaberglaube der Gegenwart. 1900, S. 51. 

'■•) Grimm. Deutsche Mythologie, Vierte Ausgabe, 1876, Nachtrag 
S. 247, 312. Thorpe. Northern Mythology, 1851, Vol. I, P. 289. 






t . 



n 



32 DER ALPTRAUM. 



Asklepios ^) überhaupt bilden das Verbindungsglied zwischen 
den Vorstellungen von Schlangen und Gräbern, Schlangen- 
und Ahnenverehrung, Tempelschlaf und Gräberschlaf. 

So wurde die Inkubation ein wichtiges Heilmittel gegen 
die Unfruchtbarkeit und die Gabe des Asklepius, diese zu 
heilen, erbten später eine Reihe christlicher Heiliger, unter 
denen besonders der Erzengel Michael, der heilige Damien und 
der heilige Hubert in dieser Richtung wirksam waren ^) und 
zwar der Letztgenannte noch im 17. Jahrh. in den Ardennen. 
Die Inkubation wurde in Schottland ^) und Irland *) sogar 
noch bis zu einem späteren Zeitpunkt ausgeübt und es ist 
interessant zu bemerken, daß die betreffende Person hier in 
der Haut eines geheiligten Schafes schlief, genau ebenso wie 
die Anbeter des Amon in Theben s) oder die des Ampliiarus 
in Attika. «) In einer wallisischen Kirche in Monmouthshire 
nahm man noch im 19. Jahrhundert ^) dazu seine Zuflucht. 
Im Mittelalter wurden nach und nach drei Veränderungen 
in dieses Verfahren eingeführt. Der Schlaf verschwand und 
an seine Steile trat die Wallfahrt mit Gebeten zu dem Gott 
oder der Göttin; mehr Gewicht wurde auf heilige Quellen 
und Brunnen gelegt als auf einfach geheiligte Stätten und 
die Heilung von Unfruchtbarkeit wurde verallgemeinert zu 
der schwerer Defekte überhaupt, besonders solcher, die im 
Unbewußten mit der Idee der Impotenz oder Sterilität ver- 
knüpft sind (Lahmheit, Blindheit etc.). Der Wechsel des Schau- 
platzes wurde zweifellos durch die enge Verbindung von 
Wasser und Kindesgeburt **) bestimmt. Bis heute werden in 
ganz Schottland ^) und manchen anderen Teilen von Europa 

') i uachmann. Op. cit., Bd. 1, S. 170. 

'') Maury. La magie et l'astrologiö, 1860, Pp. 247, 248, 261. 

») Penuant, Tour, 1772, VoL I. P. 311. Martin. Western Islands, P. III. 

*) Richardson. Tho FoUy ol Pilgrimages, P. 70. 

») Herodotus. Lib. II, Par. 42. 

") Pausanias. Lip. I, Kap. 34. - - 

') Rees. British Medieal Journal, Oct. 30, 1909, P. 1317. 

*) Siehe Otto Rank. Der Mythus von der Geburt des Helden, 1909, 

S. 69, 70. 

ä) Sir Arthur Mitchell. The Fast and The Present. _<.-:__ , 






INKUBUS UND INKUBATION. 33 

heilige Quellen verehrt. Die heutigen Pilger von Lourdes 
wissen wenig davon, daß ihr Zug dorthin durch alte griechische, 
von Inzestwünschen stammende Vorstellungen bestimmt wird. 

Schließlich wurde die Inkubation ausgeübt als Mittel, 
die Zukunft zu erraten oder eine Inspiration herbeizuführen. 
Ein wohlbekanntes Beispiel für letzteres ist die Inspiration 
zu einer Tragödie, die Aeschylos im Traum von Bacchos er- 
hielt; in Irland hing die Wahl der Könige von den Ein- 
gebungen ab, die man durch die Inkubation ^) erhielt. 

Die Beziehung zwischen der Inkubation besonders in 
ihrer ursprünglichen Form und dem Alptraum ist zu klar, 
um einer längeren Ausführung zu bedürfen. Wundt ^) schreibt : 
»In der Tat lassen sich alle diese, der Inkubation im weitesten 
Sinne zugehörigen Tatsachen auf zwei einander in mancher 
Beziehung verwandte Ausgangspunkte zurückverfolgen : auf 
den Angsttraum und auf den Krankheitsanf all.« Es 
ist aber klar, daß die Träume, die in dieser Richtung den 
größten Einfluß nahmen, in der Mitte zwischen reinem Alp- 
traum und reinem erotischen Traum gestanden haben müssen, 
es waren nämlich solche, in denen sich ängstliche und Lust- 
gefühle mischten. 

Die hervorragende Rolle, die die Schlange bei der ur- 
sprünglichen Inkubation spielte, kann zu Gunsten dieses 
Schlusses angeführt werden, denn die Schlangensymbolik ist 
ein ausgezeichnetes Beispiel des für den Traum charakteri- 
stischen Typus. Artemidorus hatte offenbar eine dunkle 
Ahnung davon, wie sein Ausspruch zeigt : »Wenn eine Schlange 
Jemanden im Schlaf verfolgt, so möge er gegen böse Frauen 
auf der Hut sein.« ^) Damit möge das brandenburgische 
Sprichwort verglichen werden : »Wenn man eine Schlange mit 
ins Bett nimmt, hat man viel Glück« — oder die oldenburgische 
Redensart *) : »Wenn Schlangen in den Leib eines Menschen 

') O'Curry. Oü the Manners and Customs of tlie Ancient Irish, 1873, 

Vol. II., P. 199. 

») Wuadt. Loc. oit. . 

3j wuttke. Op. cit., S. 115. ' ' . 

*) Wuttke. Op. cit., S. 116. 

Jones, Alptraum. 9 



34 



DER ALPTRAUM. 



hineingehext werden, so drücken sie das Herz.« Die Inku- 
bation ist keineswegs das einzige Beispiel für einen Glauben, 
der von der Schlangenerscheinung des Angsttraums her- 
stammt. Laistner ^) z. B. hat in einem der »Alpschlange« 
gewidmeten Kapitel genau die Rolle erklärt, die die Schlange 
in germanischen Mythen und abergläubischen Vorstellungen 
spielt, deren Ui'sprung im Alpdruck liegt. 

Zum Schluß können wir wohl sagen, daß wir in der 
Inkubus-Inkubationsvorstellung ein ausgezeichnetes Beispiel 
für einen Glauben haben, der nicht allein seine äußere Gestalt 
von den Erfahrungen des Alptraums empfangen hat, sondern 
dessen latenter Inhalt ebenfalls identisch ist mit dem des Alp- 
traumes ; er besteht nämlich in einer eingebildeten Erfüllung 
gewisser zurückgedrängter Wünsche nach sexuellem Verkehr, 
besonders mit den Eltern. 



IV. 

Der Vampir. 

Der Vampirglaube ist keineswegs so scharf abge- 
grenzt wie der an den Inkubus und ist mehr mit anderen 
Arten von Aberglauben verschlungen, doch sollen hier nur 
die typischen Formen in Betracht gezogen werden. Ferner 
ist auch die zu Grunde liegende psychologische Bedeutung 
hier verwickelter als beim Inkubusglauben und wir werden 
unsere Analyse nur auf die Hauptzüge zu beschränken haben. 
Soviel möge gesagt werden, daß der latente Inhalt deutliche 
Anzeichen für die meisten Arten von sexuellen Perversionen 
enthält und daß die Vorstellung verschiedene Formen an- 
nimmt, je nachdem, ob diese oder jene Perversion mehr 
hervortritt. 

Die zwei wesentlichen Charakteristika eines richtigen 
Vampirs sind: Erstens sein Ursprung aus einem Toten und 
zweitens seine Gewohnheit, aus einem Lebenden Blut zu 
saugen, gewöhnlich mit tödlichem Effekt. Es wird praktischer 

1) Laistner. Das Rätsel der Sphinx, 1889, Band 1, Kap. 17, S. 83—108. 



IJ' 



"TS*: 



n 



DER VAMPIR, 36 



sein, diese beiden Ciiarakteristika zuerst getrennt vonein- 
ander zu betrachten. 

Das Interesse des Lebenden an dem Toten, sei es an 
seinem Körper oder an seinem Geist, ist ein unerschöpfliches 
Thema; nur ein Teil davon kann hier behandelt werden und 
auch dieser nur in möglichst kurzer Fassung. Die Vereinigung 
der beiden kann entweder dadurch zu stände kommen, daß 
der Tote zu dem Lebenden zurückkehrt, oder dadurch, daß 
der Lebende sich jenem im Tode vereinigt. In dem Ghul- 
glauben besucht eine lebende Person den Toten, und zwar 
nur den Körper des Toten ; weiter ausgebildet ist der Vampir- 
glaube, denn hier besucht zuerst der Tote den Lebenden und 
dann wird infolgedessen der Lebende in den Tod gezogen. 
Der Wunsch nach oder die Furcht vor Wiedervereinigung, 
die selbstverständlich ihren Ursprung im Lebenden hat, wird 
hier teilweise auf den Toten projiziert. 

Eine fortgesetzte Beziehung zwischen einem Lebenden 
und einem Toten kann entweder gewünscht oder gefürchtet 
werden und jedes dieser Gefühle kann die Wirkung haben, 
den Lebenden in den Tod zu ziehen oder den Toten zum 
Leben zu erwecken. Wir haben infolgedessen vier Arten von 
Aberglauben zu unterscheiden. Wie zu erwarten, sind die 
Wirkungen von Angst und Liebe hier wie anderswo nicht 
scharf zu trennen. 

Das verständlichste Motiv für den Wunsch nach der Rück- 
kehr des Toten tritt ein, wenn die Beziehungen zwischen 
Liebenden (Mann und Frau, Kind und Eltern) unterbrochen 
wurden. Häufig wird dies auf den Toten projiziert, von 
dem man glaubt, daß er den übermächtigen Impuls hat, zu 
dem geliebten Wesen, das er verließ, zurückzukehren. Der 
Mechanismus dieser Projektion findet sich zweifellos in dem 
Wunsch, daß die Person, die »davongegangen« ist, uns nicht 
vergessen soll, ein Wunsch, der in letzter Linie aus Kindheits- 
erinnerungen stammt, wenn wir von den geliebten Eltern 
allein gelassen wurden. Der Glaube, daß der Tote den Lebenden 
besuchen kann, besonders bei Nacht, findet sich auf der 



86 DER ALPTRAUM. 



^ 



ganzen Welt, i) Er war immer ein fruchtbares Thema für 
Mythologie und Literatur; man denkt sogleich an die 
verschiedenen Versionen der Lenorensage oder an Goethes 
Braut von Korinth (von der Hock ^) interessanterweise an- 
genommen hat, daß sie durch eine Kindheitserinnerung hervor- 
gerufen wurde) und an manche andere Beispiele.-') 

Dies ist offenbar die Ursache dafür, daß Vampire immer 
zuerst Verwandte heimsuchen, insbesondere ihre Ehegenossen, 
ein Zug, bei dem alle Beschreibungen verweilen/) Witwen 
können auf diese Weise schwanger werden.'*) Dies geschah 
in der wohlbekannten Meduegya Epidemie ^) und man glaubt 
immer noch an diese Möglichkeit, z. B. in Albanien. Tat- 
sächlich wird gewöhnlich bei einer Vampirepidemie ^) die Witwe 
dessen, den man für den Vampir hält, zuerst befragt. Krauß «) 
schreibt: »Es hat sieh der Fall schon sehr oft ereignet, daß 
bei einem größeren Sterben im Dorf das Weib eines kürzlich 
verstorbenen Mannes von den Dorfbewohnern mißhandelt 
wurde, bis sie eingestand, daß ihr Mann sie besuche und sie 
das Versprechen gab, sie werde ihn bestimmen, die Leute 
nicht zu morden.« Die Ähnlichkeit mit dem Inkubusglauben 
ist schlagend und ebenso die Auffassung, daß das Geschehnis 
von der Frau abhing. "" -•■-■■; 

In anderen Fällen wird der Wunsch nach der Rückkehr 
des Toten nicht wie oben nach außen projiziert, sondern 
direkt dem Lebenden zugeschrieben. Dies zeigt sich in den 
zahlreichen Totenbeschwörungen, die wir in den meisten 

') Zahlreiche Beispiele zitiert Hock. Die Vampirsagen und ihre Ver- 
wertung in der deutsclien Literatur, 1900, S. 10; und Jacoh, Curiosit^s in- 
fernales, Pp. 312- 331. 

«) Hock. Op. cit, S. 69, 81. 

*) Vgl. Werner: »Liebe bannt dos Todes Not«, und Hebbel: »Jeder 
Tote i3t ein Vampir, die ungeliebten ausgenommen.« 

*) Viele Beispiele bei Hock. Op. eit., S. 24, 37, 43. Siehe auch Sepp, 
Orient und Occldent, 1903, S. 268. 

=) Hanush. Zeitschr. f. deutsche Mythologie, Jahrg. IV, S. 200, 

«) Horst. Zauberbibliothek, 1821, Erster Teil, S. 277, 

') Stern. Medizin, Aberglaube und Geschlechtsleben in der Türkei, 1903 
Band 1, S. 364, 365. 

») Krauß. Slavische Volksforsohungen, 1908, S. 130. 






/ 



DER VAMPIR. 37 



Ländern der Welt finden, und in Sagen, wie der von Orpheus, 
der die Eurydike aus der Unterwelt holte ; in späteren Zeiten 
nahm der Glaube oder Wunsch eine abstraktere Form an, 
wie z. B. telepathische oder durch ein Medium hergestellte 
Verbindung mit dem Abgeschiedenen. Es ist interessant, in 
diesem Zusammenhang sich ins Gedächtnis zurückzurufen, 
daß Goerres in einem besonderen Kapitel seiner christlichen 
Mystik ^) den Vampirismus der Exteriorisation und Telepathie 
zurechnete. - sr^ .r,_ 

Das Gegenteil geschieht noch häufiger, daß nämlich der 
Lebende durch seine Liebe in den Tod getrieben wird, wo die 
beiden Liebenden für immer vereint sind.^) Dies findet sich 
in den meisten Erzählungen, Dramen und Gedichten über 
diesen Gegenstand. - - 

Der Kummer über den Verlust einer geliebten Person 
erklärt aber nur einen Teil der sonderbaren Anziehungskraft, 
die die Vorstellung des Todes ausübt, was man schon daraus 
sieht, daß viele sie lebhaft empfinden, die niemals selbst 
den Verlust eines teuren Anverwandten erlitten. Bei einigen 
ist diese Vorstellung verknüpft mit der von einem Jenseits, 
dem mysteriösen Land der unbegrenzten Möglichkeiten, wo 
alle Phantasien verwirklicht und alle verborgenen Dinge ent- 
hüllt werden und neben dessen wunderbaren Schätzen selbst 
die höchste erreichbare irdische Seligkeit wertlos erscheint. 
Shelley in seinem Adonais drückt dieses Gefühl folgender- 
maßen aus : 

Das Leben, wie des Domes buntes Glas, 
Befleckt das weiße Licht der Ewigkeit, 
Bis es der Tod in Trümmer tritt. 

Wie viel anziehender diese Möglichkeiten der Zukunft für 
die werden können, denen das Leben wenig anderes als Elend 
bietet, zeigt sich in dem hohen Maß, in dem religiöse Körper- 

') Görres. Zitiert bei Laurent und Nagour, Okkultismus und Liebe. 
Deutsche Übersetzung, 1903, S. 147. 

*) Vgl. Herder: »Alles trennt der Tod; Liebende ziehet er nach«; and 
Grypfaius: »Wer liebt, wird durch den Tod von Liebe nicht getrennet.« 



^!3iZECS= 



&. 



g> 



38 DER ALPTRAUM, 



Schäften aller Zeiten sie auszunutzen vermochten. Ferner muß 
bemerkt werden, daß der Begriff des Sterbens selbst eine An- 
ziehungskraft dadurch ausübt, daß er sich leicht mit inten- 
siven masochistischen Wünschen verknüpft. Stekel schreibt 
über Traumsymbolik : »Sterben bedeutet im Traum ebensoviel 
als Leben und gerade die höchste Lebenslust drückt sich oft 
in einem Todeswunsch aus«. Das ist die Hauptursache, 
warum die Verbindung der beiden Motive Liebe und Tod 
solche Dichter, wie Heine, Shelley, Swinburne, Werner u. a., 
die sich so tief in das Leiden versenken, intensiv beschäftigte. 

Der Wunsch nach der Vereinigung mit geliebten Per- 
sonen im Tod, wenn diese selbst noch am Leben sind, hat 
nicht so einfache Ursachen und wir können hier nur unge- 
nügend darüber sprechen. Die klarste davon ist das sichere 
Gefühl von der Bestimmtheit und Dauer, die der Tod gewährt ; 
was man tot hat, hat man für immer. Dieses heiß erstrebte 
Sehnsuchtsziel aller Liebenden ist nirgends herrlicher ausge- 
drückt als in den zahlreichen Stellen über den Liebestod in 
Wagners Tristan und Isolde : »So stürben wir, um ungetrennt, 
ewig einig, ohne End', ohn* Erwachen, ohn* Erbangen, 
namenlos in Lieb' umfangen, ganz uns selbst gegeben, der 
Liebe nur zu leben.« ' 

Die Psychoanalyse ^) hat gezeigt, daß diese Unersättlich- 
keit und der Wunsch nach dem ausschließlichen Besitz 
dort besonders stark werden kann, wo in der Kindheit aus- 
gebildete, später verdrängte Wünsche, die sich auf Inzest und 
Rivalität beziehen, vorhanden waren. Der Tod, der für das 
Kind, wie Freud 3) nachdrücklich betont hat, nichts anderes 
bedeutet als fortgehen, kann dann mit den Phantasien ver- 
knüpft werden, in Begleitung der Mutter von dem störenden 
Vater wegzugehen. 



') Siehe Ernest Jones. „Zum Problem des gemeinsamen Sterbens. Zen- 
tralbl- f. Psychoanalyse, Jahrg. I, S. 563 ff. 

^) Siehe z. B, Sadger, Heinrich von Kleist: Eine pathographisch- 
psychologische Studie, 1910, S. 60 u, s, w. 

«) Freud. Die Traumdeutung, Dritte Auflage, 1911, S. 184. 



r 



DER VAMPIR. 39 



Die Vorstellung vom Tode, vielmehr von einem Toten 
kann sich aber auch an aktivere Impulse, besonders an 
sadistische wenden. Ein Toter, der liebt, liebt für immer 
und wird niemals müde, Zärtlichkeiten zu geben und zu 
empfangen. Diese Unersättlichkeit des Toten stellt Heine 
gut dar, wenn er in seiner Widmung zu »Der Dr. Faust« 
die zurückgekehrte Helena sagen läßt: 

»Du hast mich beschworen aus dem Grab 

Durch deinen Zauberwillen, 

Belebtest mich mit Wollustglut — 

Jetzt kannst du die Glut nicht stillen. 

Preß deinen Mund an meinen Mund, 

Der Menschen Odem ist göttlich! 

Ich trinke deine Seele aus, ,, 

Die Toten sind unersättlich.« 
Außerdem gestattet ein Toter alles, kann keinerlei Wider- 
stand leisten und Beziehungen zu ihm haben keine unan- 
genehmen Folgen. Dies ist offenbar eine wichtige Quelle für 
die seltsame Perversion, die man als Nekrophilie kennt. 
Eine andere bilden die analerotischen Interessen, ferner die 
unbewußte Verknüpfung zwischen Zersetzung und Faeces und 
die infantile Vorstellung, daß Kinder aus letzteren entstehen. 
Die Nekrophilie war den Alten aus Wirklichkeit und Dich- 
tung wohlbekannt. Herodot berichtet mehrere Fälle, dar- 
unter den des Tyrannen Periander, der nach dem Tode 
seiner Gattin Melissa weiter sexuelle Beziehungen zu ihr 
unterhielt. Vom König Herodes heißt es, er habe mit dem 
Leichnam seiner Gattin Mariamne noch sieben Jahre nach 
ihrem Tode geschlafen, und ähnliches wird von König Walde- 
mar IV. ^) und Karl dem Großen ^) erzählt. Das Thema 
wurde in der neueren Literatur vielfach behandelt, z. B. in 
Kleists »Marquise von O.«, Otto Ludwigs »Maria«, Heines 
»Beschwörung«, Zaeharias Werners »Kreuzesbruder«, Bren- 

') Singer. Bibliothek des literarischen Vereines, CLXXXV, Sect. XVI. 
^) Steffens. Novellen, 1837, Band 1, S. 19, Conway, Demonology 
and Devil-Lore, 1879, Vol. II, P. 396. 



T 



40 DER ALPTRAUM. 



tanos »Romanzen vom Rosenkranz« u. s. w. Es ist 
interessant, daß bei den beiden bekanntesten wirklichen Bei- 
spielen dieser Perversion der Ausdruck Vampirismus ge- 
braucht wurde, nämlich für Bertrand «Le vampyre de Paris« *) 
und für Ardisson »Le vampyre de Nuit«*); richtiger gesagt 
sind derartige Kranke Vertreter der arabischen Ghuls : die 
beiden Vorstellungen von Ghuls und Vampiren, ganz unter- 
einander vermischt, zeigt eine orientalische Erzählung ^), wo 
das betreffende Wesen ein revenant ist, Leichen zerfleischt 
und das Blut ihres Gatten saugt. 

Wenn wir uns nun zu der Kehrseite des Bildes wenden, 
nämlich zu der Angst, daß der Tote zurückkehren könne, 
so finden wir, daß diese ebenso weit verbreitet ist, wie der 
Wunsch; so sagt Hock*): »Allen Menschenrassen gemein- 
sam ist die Furcht vor ihren Toten.« Infolgedessen ent- 
wickelte sich bei den Leichenbegängnissen eine ganz außer- 
ordentlich große Reihe von Riten, um ein solches Vorkommen 
zu verhindern, und viele davon sind noch heutigen Tages in 
Kraft. ^) Es gibt auch eine Menge prophylaktischer Riten mit 
dem besonderen Zweck, einen Toten daran zu verhindern, 
als Vampir zu erscheinen; letztei*e bestehen meistens darin, 
dem Toten Bequemlichkeit oder Beschäftigung zu geben. ^) 
Sonderbar ist die Art der Verhinderung, die darin besteht, 
daß man das Blut '') des Vampirs trinkt und sein Fleisch *) 
ißt. Nachdem die Verwandlung in einen Vampir sich voll- 
zogen hat, kann sie dadurch entdeckt werden, daß man den 
Körper unbestattet findet, mit roten Wangen, gespannter 
Haut, gefüllten Blutgefäßen, warmem Blut, gewachsenem 
Haar und Nägeln und offenem linken Auge. ") Ein Ende 

') Lunier. Annales mddico-psychologiques, 1849, P. 163. 
^) Belletrud et Mercier. L'affaire Ardisson, 1903. 
^) Gholes. Histoire des Vampires, 1820, P. 106. 
*) Hock. Op. cit., S. 1. 

*) Wuttke, Der deutsche Volkaaberglaubo der Gegenwart, 1900, S. 480. 
Hook. Op. cit,, S. 1. Conway. Op. cit., Vol. I. Pp. 62, 63. 

•) Hock. Op. cit., S. 27, 28. Stern. Op. cit., S. 361—869. 
') Mannhardt. Die praktischen Folgen des Aberglaubens, 1878, S. 13. 
«) Von Tettau und Temme. Volkssagcn Ostpreußens, 1837, S. 275. 
•> Wuttke. Op. cit., B,.479. 



v^ 



DER VAMPIR. 41 



kann dieser Tätigkeit gesetzt werden, wenn man den Kopf 
abschneidet und zwisclien die Füße legt, das Herz in Stücke 
schneidet, einen Pfahl durch die Brust treibt und schließlich 
den Körper verbrennt. 

Das Volk kennt zwei verschiedene Ursachen, um zu 
erklären, weshalb ein abgeschiedener Geist das Grab ver- 
läßt und zu den Lebenden zurückkehrt, je nachdem, ob er 
dies freiwillig oder unfreiwillig tut. Seine Motive im ersten 
Fall sind Liebe, Haß (um ein altes Unrecht zu rächen) 
oder sein Gewissen (eine unvollendete Aufgabe zu beenden, 
eine Schuld zu begleichen u. s. w.) Die Ursache, warum ein 
Geist an der Grabesruhe verhindert und gezwungen wird, 
gegen seinen Willen umherzuwandern, kann im Schicksal 
liegen, in seinen eigenen Fehlern oder in den störenden 
Handlungen der Hinterbliebenen. Der zuletzt erwähnte 
Glaube wurde von der römisch-katholischen Kirche zu einem 
förmlichen Dogma ausgebildet (Messen, die für die im Fege- 
feuer Befindlichen gelesen werden). Die unfreiwillige Betäti- 
gung des Toten gewinnt häufig das Mitgefühl der Lebenden, 
die dann alles unterlassen, was seine Unrast ^) etwa steigern 
könnte. Dieselben Züge treffen auch für den Vampirglauben 
zu, denn wenn jemand auch auf zahlreiche Arten ^) nach 
seinem Tod ein Vampir werden kann, so lassen sich doch 
leicht zwei Gruppen unterscheiden, je nachdem, ob die Ver- 
antwortung bei ihm liegt oder nicht. Bisweilen erhalten 
diese beiden Typen verschiedene Namen ; so sagt Stern ^) : 
»Die Vampire der Dalmatiner sind in zwei Arten eingeteilt, 
in schuldlose und schuldbeladene. Die eine Art heißt Denac, 
die andere Orko.« Bei dem Vampir aus eigener Schuld 
liegt die Ursache in verschiedenen Sünden, die er bei seinen 
Lebzeiten begangen hat, darunter werden Rauchen an Feier- 
tagen, Arbeiten an Sonntagen und geschlechtlicher Verkehr 
mit der Großmutter erwähnt. *) 

') Siehe Wuttke. Op. cit,, S. 481, wo eine Menge von Beispielen ge- 
geben wird, 

») Hock. Op. cit., S. 21—23. Stern. Op. oit., S. 351—369. 

») Stern. Op. cit,, S. 360. 



♦) Hock. Op. cit., S 22. 



^ 



48 DER ALPTRAUM. 



1 Bei dem unschuldigen Vampir gibt es mehrfache Ur- 
sachen ; er kann von Geburt aus dazu bestimmt sein, da- 
durch, daß er an einem ünglückstag zur Welt kam oder 
aus einer Familie stammt, in der diese Veranlagung erblich 
ist. Nach seinem Tode kann dieses Schicksal durch einen 
unreinen Vogel oder ein Tier (Hund oder Katze) hervor- 
gerufen werden, die über sein Grab setTsen oder unter seinem 
Sarg durchschlüpfen, Vorstellungen, die mit der Idee unge- 
nügender Sorgfalt oder Achtung gegenüber dem Toten ver- 
knüpft sind. - . ? : ; -^ 

Die Furcht vor den Toten hat zumindest zwei tiefe 
Quellen, die beide der Kindheit entstammen und beide eng 
mit dem Traum verbunden sind; erstens kommt sie daher, 
daß die Vorstellung vom Tod und von abgeschiedenen Geistern 
mit der eines sexuellen Angriffs assoziiert wurde; der Tod 
selbst wird häufig einem Überfall von Seite eines persön- 
lichen Wesens zugeschrieben, das den Menschen gegen seinen 
Willen überwältigt. Der abgeschiedene Geist, der den Leben- 
den im Traum besucht, überfällt auf ähnliche Weise den hilf- 
losen Schläfer gegen dessen Willen und daß dies so häufig 
geschieht, kommt einerseits zweifellos daher, daß es sich 
dabei meist um den Geist eines der toten Eltern handelt, 
anderseits von der infantilen sadistischen Auffassung von 
der sexuellen Betätigung der Eltern. Die Vorstellung er- 
klärt sich also in letzter Linie aus verdrängten Inzest- 
wünschen. Die sexuelle Basis der Angst wird gewöhnlich 
verhüllt durch eine Umwandlung in eine allgemeine Furcht 
davor, daß der Geist uns Unheil zufügen und ersticken könnte, 
oder in die allgemeine Angst vor Verblödung; ebenso wie 
ein Mädchen Angst vor Räubern hat »weil sie ihr irgend 
etwas Entsetzliches antun könnten.« Wir werden so einer- 
seits zu einer großen Gruppe von Mythen und abergläubischen 
Vorstellungen geführt, in denen der revenant verschiedenes 
Unheil anrichtet, anderseits zu einer noch größeren, in der der 
Überfall nicht notwendigerweise durch einen revenant geschieht, 
sondern durch einen Geist überhaupt. (Alp- und Lurensagen.) 



DEE VAMPIR. 43 



Häufig ist es schwierig, das sexuelle Element vom 
agressiven zu trennen, wie in der wohlbekannten ApoUonius- 
Menippus Geschichte, die Keats so schön in seiner Lamia- 
dicbtung ausgebildet hat. Ein weiterer Komplex wird in 
unsere Reihe von Aberglauben eingeführt, wonach der vampir- 
artige Geist nicht einem Toten, sondern einem Lebenden an- 
gehört; ein Beispiel dafür ist die portugiesische Bruxa, die 
auf folgende Weise von Andree ^) beschrieben wird : »Nachts 
erhebt sie sich von ihrem Lager und fliegt dann in der Ge- 
stalt irgend eines riesigen Nachtvogels weit von der Heimat 
weg. Die Bruxen halten Zusammenkünfte mit ihren teuf- 
lischen Liebhabern, entführen, ängstigen und peinigen die 
einsamen Wanderer; wenn sie von ihrer nächtlichen Lust- 
fahrt heimkehren, saugen sie dem eigenen Kind das Blut aus.« 

Die zweite Quelle für die Angst vor den Toten ist die 
unbewußte Erinnerung an Todeswünache der Kindheit, daß 
nämlich der störende Teil der Eltern oder Geschwister »weg- 
gehen«, d. h. sterben möge. Das schuldbewußte Gewissen, 
das aus solchen Wünschen entsteht, bringt natürlich den Ge- 
danken mit sich, daß die in unserer Einbildung getötete 
Person, wenn sie wirklich stirbt, uns nach ihrem Tode strafen 
wird, indem sie uns heimsucht und Unheil zufügt. Derartige 
Todeswünsche kommen häufig genug vor, um es ganz ver- 
ständlich zu machen, daß die Furcht vor Geistern so allge- 
mein ist, wie sie sich tatsächlich erweist. 

Diese Verbindung zwischen Inzest- und Revenantglauben 
macht es begreiflich, daß der Vampir in irgend einer be- 
liebigen Tiergestalt ^) erscheinen kann ; von diesen sind 
manche in verschiedenen Ländern besonders häufig, z. B. 
die weibliche Katze ^) in Japan, das Schwein ^) in Serbien. 
Von besonderer Bedeutung ist der allgemeine Glaube, daß 
der Vampir in Gestalt einer Schlange, eines Schmetterlings ^) 

^) Andree. Ethnographische Parallelen und Vergleiche, 1878, S. 87. 
Siehe auch Schindler. Aberglauben des Mittelalters, S. 30. 
') Andree. Op. cit., S. 80, 89. 

'} Brauns, Japanische Märchen und Sagen, 1885, S. 397. 
«) Krauß. Op. cit, S. 128. 
*) Kanitz. Donaubulgarien und der Balkan, 1875, Band 1, S. 80. 3 



DER ALPTBAUM. 



oder einer Nachteule ^) erschoinGii kann, denn dies sind ur- 
sprüngliche Symbole abgeschiedener Seelen, besonders der 
Eltern. Die bei Nacht fliegenden Geschöpfe wird ein späteres 
Kapitel behandeln, das aber mancherlei Beziehungen zum 
Vampirglauben hat. Wenn man sich mit dem Körper des 
Vampirs beschäftigt, hat man sorgfältig darauf zu achten, 
ob ihm ein Schmetterling entfliegt ; dieser muß gefangen und 
verbrannt werden. "Was die Nachteule betrifft, ist es interessant, 
den Glauben zu finden, daß sie an dem Euter der Kühe und 
der Brust der Kinder saugen kann, genau wie ein wirklicher 
Vampir. ^) Laistner ^) sucht eine Beziehung ZAvischen Schmetter- 
ling und Eule einerseits und der gespenstischen Habergeiß 
anderseits auf. Henne am Rhyn *) sieht als Stammeltern 
der europäischen Vampire die römischen Strigen an. .- 1 

Wir wollen nun das zweite wesentliche Charakteristi- 
kum des Vampirs betrachten, nämlich das Blutsaugen. 
Hier finden wir eine ganze Menge von Vorgängern des eigent- 
lichen Vampirs. Im allgemeinen kann man sagen, daß diese 
Gewohnheit überall verknüpft ist mit den Motiven von dem 
Zerfleischen menschlicher Wesen und vom Inkubus, Sukkubus. 
Diese Tatsachen zeigen deutlich die sexuelle Natur der Vor- 
stellung; die assyrischen und babylonischen Silats •'^), der 
böhmische Mara ^), der östliche Palukan ^), der finnische 
Herrscher der Unterwelt «), der deutsche Alp "), sie alle saugen 
menschliches Blut. Nach Davenport ^^) besuchen sowohl der 
malayische Molong als auch der Penangelam in Indo China . 
Frauen u nd leben davon, daß sie menschliches Blut 

•) Freimark. Okkultismus und Sexualität, S. 326. 

^) Laistner. Das Rätsel der Sphinx, 1889, Band 2, S. 258. 

^) Laistner. Op. cit., S. 257. 

*) Henne am Rhyn, Der Teufel- und Hexenglaubo, 1892, S. 20. 

') Binet-Sangle. La Folie de J&us, T. 2, 1910, P. 91. 

^) Grohmann. Sagen aus Böhmen und Mäiiren, 1863, Bd. 1, S. 208. 
Aberglaube und Gebräuche aus Böhmen und Mähren, 1864, Bd. 1, S. 24. 

'') Stern. Op. cit , S. 359. 

«) Castren. Vorlesungen über die finnische Mythologie, 1853, S. 131. . - 

') Laistner. Op. cit.. Band 1, S. 61. 

") Davenport. Sketches of Imposture, Deception and Credulity, 1861. 
PP- 73, 76. , . - ; 



DER VAMPIR. 45 



saugen. Der Sudak der Lappländer erscheint in der 
Gestalt eines Käfers und saugt Blut durch eine eiserne 
Röhre. ^) 

Die sexuellen Seiten der Tätigkeit zeigen sich deutlich 
in folgenden Beispielen: bei der Beschäftigung mit rumäni- 
schem Aberglauben berichtet Stern ^) vom Nosferat, »der 
nicht nur schlafender Menschen Blut saugt, sondern auch 
als Inkubus-Sukkuba Unheil stiftet. . . Als schwarze Katze, 
als schwarzer Hund, als Käfer, Schmetterling oder auch bloß 
als Strohhalm besucht es nachts die Menschen; wenn es 
männlichen Geschlechts ist : die Frauen ; wenn es weiblichen 
Geschlechts ist: die Männer. Mit jungen Leuten treibt es 
geschlechtliche Vermischung, bis sie krank werden und an 
Auszehrung sterben. In diesem Fall kommt es auch als 
schöner Jüngling oder als schönes Mädchen, während die 
Opfer halb wach liegen und widerstandslos sich ihm fügen. 
Oft geschieht es, daß Weiber von ihnen geschwängert werden.« 
Die Chaldäer glaubten an die Existenz von Geistern, die im 
Traum Umgang mit Menschen pflegen, ihr Fleisch zerfressen 
und das Blut s) trinken. Die vedischen Gandharven sind 
blutgierige Buhlgeister, die die Frauen im Schlaf heim- 
suchen. *) Ihnen ähnlich sind die indischen Pisashas, die 
nach Fleisch und Blut gierig sind und ihre grausame Lust 
an Weibern im Zustand des Schlafs, der Trunkenheit und 
des Wahnsinns büEen. ■'^) Andere Wesen derselben Art 
widmen ihre Aufmerksamkeit vor allem Männern; so sucht 
die ruthenische üpierzyca in Vollmondnächten «) die Schlaf- 
plätze junger Männer auf, die sie langsam mit ihren Um- 
armungen ^) zu Grunde richtet. Freimark«) erzählt: .die 

') Pocstiou. Lappländische Märchen, 1886, S. 132, 

») Stern. Op. cit., S. 357, 358. 

») Menant. Ninive et Babylone, P. 271. 

*) Kuhn. Zeitschr. für vergleichende Sprachforschung, Jahrg. XIII, 

S. 118. 

*) Schlegel. Indische Bibliothek, 1823, Band 1, S. 87. 

•) Genau wie die montenegrinischen Vampire. (Stern S. 361.) 

^ Hellwald. Die Welt der Slaven, 2. Aufl., 1890, S. 367. 

*) Freimark. Op. cit., S. 278, 279. 



** DER ALPTRAUM. 



griechisch-römischen Lamien sind zugleich Bnhlteufelinnen 
und Vampire. Sie suchen schöne kräftige Jünglinge in sich 
verhebt zu machen und zur Verehelichung mit sich zu 
bringen. Haben sie sie so weit, so töten sie den Jüngling 
indem sie ihm das Blut aussaugen.« 

Blut ist nicht die einzige zum Leben nötige Flüssigkeit 
die dem Opfer entzogen wird, wenn sich auch der wirkliche 
Vampir m der Regel darauf beschränkt. Der Alp saugt an 
den Brustwarzen der Männer ^) und Kinder ^) und zieht 
häufiger Milch aus Frauen «) und Kühen *) als Blut Die 
Drud saugt ebenfalls an der Brust der Kinder 0, während 
die sudslawische Mora «) Blut und Milch trinkt. Die indische 
Churel saugt, nachdem sie die Nacht mit einem schönen 
Jungling zugebracht, direkt sein Leben aus. ') 

Die Erklärung all dieser Phantasien ist sicher nicht 
schwer; ein nächtlicher Besuch von Seite eines anziehenden 
oder schrecklichen Wesens, das den Schläfer zuerst durch 
leidenschaftliche Umarmungen erschöpft und ihm dann eine 
vitale Flüssigkeit entzieht, kann sich nur auf einen natür- 
ichen und häufigen Vorgang beziehen, nämlich auf die nacht- 
üche Polution in Begleitung mehr oder minder erotischer 
1 räume. Blut ist im Unbewußten ein sehr häufiges Äqui- 
valent für den Samen und es ist nicht notwendig, sich, wie 
Hock «), auf die Möglichkeit von .selbst zugefügten Kratz- 
wunden wahrend eines wollüstigen Traumes« zu berufen. 
Mehrere Mythen liefern ein interessantes Beispiel zur Bestäti- 
gung_der^ Wahrheit dieses Schlusses. Nach Quelenfeldt ^) 

') Grohmann. Sagen. Loc. cit. 

S. 2m ^^'"^' ^'' '''''^ "" ''''"''' ""•* ^'"« -^"^ V^^"^^^' 1«84, Band 1, 

') Laistner. Loc. cit. 

*) Laistner. Op. cit, Bd. 2. S. 82 
S. 201,\lT""'"- ^"' '»«''Oberpfal. - Sitten und Sagen, 1858, Band 1, 

') Krauß. Op. cit., S. 147, 148. 

>StJit\te l.'ZtTLT^'' '"^" ^"-^""^ ^^'"'^ ^^' '^^ ^»^-«I« « 
•) Hock. Op. cit., S. ß. 
«) Quelenfeldt. Zitiert bei Stern, Op. cit., S. 35t. ' " 



V 

DER VAMPIR. 47 \ 



herrscht im Süden des Atlasgebirges der Aberglaube, daß es 
hier alte Kegerinnen gäbe, die nachts aus den Zehen der 
Schläfer das Blut trinken. Der akkadische Gelal und Kiel 
Gelal, die assyrischen Sil und Sileth, die gleichbedeutend mit 
dem europäischen Inkubus und Sukkubus sind, waren Dämonen 
mit der speziellen Funktion, durch die Umarmung der 
Schläfer ') nächtliche Pollutionen herbeizuführen. Der 
armenische Daschnavar trinkt auf ähnliche Weise das Blut 
aus den Füßen der Wanderer 2), während Meyer 3) ge- 
spensterhafte Mütter erwähnt, die die Augen ihrer Kinder 
aussaugen. Es ist wohlbekannt, daß Zehen, Füße und Augen 
in Folklore und Mythologie *) häufig wiederkehrende 
phänische Symbole sind. Ein weiterer Faktor, der zweifel- 
los eine bedeutsame Rolle in der Ausbildung der oben 
erwähnten Vorstellungen gespielt hat, ist die häufige Assoziation 
zwischen Sexualität und der Tätigkeit des Saugens sowohl 
in der wirklichen Erfahrung als auch besonders in unbe- 
wußten Phantasien. 

Das Nervensystem und vor allem das Rückenmark hat 
häufig ähnliche symbolische Bedeutung wie Blut (vitale Sub- 
stanz) und diese Tatsache wirft ein Licht auf die folgenden 
Stellen, in denen der Vampir vorkommt. In Zschokkes »Die 
Zauberin Sidonia«, geschrieben im Jahre 1798 begegnet auf 
der ersten Seite folgender Satz : :.Die Faulheit saugt uns mit 
ihrem Vampirenrüssel Mark und Blut aus.« Dies kann man 
mit Jaromirs Rede in Grillparzers »Ahnfrau« vergleichen: 
Und die Angst mit Vampirrüssel 
Saugt das Blut aus meinen Adern, 
Aus dem Kopfe das Gehirn. 

In ganz Europa gab es seit den frühesten Zeiten Mythen 
und Märchen über den Vampir ; ein typisches Beispiel dafür 

1) Lenormant. Chaldean Magic, Euglish Trans, 1877, P. 38. 
») Haxthausen. Transkaukasien, 1856, Band 1, S. 170. 
*) E. H, Meyer. IndogermaniBche Mythen, 1883, Band 2, S. 628. 
*) Siehe Aigremont. Fuß- und Schuh-Symbolik und -Erotik, 1909; 
und Seligmann. Der böse Blick und Verwandtes, 1910, 



48 DER ALPTRAUM. 



ist die wallachische Sage, nach der tote rothaarige Männer 
in Gestalt von Fröschen, Käfern usw. erscheinen und das Blut 
schöner Mädchen ^) trinken. Ferner kamen aus dem frühen 
Mittelalter Berichte auf uns über den Brauch, der in den j 

meisten europäischen Ländern bestand, die Leichen jener, 
deren Geist die Lebenden plagte und ihr Blut aussaugte, aus- ' 

zugraben, zu verbrennen oder mit einem Pfahl ^) zu durch- 
bohren. Wie oben angedeutet wurde, ist dieser Glaube über 
die ganze Welt verbreitet, z. B. pflegen die modernen Pon- 
tianaks auf Java, die von Leichen stammen, nachts mensch- 
liches Blut ^) zu saugen. Der assyrische Vampir, Akakharu 
mit Namen, stammt aus sehr alter Zeit.^) Die genaue Kenntnis 
der Vorstellung in Europa aber danken wir der Balkanhalb- 
insel, wo sie offenbar vom türkischen Aberglauben ^) stark "^ 
beeinflußt wurde. Weiter kam als lokaler Faktor wahrschein- 
lich das Dogma der griechischen Kirche in Betracht, die 
im Gegensatz zu den Lehren der römisch-katholischen 
Kirche, nach denen die Körper der Heiligen der Zersetzung 
nicht unterliegen, daran festhielt, daß die Leichen der von der 
Kirche Exkommunizierten nicht verwesen. Ebenso wie die 
römisch-katholische Kirche lehrte, daß jemand durch Ketzerei 
in einen Werwolf verwandelt werden könne, verkündete die 
griechische, daß ein Ketzer nach seinem Tode zum Vampir 
werde. Die Epidemien, die auch früher häufig genug vor- 
gekommen waren, erreichten ihren Höhepunkt im acht- 
zehnten •*) und dauerten selbst noch im neunzehnten ^) Jahr- |j 
hundert an. Die heftigsten ereigneten sich in Chios 1708 -), f| 



>) Andr^e. Op. cit., S. 87. ,,.; ......... 

«) Hock. Op. cit., S. 30-34. . . • ' .. T^ . , 
") Dayenport. Op. cit., P. 72. . 

*) Conwoy. Loc. eit. - ~ . - ••■: -•- 

"-'' ^} Krauß. Op. cit. S. 124. 

*) Siehe besonders Calmet. Dissertation sur les apparitions des anges, 
des d^moES et des esprits, et sur les revenaiits et vauipires. 1746. 

') Vgl. Gartenlaube. 1873, Nr. 34. »Der Vampir-Schreckeu im ueun- 
zehnten Jahrhundert.« 

») Sepp. Op. cit., S. 269. . * J , ' 



41 



^^gBSBBomasz 



'^ 



DER VAMPIR. 49 



in Ungarn 1726 i), in Meduegna und Belgrad 17^5 und 1732«), 
in Serbien 1825 3) und in Ungarn 1832.*) 

Im Jahre 1732 erschienen in Deutschland allein vierzehn 
Bücher über diesen Gegenstand ^), der allgemeinen Schrecken 
hervorrief und überall besprochen wurde. Er entging nicht 
der Satire Voltaires, der bei Erörterung der Frage in seinem 
philosophischen Dictionaire sagt : »La difficulte etait de savoir 
si c'etait l'äme ou le corps du mort qui mangeait: il fut 
decide que c'etait l'un et l'autre; les mets delicats et peu 
substantiels, comme les meringues, la creme fouettee et les 
fruits fondans, etaient pour Tarne; lös ros-bif etaient pour 
le Corps.« Wir brauchen über die wahren Todesursachen bei 
diesen Epidemien nicht zu sprechen, da dieses eine rein 
medizinische Frage ist. Hock ^) bemerkt, daß sie vorwiegend 
bei Pestzeiten auftraten, besonders bei Ausbruch von Rinder- 
pest. Es ist möglich, daß es sich dabei um Falle von Schein- 
tod handelt, eine Erklärung, die besonders von Weitenkampf ') 
und Mayo ®) aufrecht erhalten wurde. 

Der Aberglauben ist in vielen Teilen Europas keines- 
wegs ausgestorben; in Norwegen, Schweden, Finnland be- 
stand er noch vor ganz kurzer Zeit. ^) Krauß^**) berichtet, daß 
noch heute die Bauern in Bosnien an die Existenz des Vam- 
pirs ebenso fest glauben wie an Gott. In Bulgarien wurde 
im Jahre 1837 ein Fremder verdächtigt, daß er ein Vampir 
sei, und er wurde gemartert und lebendig verbrannt. ^^) Im 

*) Sepp. Loc. cit. 

^) Horst. Op. cit., Erster Teil, S. 251. Fünfter Tel], S. 381. Dies ist 
die am meisten beschriebene Epidemie. 

«) Sepp. Op. cit., S. 270. 

*) Sepp. Loc. cit. 

ä) Horst. Op. cit., Erster Teil, S. 2G5, 266. Fünfter Teil, S. 383. 

«) Hock. Op. cit., S. 31, 49. 

') Weitenkampf. Gedanken über wiclitige Wahrheiten aus der Vernunft 
und Religion, 1735. 1. Teil, S. 108. 

*) Mayo. On the Truths contained in Populär Superstitions, 1851, P. 30. 

") Hovorka und Kronfeld. Vergleichende Volksmedizin, 1908, 2, Bd., 
S. 425. 

'») Krauß. Op. cit., S, 124. ..;.-..;_.:.;.;,;. ^ 

") Stern. Op, cit., S. 362. ,^ ' : .;,.,, ; 

Jones, Alptraum. » ■ 



^^ DEE ALPTRAUM. 



Jahre 1874 grub in Rhode Island U. S. A. oin Mann den 
l^eichnam seiner eigenen Tochter aus und verbrannte ihr Herz, 
im Glauben, daß sie das Leben der anderen Familienmitglieder 
zu Grunde richte. Ungefähr zur selben Zeit wurde in Chikago 
die Leiche einer Frau, die an Schwindsucht gestorben wa^'r 
ausgegraben und die Lungen verbrannt, da man meinte sie 
ziehe einige ihrer lebenden Anverwandten zu sich ins Grab i) 
Im Jahre 1889 wurde in Rußland die Leiche eines alten 
Mannes, den man für einen Vampir hielt, ausgegraben wobei 
viele der Anwesendon behaupteten, einen Schweif aus seinem 
Rucken ragen zu sehen. Im Jahre 1899 gruben rumänische 
Bauern m Krassowa dreißig Leichen aus und rissen sie in 
Stucke, um eine Diphtherieepidemie zum Erlöschen zu 
bringen. 2) Zwei Beispiele finden wir noch im Jahre 1902 
eines in Ungarn,«) eines in Bukarest.*) ' 

Das Wort Vampir selbst ist serbischen Ursprungs und - 

man halt es für eine Ableitung des nordtürkischen .Über« 
(Hexe)-). Allgemein in Europa verwendet wird es seit un^^e- 
fahr 1730. In späteren Jahren hat es Nebenbedeutun-^n ' 

angenommen, die nicht uninteressant sind, da sie die An 
schauung des Volkes über den Gegenstand zeigen Wohl ' 

bekannt ist seine Verwendung - sie findet sich zuerst bei ' 

Buffon «) — zur Bezeichnung gewisser Arten von Fledermäusen 
die, wie man sagte, Tiere und menschliche Wesen im Schlaf 
überfielen. Die alte Vorstellung von der verderblichen Nacht- I 

fahrt ist hier deutlich. Die wichtigsten metaphorischen Be- I 

deutungen des Wortes sind: Erstens ein sozialer öder poli- 1 

tischer Tyrann ^), der seine Leute bis aufs Blut aussaugt, 1 

zweitens ein unwiderstehlicher Liebender, der Energie Ehr- S 

geiz und s elbst das Leben des anderen aufzehrt; di^er kann I 

') ^ünway- Op. cit., P. B2. 'fj 

'} Lüwenstimm. Aberglaube irnd Strafrecht, Deutsche Übers., 1897, S 101 
^) Stern. Op. cit. 370. 

*) Neue Freie Presse. 8. Nov. 1899, i 

1886, s! *5^^°'''''- ^'^'"«l^gisches Würtorbuch der slavisehen Sprachen, -- 

') Buffon. Hiat. Natur. g.5n. et part., 1762, T. X P 66 
') Siebe Hook. Op. cit., g. 56, 57, 61. 



DEE VAMPIR. gj 



entweder ein Mann sein wie Torresanis faszinierender Ritt 
meister ^) oder ein Weib wie in Kiplings Vampirdichtung. 

Der Vampirglaube ist offenbar eng verknüpft mit dem 
an den Inkubus, Sukkubus. Freimark 2) sagt: »Denn man 
kann, wenn auch nicht als Regel, so doch in den meisten 
überlieferten Fällen konstatieren, daß Frauen stets von einem 
männlichen, Männer hingegen von einem weiblichen Vampir 
heimgesucht werden. . . Das sexuelle Moment charakterisiert 
den Vampirglauben als eine andere, allerdings gefährlichere 
Form des Inkubus- und Sukkubusglaubens.* Zimmermann ^) 
und Laurent und Nagour *) sind derselben Ansicht und diese 
fmdet ihre überzeugende Bestätigung durch unsere neue 
Kenntnis der Symbolik solcher Vorgänge. Die Ähnlichkeit 
mit dem Alpglauben, der beim Volk die Stelle des Inkubus 
vertritt, ist noch schlagender; ebenso wie der Vampir kann 
der Alp die Seele eines Toten '} sein und den Leuten während 
des Schlafes «) das Blut aussaugen, häufig mit demselben ver- 
hängnisvollen Ausgang. Die am weitesten gehende Beziehung 
aber hegt in den Einzelheiten des Aberglaubens über die 
Ursachen und über die Mittel zur Befreiung von dem bös- 
artigen Trieb, der diese Wesen dazu bringt, ihre ruchlosen 
Taten zu verüben. Da dieser Gegenstand mit dem mytholo- 
gischen »Erlösungsthema« verbunden ist, das einen wichtigen 
Komplex bildet, muß er hier übergangen werden. Das Naeht- 
fahrtelement ist ebenfalls ein Verbindungsglied zwischen dem 
Vampirglauben und den zahlreichen Alp- und Mahnnythen, 
in denen es vorkommt, z, B. dem der montenegrinischen 
Wjeschtitza ^) »ein weiblicher Geist mit feurigen Flügeln, der 
den Schlafenden auf die Brust steigt, sie mit ihren ' Um- 
armungen erstickt oder wahnsinnig macht.« 

') Torresani. Aus der schönen, wilden Leutnantszeit, 1894, Bd. 2, S. 141. 

^) Freimark. Op. eit., S. 331, 332. 

=) Zimmermann. Die Wonne des Leids, 1885, S. 113. 

*) Laurent und Nagour. Op. cit., S. 146. 

^) Laistner. Op. cit,, Bd. 1, S. 63. 

*■) Laistner. Op. oit., S. 61. 

') Stern. Op. cit, S. 356, 

. 4* ' 



Der Inzestkomplex, der dem Inkubusglaubon zu Grunde 
liegt, zeigt sich auch iu dem Vampirglaubon ; von besonderer 
Bedeutung ist hier die Tatsache, daß der Vampir ein reve- 
nant ist, da wir ja diese Vorstellung oben auf unbewußte 
Inzestgedanken zurückgeführt haben. Die Erscheinung des 
Vampirs in Tiergestalt, besonders als Schmetterling oder 
Schlange, kann gleichfalls als Beweis in dieser Richtung an- 
gesehen werden; auf alle Fälle stimmt sie durchaus mit 
diesem Schluß überein. 

Zum Schluß haben wir die Beziehungen des Vampir- 
glaubens mit den Erfahrungen der Augstträume zusammenzu- 
fassen. Wundt ') sagt : »Als nächtliche Spukgestalt, die den 
Schläfer umklammert, um ihm das Blut auszusaugen, ist er 
sichtlich ein Produkt des Alptraumes.« Doch fügt er hinzu, 
daß die Vorstellung von einem Geist, der sich durch das 
Trinken von Blut am Leben hält, anderen allgemeineren Quellen 
entstammt. Hock ^) unterscheidet zwischen dem wirklichen 
blutsaugenden Vampir und dem Nachzehrer, der sein Leichen- 
kleid zerreißt und so seine Familie bloß durch die Wirkung 
der Sympathie nachzieht: »Hat jene Tradition in der Traum- 
vorstellung ihre sichere Grundlage, so sind die Sagen von 
den »schmatzenden und käuenden« Toten offenbar im Hin- 
blick auf tatsächlich erlebte Ereignisse nach dem entsetzliehen 
Vorbilde eines im Grabe zu spät erwachten Scheintoten ge- 
bildet.« Wahrscheinlich legt Hock hier zu viel Nachdruck 
auf den Seheintod, der außerdem zu selten vorkommt, um 
einen so weit verbreiteten Aberglauben erklären zu können j 
eine weitere Einwendung gegen Hocks Einsicht bildet die 
Überlegung, daß äußerliche Vorgänge dieser Art nie von 
grundlegender Wichtigkeit bei der Schöpfung eines Aber- 
glaubens sein können, der solche Charakteristika zeigt, wie 
der vom Vampir. Seine wahre Ursache muß in bedeut- 
samen inneren seelischen Prozessen gesucht werden; das 
höchste, was äußere Geschehnisse leisten können, ist, zu der 
äußeren Gestalt, die ein gewisser Aberglaube annimmt, etwas 

1) Wundt, Völkerpsyehologio, Bd. 2, T. II, 1906, S. 120, 
äj Hock. Op. cit., S. 23. 



DER WERWOLF. 



53 



beizutragen. In unserem Fall z. B. können wir mit Recht 
einen verhältnismäßig bedeutungslosen Zug, nämlich die Be- 
schreibung der Auffindung des Vampirs nach dem Tod, wirk- 
lichen Erfahrungen über die verschiedenen Umstände zu- 
schreiben, die die Zersetzung eines Leichnams verzögern. Mit 
dem Aberglauben an sich aber steht es anders. Die Erschei- 
nung des Vampirs in Tiergestalt, seine leichte Verwandlungs- 
fähigkeit, seine Nachtfahrt, sein Besuch bei Schläfern, die 
erschöpfende Wirkung und pollutionähnliche Art seiner Be- 
tätigung, die deutlichen Anzeichen für deren sexuellen 
Charakter und schließlich der Glauben an die Rückkehr toter 
Verwandter — alles weist übereinstimmend darauf hin, daß 
der Angsttramn weitaus die wichtigste Quelle der ganzen Vor- 
stellung ist. Sie ist tatsächlich nur eine Ausbildung des 
Inkubusglaubens und die wichtigen Elemente beider sind 
zurückgedrängte Sexualwünsclie, besonders solche, die Inzest- 
ckar akter an sich tragen. In der Vampir Vorstellung treten, 
wie oben gezeigt wurde, noch andere Perversionen als akzes- 
sorische Faktoi'en hinzu, vor allem sadistische, masochistische 
und nekrophile Tendenzen, ferner die Betätigung der Mund- 
und Analerotik. 

V. Der Werwolf. 

Eine der am stärksten entwickelten Vorstellungen, die 
Verwandlung menschlicher Wesen in Tiere betreffend, ist die 
vom Werwolf. Die wichtigsten anderen Elemente in diesem 
Aberglauben sind Nachtfahrt und Menschenfresserei. 

Der Wolf gehört zu der Gruppe wilder Tiere, die in 
Mythologie und Folklore vielfach zur Darstellung grausamer 
und sadistischer Phantasien verwendet wurden. Zur selben Klasse 
wie die Werwölfe gehören die Mannhyänen in Abessynien i), 
die Mannleoparden in Südafrika ^), die Manntiger in Indien *) 

1) The Life and Adventures of Nathaniel Piercs, edited by Halls, 1831, 
Vol. I, P. 287. 

*) Marion Cox. An Introduction to Folklore, 1904, P. 127. 

') M. Cox. Loc. cit., und Clodd. Mytha and Dreams, 1891, P. 85, 




ß* DEE ALPTRAUM. 



und die Mannbären in Skandinavien •), an deren Existenz 
nach Mogk ^) die norwegischen Bauern noch immer glauben. 
Die symbolische Bedeutung des Wolfes zu erkennen, ist 
nicht schwierig. Hertz») schreibt darüber: »Betrachten wir 
nun speziell den Wolf, so erscheint er, — das unersättlich 
mordgierige, bei Nacht und zur Winterszeit besonders gefähr- 
liche Raubtier, — als das natürliche Symbol der Nacht, des 

Winters und des Todes Der Wolf ist aber nicht 

allein das raubgierigste, er ist auch das schnellste, 
rüstigste unserer größeren vierfüßigeu Tiere. Diese seine 
Rüstigkeit, seine wilde Kühnheit, seine grausame Kampf- und 
Blutgier verbunden mit seinem Hunger nach Leichenfleisch 
und seinen dadurch angeregten nächtlichen Besuchen der 
Totenfelder und Walstätten macht den Wolf zum Bogleiter 
und Gefolgmann des Schlachtengottes.« 

Die Eigenschaften, die am allermeisten hervortreten 
und deren symbolische Verwendung wir erwarten können, 
sind also Schnelligkeit der Bewegung, unersätthche Blutgier, 
Grausamkeit und eine Angriffsart/ die durch die Mischung 
von Kühnheit und schlauer Hinterlist charakterisiert wird, 
ferner Verbindungen mit Nacht, Tod und Leichen; wie man 
leicht einsehen wird, macht das Wilde und Unheimliche, das 
für den Wolf bezeichnend ist, ihn besonders geeignet, die 
gefährlichen und niedrigen Seiten der Natur im allgemeinen 
und der menschlichen im besonderen zu charakterisieren. 
Diese Eigenschaften des Wolfes erklären es, daß er eine wich- 
tige Rolle in den Theologien spielte. In Ägypten war der 
Wolf ein heiliges Tier und Osiris selbst erschien bei seinem 
Überfall auf Typhcn ^) in Wolfsgestalt. In der deutschen 
Mythologie waren zwei Wölfe, Geri und Freki, Odins •') Be- 
?i®i!!^J!.^"^ ^^^^ Grimms Ansicht, daß sie den Gott selbst 
^) M. Cor and Clodd. Loc. eit. 
*) Mogk. Germanischg MytJiologie, 1906, S. 34. 

^) Hertz. Der Wenvolf. Beitrag zur Sagengeschichte, 1862, S. 14. 15 
*} Hertz. Op. cit,, S. 29. 

') Wuttke. Der deutsche Volksaberglaube der Gegenwart Dritte Aus- 
gäbe, 1900, S. 279. 



DER WERWOLF. gg 



darstellen, unrichtig ^) ist. Der Wolf Fenrir, einer von Lokis 
Nachkommen, ist der Mittelpunkt zahlreicher Mythen ^) Noch 
besser bekannt ist das Leben als Werwolf von Sigmund 
und Smfjötli, wie es die Wölsungensage berichtet; auch in 
Amerika ist der Wolf ein heiliges Tier, wie die religiösen 
Wolfstänze der Texas-Indianer ^) zeigen. Der Nez-Percezstamm 
fuhrt den Ursprung der ganzen Menschenrasse auf einen 
Wolf'i) zurück. 

In Griechenland war der Wolf dem Sonnengott heilig 
der m Wolfsgestalt erschien, als er die Telshinen auf Rhodus ') 
niedermetzelte. Seine Verbindung mit Apoll hielt man für 
zufällig und für eine Folge des Wortspiels zwischen Xixoc Wolf 
und XüxT, Licht. Einige Schriftsteller ß) haben den ganzen 
späteren Werwolfsaberglauben darauf zurückgeführt Piske ^ 
bemerkt in bezug auf letztere Ansicht sehr milde: »Anzu- 
nehmen, daß Jean Grenier sich für einen Wolf hielt, weil das 
griechische Wort für Wolf dem für Licht ähnlich war und 
so Anlaß zu der Geschichte von einer Lichtgottheit gab, die 
zu einem Wolf wurde, scheint mir durchaus unzulässig.« 
Man konnte hinzufügen, daß es typisch für die Schlüsse ist. 
zu denen man gelangt, wenn man die Psychologie bei den 
mythologischen Studien vernachlässigt. Wie anderswo in 
seelischen Prozessen, so verdeckt auch hier wahrscheinlich 
emo oberflächliche Assoziation eine innere Verbindung der 
Ideen. Zwei solche Beziehungen zwischen den Ideen von Wolf 
und Licht oder Sonne mögen hier kurz erwähnt werden; 
sie gehören beide zu starken, bei der Zeugung tätigen Kräften. 
Schnelligkeit der Bewegung -eine hervorstechende Eigenschaft 
des Wolfes - wird in der Mythologie vielfach mit Frucht- 
b arkeit ei nerseits, mit Wind und Sonne anderseits in Ver- 

') Mannhardt. Roggenwolf und Roggenhund, 186Ö, S. 50. 
=*) Thorpe. Northern Mythologie, 1851, Vol. I. P. 49—52 
") Clodd. Op. cit., P. 92. 

*) Conway. Demonology and Devilore, 1879, Vol. I, Pag. 141 
^) Hertz. Op. cit, Pag. 31—33. 

') Z. B. G. W. Cox. The Mythology of Aryan Nations, 1870 Vol I 
Pag, 459. . ! , 

') Fiske. Myths and Mythmakers, 1872, Pag. 88. 



56 BER ALPTRAUM. 



bindung gebracht. Die Vorstellung von der unaufhörlichen 
Bewegung der Sonne ist eine der Ursachen für ihre häufige 
Assoziation mit dem Pferd in der indischen, griechischen und 
germanischen Mythologie. Die Verknüpfung der Fruchtbar- 
barkeit mit dem schnellen Wind ist ebenso verbreitet; man 
braucht bloß auf den griechischen und römischen Glauben 
hinzuweisen, daß der Westwind Pferde i) und Frauen schwangor 
machen kann, ein Glaube, der bis vor kurzer Zeit in 
Portugal *) bestand, ferner auf den deutschen Brauch, zu 
säen, während der Westwind ^) bläst. Dies ist vielleicht die 
Ursache dafür, weshalb gerade über der westlichen Tür 
von Gladheim, der germanischen Welt der Freude, ein Wolf ^) 
hing. Die andere Verbindung stammt von der durch den 
Kontrast herbeigeführten Assoziation zwischen Zeugung und 
Zerstörung, zwischen der fruchtbringenden Macht •'') der Sonne 
und ihrer verderblichen, ferner zwischen ihrer wirksamen 
(phallischen) Wärme bei Tag und im Sommer einerseits und 
ihrer Kraftlosigkeit und ihrem Untergang bei Nacht und im Winter 
anderseits.^) Es ist bezeichnend, daß Apoll, bevor er mit 
Helios identifiziert wurde, vor allem der Gott des Todes war ; 
seine Beziehung zum Wolf ist noch älter, denn seine Muttor 
Leto verwandelte sich, bevor sie ihn gebar, in eine Wölfin, 
um sich vor dem Zorne der Hera zu schützen. Demselben 
Wortspiel ist auch die wohlbekannte Werwolfsage von Lykaon 
zuzuschreiben, die in verschiedenen Versionen von Ovid, 
Pausanias, Apollodorus und anderen '') berichtet wird und 
deren Analyse hier zu geben nicht notwendig ist. 

^) Jahns. Roß und Reiter in Leben und Sprache, Glauben und Ge- 
schichte der Deutschen, 1872, Band 1, S. 2«jB. Ilartland. Primitive Pater- 
nity, 1909. Vol. I, Pp. 22, 36, 149, 150. 

*) De Cauzons. La magie et la sorcellerie en France, 1911, T. I, P. 161. 
. *) E. H. Meyer. Germanische Mythologie, 1891, S. 256. 

*) Mogk. Op. eit., S. 48. 
. *> Abraham. Traum und Mythus, 1909, S. 53. 
•) Schwartz. »Der rote Sonnenphalloe der Urzeit«, Zeitschr. t, Ethnol., 
1874, S. 167, 409. 
'- ») Siehe Herti. Op. cit,, S. 36—40. 



'9 



DEK WERWOLF. 



Eine noch bedeutsamere Rolle spielte der Wolf in Rom, 
wie ja die Romulus-Remus Geschichte zeigt. Man hat Ursache, 
anzunehmen, daß die Gründer von Rom nach dem ursprüng- 
lichen Glauben von einer Wölfin nicht nur gesäugt, sondern 
sogar geboren wurden, mit anderen Worten, daß die Sage 
einer totemistischen Anschauung entsprang. Die Priester des 
Soranus, des sabinischen Todesgottes, der später mit Apoll 
identifiziert wurde, hießen Hirpi (Wölfe) und eine Art Räuberei 
bildete einen Teil ihres Kultes. Der Wolf war das dem Mars 
heilige Tier und dieser war ja ursprünglich ein Todesgott. 
Der Gott Lupercus stellt wahrscheinlich eine Gruppe von 
Eigenschaften des Mars dar, die sich abgespalten haben und 
eine neue Gottheit bilden; seine Frau Luperca bedeutet die 
Wölfin, die Romulus und Remus säugte. Die Priester hießen 
Crepi, eine ältere Form von Capri (Böcke). Lupercus war 
ein Beiname des Gottes Faunus, Februus oder Innus (von 
inire, Verkehr pflegen). Schwelger i) sagt, der Name Lupercus 
sei von lupus und hircus abgeleitet und bedeute so Wolfböck : 
»Eine Bezeichnung, welche die beiden Seiten der in Faunus 
sich darstellenden chthonischen Macht, die zerstörende leben- 
vernichtende und die hervorbringende, lebenerzeugende als 
wesentliche Konnexe zumal ausspricht.« Das Fest der Liiper- 
calien (15. Februar) scheint eine Reinigung durch Heirat 
symbolisiert zu haben. Von dem Worte februare (inire), 
nach dem der Monat genannt ist, stammt der Beiname Pe- 
bruata oder Pebrualis der Göttin Juno, der die Ehe heilig war. 
Man glaubte, daß Werwölfe ihre unheilvolle Tätigkeit im 
Februar -) ausübten, und nach Andree ^) ereigneten sich tat- 
sächlich die meisten Epidemien von Lykanthropie in diesem 
Monat. Wir können in betreff der sexuellen Bedeutung des 
Gegenstands eine Stelle von Hermann*) hinzufügen: »Auch 
im Italienischen bedeutete lupa sowohl Wölfin als auch 

A) Schweiger. Römische Geschichte, Band 1, S. 3G1. 
*) Donat de Hautemer. Zitiert von Goulart, Thr^sor des histoires 
admjrables et memorables de nostre temps, 1600, T. I, P. 336. 
3) Andrfe. Revue de l'Orient, 1888. 
*) Hermann. Geneßis. Bd. 3, Bakchanalien und Eleusinien, 2, Aufl., S. 67. 



^^ DER ALPTRAUM. 



Buhlerin (vulva) und aus den Tempeln der Luperca wurden 
die spateren Bordelle oder Lupanare.« 

Zahlreiche Versuche, die zum Teil sehr amüsant sind, 
wurden zur Etymologie des Wortes Werwolf ') gemacht. Die 
richtige wurde zuerst im Jahre 1211 von Gorvasius von Tilbury 
gegeben. »Werc bedeutet Mann (lateinisch vir, sanskrit viras 
vergleiche Wergeid) »Wolf« bedeutet ursprünglich Räuber ^) 
(sanskrit wrikas). Die Römer kannten den Geschlechtsnamen 
versipellis = Hautwechsler; das französische Wort loup-garou 
(von Bodin^) loup-varou und von älteren Schriftstellern 
loup-warou*) geschrieben) kommt wahrscheinlich von dem 
normannischen Garwolf ^) = werwolf und ist infolgedessen 
tautologisch. 

Der Werwolfaberglaube ist sehr weit verbreitet gewesen • 
Hertz «) hat Beispiele dafür aus den verschiedensten Ländern 
gesammelt. Die betroffene Person wurde nach der allgemeinen 
Anschauung von einem unwiderstehlichen Impuls — Heiß- 
hunger - ergriffen, änderte ihre Erscheinung, streifte des 
Nachts durch die Felder und zerfleischte dabei Tiere und 
Menschen, besonders Kinder. Der Impuls war nur zeitweise 
wirksam und konnte dazwischen ziemlich lang schlummern 
Wenn die Verwandlung in einen Wolf plötzlich erfolgte, so 
geschah sie meistens dadurch, daß der Betreffende entweder 
eine Wolfshaut ^) anlegte oder auch einfach das Innere seiner 
eigenen Haut nach außen ^) wendete,- er trug nämlich eine 
Wolfshaut unter seiner eigenen und dieser Glaube verur- 

') Hertz. Op. eit., S. 3, 4. 

(Conwat ""oT ■^'^plVm^''' '"" ""'^'^'''^ ^^^' ^'^ ^«" Räuber genannt. 
(Conway Op. cit., P. 140). Hertz (Op. cit. S. 57) zeigt, daß es Sitte war, neben 
jeden Dieb einen Wolf an den Galgen zu hängen. 

^) Bodin. Dämonomanie, 1593, P. 195. 

2 Siehe Grimni. Deutsche Mythologie, Vierte Ausgabe, 1876, S. 916. 
J uertz. Op. cit., S. 91. Im späteren Französischen wurde es waroul 
geschrieben und daher kommt das schottische wronl und worlin. (Daeent, 
Populär Tales from the Norse. 2. Edition, 1903, P. CXLI). 

«) Siehe auch Hansen, Zauberwahn etc. im Mittelalter. 1900, S. 19, und 
Schoolcraft, The Myth of Hiawatha, 1856, Pp. 13(5, 339. 

^) Meyer. Op. cit., S. 69. 
'"9 ") Fisko. Op. cit., P. 89. 



r 



DER WERWOLF. 59 



sachte im Mittelalter schreckliche Marterungen, da man ver- 
dächtige Leute zerstückelte '), um die haarige Haut zu finden. 
Haar und Werwolf wurden eng miteinander assoziiert, was 
sich darin zeigt, daß der russische Namen für letzteren 
»volkvdlak« ist, von volk = Wolf, dlak := Haar ^). Wer- 
wölfe konnte man in ihrer menschlichen Gestalt an ihren 
starken zusammengewachsenen Augenbrauen •^) erkennen. 
Auf die sexuelle Bedeutung des Haares braucht hier kaum 
hingewiesen zu werden. Die Wolfshaut konnte abgelegt 
werden und wenn man sie verbrannte, konnte sich der Be- 
treffeudo nicht mehr verwandeln *) ; wenn man aber andrer- 
seits die menschlichen Kleider wegnahm, während er in 
Wolfsgestalt war, mußte er für immer ein Wolf bleiben. ■'') 
Dies ist ein verbreitetes Motiv in der Mythologie und beson- 
ders wichtig für die Schwanjungfraumärchen. Das Anlegen 
der Wolfshaut war nur möglich, wenn der Mensch nackt ^) 
war, die Umwandlung war vollständig bis auf die Augen, 
wofür Hertz ^) folgende Erklärung gibt: »Da die Seele un- 
verändert bleibt, so erfährt auch das Auge, der Seele Spiegel, 
keine Veränderung; am Auge werden die Verwandelten er- 
kannt.« In der Mythologie aber kann das Auge ebensogut 
einen wichtigen Teil des Körpers als der Seele symbolisieren 
und diese Tatsache stimmt besser zu der folgenden Variante, 
die Grimm ^) erzählt: »ein Mann wurde durch eine Hexe ver- 
wandelt, er heulte vor ihrer Tür, um erlöst zu werden, und 
nach drei Jahren gab sie nach und schenkte ihm eine mensch- 
liche Haut, um ihn damit zu befreien ; er zog sie über sich, 
aber sie bedeckte seinen Schweif nicht, so daß er zwar wieder 
Menschengestalt erlangte, aber den Wolfsschwanz behielt.« 
Die Vorstellung ist dieselbe wie in den Geschichten vom Teufel, 

') Clodd. Op. cit., P. 84. 

*) Conway. Op. cit., P. 158. 

') Grimm. Op. cit., S. 918. 

*) M. Cox. Op. cit., P. 124. Grimm. Op. cit., S. 917. 

*) Grimm. Loc. cit. 

*) Grimm. Loc. cit. 

') Hertz. Op. cit., S. 49. 

*) Grimm. Loc. cit. 



^0 DER ALPTRAUM. 



der an seinem gespaltenen Huf, den er nicht verbergen kann, zu 
erkennen ist. In beiden Fällen bildet das phallische Symbol 
der Tiernatur einen unveränderlichen Bestandteil ihres Wesens. 
Die Vorstellungen des Volkes über die Ursachen, durch 
die jemand ein Werwolf wird, ähneln den andere mytholo- 
gische Wesen betreffenden in bemerkenswerter Weise und 
ihre Erklärung würde uns zu weit von unserem Thema ab- 
führen, als daß sie hier gegeben werden könnte. Der hervor- 
stechendste Zug ist der Glaube, daß eine solche Verwandlung 
auf zwei ganz verschiedene Arten entstehen kann, je nachdem, 
ob der Betreffende sie freiwillig durchführte oder gezwungen,' 
gegen seinen Willen; für letzteres gab es drei Ursachen': 
»Schicksal, Zauberei und Sünde«. In den ersten beiden Fällen 
ist es sein Unglück, im dritten sein Fehler. So werden sündige 
Frauen in Wölfinnen verwandelt, meistens für sieben Jahre. 
Um Jemanden in einen Werwolf zu verhexen, war eine Haut 
oder ein Gürtel nötig, bisweilen genügte auch ein einfacher 
Ring. Wenn das Schicksal Schuld an der Verwandlung war, 
so konnte der Werwolf auf verschiedene Art erlöst werden.' 
Die gewöhnlichen Mittel, die man anwendete, waren : Jemanden 
bei seinen Taufnamen '} zu rufen, ihm zu erzählen, daß er 
ein Werwolf 2) sei, oder auch bloß ihn wiederzuerkennen. 3) 

Wenn die mittelalterlichen Kirchen-Scholastiker die 'i^ 

Frage aufgriffen, so akzeptierten sie diese Dinge zwar als 
Glauben des Volkes, aber während einige meinten, daß die 
Tierverwandlung wirklieh geschähe, behaupteten andere, daß 
es eine bloße Vorspiegelung des Teufels *) sei. Alle aber 
stimmten darin überein, daß die richtige Behandlung in der 
Vernichtung, am liebsten Verbrennung des Verwandelten 
bestehe. Bodin s) verteidigt die Richtigkeit dieser Vor- 
stellung folgendsrmaßen : »Plusieurs medecins voyant une 
chose si estrange, et ne sachant point la raison, pour ne 

^) Grimm. Loc. cit., Hertz. Op. cit., S. 84. 

^) Grimm. Op. cit., S. 918. Thorpe. Op, cit., Vol. II, P. 169. ' , 

«) Fiske. Op. cit, P. 92. Hertz. Op. cit., S. 85. • -.H 

*) Hertz. Op. cit., S. 7, 8. . .,; ' 

') Bodin. Op. cit., Pp. 201, 202. '■ 



imtm 



' 



DER WERWOLF, ßj 



sembler rien ignorer, ont dict et laisse par escript, que la 
Lycanthropie est une nialadie d'hommes malades qui pensent 
estre loups, et vont courans parmy les bois: Et de cet advis 
est Paul Aeginet: mais il faudroit beaucoup de raisons, et 
de tesmoings, pour dementir tous les peuples de la terre, et 
toutes les histoires, et mesurement l'histoire sacree, que 
Paracelse, et Pomponace, et mesurement Fernel les premiers 
Medecins et Fhilosophes qui ont este de lern* aage, et de 
plusieurs sleeles, ont tenu la Lycanthropie pour cliose tres- 
certaine, veritable et indubitable. Aussi est ce cliose bien 
fort ridicule de niesurer les choses naturelles aux choses 
Supern aturelles, et les actions des animaux aux aetions des 
esprits et Daemons. Encore est plus absurde d'alleguer la 
maladie, qui ne seroit sinon en la personne du Lycanthrope, 
et non pas de ceux qui voyent l'homme clianger en beste, et 
puis retourner en sa figure.« Die wichtigsten Änderungen, 
die die Kirche in dieser Vorstellung hervorrief, betrafen die 
Ursache des Ereignisses. Die unschuldigen Werwölfe wurden 
entweder von dem Teufel selbst oder von den Hexen auf 
sein Gebot hin verzaubert. Die Schuldigen wurden davon 
infolge ihrer Sünden betroffen, die gewöhnlich in Ketzerei 
oder in Beziehungen zum Teufel bestanden. Eine besondere 
Abart des Werwolfs ist der Büxenwolf (Büxen plattdeutsch 
für Hosen), der dieses Privileg dafür besaß, daß er einen 
Pakt mit dem Teufel ') abgeschlossen hatte. Die heidnische 
Vorstellung davon, daß die Verwandlung durch Schieksals- 
schluß verursacht sei, erhielt keine Verstärkung durcli die 
Kirche doch gibt es ein Beispiel von christlichem Einfluß 
in dieser Richtung, nämlich den Glauben, daß ein am Weih- 
nachtstag geborenes Kind bestimmt sei, ein Werwolf zu 
werden. Als Ursache dafür wird angegeben, daß seine 
Mutter es gewagt habe, am selben Tag wie die Jungfrau 
Maria ^) zu empfangen. 

Es ist ganz verständlich, daß während der Zeit der 
Hexen Verfolgungen der Glaube an Werwölfe eine große Rolle 



') Hertz. Op. cit, S, 87. 
■■') Stern. Op. eit., S. 363. 



62 



DER ALPTRAUM. 



spielte. Hertz ^ schreibt: .. . . entstand mit dem Hexen- 
glauben die Vorstellung von Mensehen, die sich mit Hilfe 
des batans aus reiner Mordlust zu Wölfen verwandeln So 
wurde der Werwolf in düster poetischer Symbolik das Bild 
Z.^T »^«^«^ischen in der Mensehennatur, der uner- 
sättlichen gesamtfeindlichen Selbstsucht, welche alten und 
modernen Pessimisten den harten Spruch in den Mund legte- 
Homo homini lupus.« Man meinte, daß die Werwölfe sich 
ebenso wie die Hexen versammelten, durch die Luft fuhren 
einen Sabbat abhielten, ihrem Herren, der ihnen sein Zeichen 
(Stigma) aufdrückte, Ehrfurcht erwiesen und untereinander 
sexuellen Verkehr pflegten. ^) Viele dieser Einzelheiten 
wurden bei_ einer der früheren Gerichtsverhandlungen be- 
kannt so in der von Verdun und Burgot im Jahre 1521 
über die mehrere Schriftsteller berichten. «) Nach de Lauere ^] 
gaben diese Leute zu .qu'ils prenoyent autant de plaisir 
lors qu als s'accouploient brutalement auec les louues, que lors 
quils sacomtoyent humainement auec des femmes.« Ferner 
beschrieben sie, wie der Teufel sie in Wölfe verwandelt hätte 
mdem er sie mit einer Salbe eingerieben. Dasselbe Geständnis' 
legten auch die Angeklagten in einer Gerichtsverhandlung 
m Salzburg im Jahre 1717 ab. Die »Einreibung« war offen 
verbrannT^^^'^'''"*' Hexensalbe. Beide wurden in Besangon 

7„ dp^i-tf ' ^^""T '° '*^^^" ^''^^ ^'^ Werwölfe in Beziehungen 
zu den Katzen und bilden in vieler Hinsicht das Gegenstück zu 
Ihnen. Wie der Wolf Wotan heilig war, so die Katze der Freya ^ 
Zauberer verwandeln sich in Wölfe, Zauberinnen in Katz 'n « 
^-Ldi^nzelheiten dieses Vorgangs waren in beiden Fällen v 

'; Hertz. Op. eit., S. 134. 
, *) Freimark. Okkultismus und Sexualität, S 319 

") Bosquet. Discours de Sorcieres, 1608, P. 370 CalmGil r.„ .„ f i- 
1845 T T p 9^A T,^^- • ^ , i. oiu. «...aiiueu. De la folie, 

1845, T. I, P 234. Eemigius. Daemoaolatria, 1G98, Bd. 2, S 183 Wolfes 
husius. De Lycanthropia, 1591, p. 31. ' wones- 

1612, p! 321.'^'''™- '"'"'"'^ '' ''^''^^^''^^^ des mauvais anges et demons 
") Grimm. Op. clt., S. 873. 
«) Grimm. Op. cit,, S. 915. 
») Hertz. Dp, cit., S. 71—74. 



■, 



yt 



DER WEKWOLF. 



GS 



die gleichen. Beide Motive sind in einer alten tartarisehen 
Heldensage ') vereinigt. ^Bürüh-Chan, ein Herrscher über 
600 Wölfe, lebte bald als ein goldglänzender Wolf, 2) bald als 
Mensch. Der Knabe Altenkök fängt ihn in einer Schlino-e 
und fordert von ihm auf den Rat eines Greises die Katz^e 
welche er in seinem Zelte hege. Als sie der Knabe nach 
Hause gebracht, verwandelt sie sich in ein schönes Weib • 
denn sie ist die Tochter des Wolfsfürsten, der nun seinem 
Eidam reiche Mitgift schenkt.« 

Infolge der Aufmerksamkeit, die die Kirche der Ange- 
legenheit schenkte, wurden Werwolfverhandlungen zu Ende 
des Jahrhunderts außerordentlich häufig und nahmen in 
einigen Gegenden, z. B. im Jura, epidemische Form ^) an 
Die meisten gaben ihre Schuld ^u, beschrieben bis ins einzelne 

und tZT 7 "t '^'' ^ä^^^li«!-- Taten, wie sie Menschen 
und Tie e zerfleischten. Die bekanntesten Verhandlungen 
™n die über Gilles Garnier 1573^) und über Jean Grenier 
1603 •); ersterer wurde lebendig verbrannt. Ein Werwolf 
wurde noch 1720 «) in Salzburg hingerichtet. In Prankreich 
bekam der Glaube im Anfang des 18. Jahrhunderts den 
Todesstoß durch eine anonyme Satire, deren Verfasser der 
Abbe Bordeion war: »Les aventures de Monsieur Oufle«, 
(Anagramm für Foule). 

Der Glaube an die wirkliche Existenz von Werwölfen 
ist keineswegs ausgestorben ; Krauß t) erzählt vom Jahre 1888 
em gutes Beispiel dafür und, wie ich aus eigener Erfahrung 
bezeugen kann, glauben die französischen Canader «) noch 
jetzt fest daran. 



.or^ o^ o^l'^f"''''^' ^^'^^^^'^Sische Vorlesungen über die Altaisehen Völker, 
18&7y S. 233. 

^} Vergl. oben die Beziehungen zwischen Wolf und Glanz oder Licht 

^) Clodd. Op. eit., P. 83. 

*} Bodin. Op. eit., P. 192. 

'') De Lancre. Op. eit., P. 314, 

*> ßiezler. Loc. eit. 

') Krauß. SlavJBche Volksforschungen, 1908, S. 139. 

") Beaugrand. La Chasse galerie. Legendes canadiennes, 1900. P, 36— 54. 










64 DER ALPTRAUM. 



j Die Verwandtschaft zwischen dem Werwolf- und dem 

i' Inkubusglauben ist nur eine indirekte, wie sogleich gezeigt 

I werden soll, doch besteht eine sehr enge Verbindung mit 

j, dem Aequivalent des Volkes für den Inkubus- nämlich dem 

I Alp- und Mahrglauben. Der siebente Sohn ist dazu bestimmt, 

i . ein Werwolf ^) zu werden, die siebente Tochter eine Mahr. ^) 

1 Nach einer dänischen Überlieferung wird eine Frau, die das 

l Geburtshäutchen eines Füllens über vier Pflöcke spannt und 

j um Mitternacht nackt unten durchkriecht, ihre künftigen 

■ Kinder ohne Schmerzen gebären, aber alle Knaben müssen 

Werwolf e werden und jedes Mädchen eine Mahr. ^) Dies 
kann man mit folgendem skandinavischen Aberglauben ver- 
o-leichen: »wenn eine Frau sich eine leichte Geburt dadurch 
verschafft, daß sie unter einem Pferdegeschirr durchkriecht, 
so wird das Kind ein Alp*) werden. Meyer s) sagt; »Die 
Katzen, die unter einen Sarg und von da unter das Bett 
eines Neugeborenen springen, können dasselbe in einen 
Werwolf oder eine Mahr verwandeln.« Hexen haben in 
dieser Hinsicht dieselbe Macht wie Katzen und Kinder, 
die nicht gegen sie geschützt sind, nennt man Heidenwölfe. «) 
Der Werwolf gelangt durch den Abzugskanal in das Haus, 
ebenso wie die Mahr durch das Schlüsselloch. ') Man kann 
einen Werwolf, ebenso wie den Alp «) und die Mahr ") an 
den zusammengewachsenen Augenbrauen erkennen. Die Kinder 
der Roggenfrau werden Roggenwölfe, i") Schließlich geht die 
Befreiung des Werwolfs auf dieselbe Weise vor sich, wie die 
der Mahr, der Schwanenjungfrau u. s. w. 

^"täckerjan. Aberglaube und Sagen aus dem Herzogt. Oldenburg., 1867, 

I Band 1, S. 377. 

• ») Kuhn und Schwarz. Norddeutsche Sagen, Märchen und Gebrauche, 

,,; . 1848, S. 420. 

I ;, ») Meyer. Op, cit., S. 67. Thorpe. Loc. eit. 

*) Von Düringsfeld. Zitiert von Freimark, Op. clt., S. 409. 

5) Meyer. Op. eit., S. 68. 

•) Meyer. Loc. cit, 
■ ■•) Meyer. Op. cit., S. 69. 

») Wuttke, Op. cit., S. 275. 

») Wolf. Zeitschr. f. deutsche Mythologie, Jahrg. I, S. 198. 

»») Mannhardt, Op. cit., S. 31. 



DER WERWOLP. «5 



Die Beziehungen zwischen Werwolf- und Vampirvor- 
stellungen sind noch enger; vor allem ist im Südosten von 
Europa der Glaube allgemein, daß Werwölfe nach ihrem Tod 
Vampire ^) werden. Natürlich sind in dieser Gegend, wo 
der Vampirglaube am festesten wurzelt, die beiden Vor- 
stellungen aufs engste miteinander verknüpft^), obwohl 
zwei der besten Autoritäten, Andree ^) und Krauß *), be- 
haupten, daß man sie immer auseinanderhalten könne. Aber 
die bloße Tatsache, daß das russische Wort volkudlak, ur- 
sprünglich Werwolf, in Bulgarien und Serbien allgemein (mit 
lokalen Varianten) zur Bezeichnung des Vampirs^) auf- 
genommen wurde, spricht unzweifelhaft dafür, daß das Volk 
eine enge Beziehung zwischen den beiden Vorstellungen sieht. 

Der Werwolf wird, wenn auch nicht so regelmäßig wie 
der Vampir, mit der Vorstellung vom Tode assoziiert. Die 
enge Verbindung zwischen dem Wolf und den Todesgottheiten 
des Altertums wurde oben erwähnt. Der gespensterhafte Wolf 
spielt ebenso wie der gespensterhafte wilde Hund eine wich- 
tige Rolle als Psychopomp ^) und in späteren Zeiten galt das 
Heulen eines Wolfes oder eines Hundes für ein Todesomen. 
Er wird mit den Vorstellungen von Nachtfahren und Nachtreiten 
überhaupt in Verbindung gebracht. Die feindlichen Nacht- 
frauen des nordischen Volksglaubens — sie gehören zu den 
Ahnen der mittelalterlichen Hexen — ritten auf Wölfen. '') 
Viele Märchen von Werwölfen entstammen offenbar der ver- 
wandten Vorstellung vom wütenden Heer und der wilden 
Jagd. Peucets ^) Beschreibung von dem nächtlichen Marsch 
von tausenden von Werwölfen, die ein großer Mann mit 
einer Peitsche aus Eisenringen führt, — offenbar der Teufel 

1) Mannhardt. Zeitschr. f. deutsche Mythologie, Jahrg. IV, S. 263. 
RalBton. Russian Folk-tales, 1873, P. 309. 

2) Hertz. Op. cit., S. 113. Wuttke. Op. cit., S. 278. 
*) Andrde. Ethnologische Parallelen und Vergleiche, 1878. 
*) Krauß. Op. cit., S. 137. 
"■} Grimm. Op. cit., S. 916. 

') Sikes. British Goblins, 1880, Pp. 233—236. 
') Grimm. Op. cit., S. 880-881. 
") Peueet. Les Devins, P. 198. 

Jonee, Alptraum. ^ 



66 DER ALPTRAUM. 



— erinnert lebhaft an die zahlreichen Erzählungen dieser 

Art ^). Nach Mannhardt '■^) wäre auch der Roggenwolf gleich 

dem Hunde der wilden Jagd als Seelenbegleiter — Psycho- i i 

pomp — gedacht. 

In dieser Verbindung ist es von Wichtigkeit, daß der 
Werwolf nicht allein ein verwandelter lebender Mensch sein 
kann, sondern auch ein Leichnam, der sich in Gestalt eines 
Wolfes aus dem Grab erhoben hat. Hertz =') erzählt folgenden 
Fall: »Ein moi-kwürdiges Beispiel ist der gefährliche und 
grausame Wolf von Ansbach im Jahre 16B5, welcher für 
das Gespenst des verstorbenen Bürgermeisters gehalten ^ 

wurde.« Der Wolf wurde schließlich getötet. »Darauf 
zog man ihm die Haut ab für die fürstliehe Kunstkammer, l 

machte ihm von Pappe ein Menschengesicht mit einem Schön- | 

bart lang und weißgraulich, ein Kleid von gewichter fleisch- 
farbrötlicher Leinwand und eine kastanienbraune Perrücko; 
so wurde er auf dem »Nürnberger Berg vor Onolzbach« an 
einem eigens dazu errichteten Schnellgalgen aufgehängt.« 
Den verwandelten Leichnam hielt man gewöhnlich für den 
eines Verdammten, der in seinem Grab ^) keine Ruhe finden 
konnte. Ein historisches Beispiel dafür ist König Joliann 
»ohne Land« von England, dessen Leichnam sich, wie man 
glaubte, infolge einer päpstlichen Exkommunikation in einen 
Werwolf verwandelt hätte. Bosquet '>) schreibt diesbezüglich : 
»Ainsi^ se trouva completement realise le funeste presage 
attache ä son surnom de Sans-Terre, puisqu'il perdit de son 
vivant presque tous les domaines soumis ä sa suzerainete, et 
que, meme apres sa mort, il ne put conserver la paisible 
possession de son tombeau.« 

Das Gehaben des Werwolfs erinnert häufig an das des 
Vampirs; in Armenien werden sündige Frauen dadurch be- 
straft, daß sie sieben Jahre als Werwölfe leben müssen; 

') Grimm. Op. cit,, Kap. XXXI. 

=*) Mannhardt. Roggenwolf und Eoggenhund, 1865, S. 31. 

=0 Hertz. Op. eit., S. 88. 

■») Hertz. Op. cit., S. 109. 

ä) Bosquet. La Normandie romanesque et merveilleuse, 1845, P. 238. 



k 



■ '--J«dKey»,m,ri,U', L,: 



DER WERWOLF. 



67 



wenn die schreckliche Wolfslust sie überfällt, so zerreißen 
sie zuerst ihre eigenen Kinder, dann die ihrer Verwandten 
und schließlich fremde, ganz ebenso wie die Vampire. ^) Ein 
anderes armenisches Ungeheuer, der Dashnavar, der zwischen 
Werwolf und Vampir steht, saugt das Blut aus den Sohlen 
der Vorübergehenden, bis sie sterben.^) Nach Hertz-') ist: 
»am auffallendsten die Vermischung der Vorstellungen von 
Werwolf und Vampir in Danziger Sagen, wo es heißt, man 
müsse den Werwolf verbrennen, nicht begraben; denn er 
habe in der Erde keine Ruhe und erwache wenige Tage nach 
der Bestattung ; im Heißhunger fresse er sich dann das Fleisch 
von den eigenen Händen und Füßen ab, und wenn er nichts 
mehr an seinem Körper zu verzehren habe, wühle er sich 
um Mitternacht aus dem Grabe hervor, falle in die Herden 
und raube das Vieh oder steige gar in die Häuser, um sich 
zu den Schlafenden zu legen und ihnen das warme Herzblut 
auszusaugen; nachdem er sich daran gesättigt habe, kehre 
er wieder in sein Grab zurück. Die Leichen der Getöteten 
findet man aber des anderen Tages in den Betten und nur 
eine kleine Bißwunde auf der linken Seite der Brust zeigt die 
Ursache ihres Todes an.« Werwölfe wurden sogar mit den 
Ghuls vermengt; in Frankreich gab es eine besondere Art 
von Werwölfen, loubins genannt, die Nachts herdenweise die 
Kirchhöfe besuchten, um die Leichen zu zerfleischen. ^) 

Wir sehen also, daß das Motiv vom revenant und das 
der Leichen dem Werwolf- und Vampirglauben gemeinsam 
sind, während von dem Blutsaugen des letzteren zu des 
ersteren Gier nach Zerfleischen nur ein kleiner Schritt ist; 
die beiden Vorstellungen sind also überall ineinander ver- 
schlungen. 

Was die Bedeutung und den Ursprung des Werwolf- 
glaubens betrifft, so muß bemerkt werden, daß die wichtigsten 
Elemente die Verwandlung in Tiere, die Gier nach Zerfiel- 

') Hertz. Op. cit., S. 28 
') Stern. Op. cit., S. 359. 
^) Hertz. Op. eit., S. 89. 

♦) Pluquet. Contes populaires, 1834, P. 14; Douat de Hautomer, Loc.cit. 

5* 



9»? 



68 DER ALPTRAUM. 



sehen und das nächtliche Wandern sind. In manchem 
anderen Aberglauben können die beiden letzteren Elemente 
ohne das erste miteinander verbunden werden. So glauben 
die Thessaler, Epiroten und Wallachen an Somnambulisten, 
die bei Nacht mnherwandern und die Menschen mit ihren 
Zähnen zerreißen.^) Von dieser Vorstellung, nämlich sich wie ein 
Wolf benehmen, ist es zur tatsächlichen Verwandlung nur 
mei.r eine Stufe. Daß die Lust am Zerreil'en und Zerfleischen 
eine sadistische Tendenz darstellt, ist so offenbar, daß es 
keiner Besprechung bedarf, und viele Autoren -) haben es be- 
zeugt. Die beiden Ausdrücke können in der Tat fast immer 
miteinander vertauscht werden; die Wolfssymbolik eignet 
sich besonders dazu, dies darzustellen, und die Wirkung wird 
noch dadurch erhöht, daß die Worwölfe für wilder gelten 
als andere Wölfe. Aus der Tatsache, daß eine so intensive 
Grausamkeit und Wildheit, aulier in Angstträumen, nur sehr 
selten zum Bewußtsein kommt, wenigstens nicht in demselben 
Grade, kann man mit Recht mutmaßen, daß eben die 
Erfahrungen der Angstträume eine wichtige Rollo bei 
der Entwicklung unseres Aberglaubens spielten. Sadistische 
Tendenzen erweisen sich bei der Analyse in der Regel als eng 
verknüpft mit Inzestgedanken und stehen in Verbindung mit 
der Vorstellung des Kindes vom Koitus der Eltern, von der 
Feindseligkeit gegen den Vater u. s. w. Es ist vielleicht kein 
bloßer Zufall, daß der Haß gegen den Vater ein besonders 
auffälliges Charakteristikon bei den wirklichen Fällen von 
Lykantliropie ^) war, d. h. dort, wo die Leute sich einbildeten. 
Nachts in Gestalt von Wölfen umherzuwandeim. 

Der Glaube an das Nachtwandern, d. h. daran, daß eine 
bestimmte Person gleichzeitig an zwei Orten sein kann, stammt 
wie das wirkliche Schlafwandeln eicherlich aus Traum- 
erfahrungen, denn seine Entwicklung kann man noch heute bei 
wilden Völkern beobachten. Man glaubte, daß der wirkliche 

•) Stern. Op. cit., S. 360. Siehe auch Schmidt. Volksleben der Neu- 
griechen, Band 1, S. 166. 

*) E. g. bei Clodd. Op. cit., P. 84. 
*) De Lancre. Op. eit., F. 317. 



DER TEUFELSGLAUBE. 



69 



Leib des Werwolfs schlafend im Bett läge, während sein 
Geist in Wolfsgestalt ^) die Wälder durchstreife ; ferner fanden 
sich, wenn der Wolf verletzt wurde, die entsprechenden 
Wunden an dem menschlichen Körper, der daheim ^) geblieben 
war. Die Ähnlichkeit mit den Traumvorstelltingen der Wilden, 
auf die im ersten Kapitel hingewiesen wurde, ist wohl deut- 
lich ; für diese Reiseträume gibt es verschiedene Quellen, denn 
sie können eine beträchtliche Anzahl verdrängter Wünsche 
symbolisieren, so den Wunsch nach Freiheit von Zwang, den 
der Wolf sehr gut darstellt ^), und besonders nach Unabhän- 
gigkeit vom Vater, nach erhöhter Potenz, die durch schnelle 
Bewegung symbolisiert wird, u. s. w. Die letzte Quelle des 
Interesses an der Bewegung muß man in der sexuellen Fär- 
bung angenehmer Empfindungen dieser Art suchen, die das 
Kind *) hatte. r . 

- ■ Werwolf- und Inkubusglauben können als die beiden 
entgegengesetzten Seiten desselben Motivs angesehen werden ; 
bei letzterem ist die Aufmerksamkeit auf die Person konzen- 
triert, die im Schlaf durch ein Ungeheuer überfallen wird, 
bei ersterera auf das Ungeheuer, das den Schläfer angreift. 
Die masochistische Komponente des Motivs ist bei dem einen, 
die sadistische bei dem anderen vorherrschend. Der Werwolf- 
glaube besteht also im wesentlichen in der Ausbildung und 
Modifizierung der einfacheren Inkubusvorstellung. 



VI. Der Teufelsglaube. 

Bei der Zusammensetzung der Idee des Teufels hat eine 
fast unzählbare Menge verschiedener Faktoren mitgewirkt. 
Das analytische Studium ähnlicher Bildungen der menschlichen 
Phantasie, beispielsweise der psychoneurotischen Symptome, 

1) Ein gutes Beispiel dafür ist ausführlich beschrieben bei Lerchheimer. 
Ein christliches Bedenken und Erinnerung von Zauberei, Dritte Auflage, 

1697, Kap. Xn. 

") Wolf. Niederländische Sagen, Nr. 242, 243, 501. 

8) Conway. Op. cit., P. 141. 

♦) Freud. Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie, 2. Aufl., 1910, S. B3, 54. 



70 DER ALPTRAUM. 



zeigt, daß die meisten dieser Faktoren nur Nebenbeiträgo dar- 
stellen, da jede Phantasie um einen nucleus herum gruppiert 
ist. Es kann unsere Aufgabe nicht sein, die Enträtselung 
dieser beitragenden Faktoren zu versuchen, und wir wollen 
von den zahlreichen Problemen, die der Gegenstand enthält, 
die folgenden drei für unsere Erörterung auswählen ; 1. Was 
ist die eigentliche und wesentliche Bedeutung dos Teufels- 
glaubens? 2. Wieso wurde er in einer bestimmten Epoche 
so bedeutungsvoll und scharf umrissen? 3. In welcher Vor- 
bindung steht er mit der Erfahrung des Angsttraumes? 

Daß der Teufel nicht vom Himmel erzeugt wurde, wie 
die Theologen noch heute lehren, sondern vom Menschengoist, 
kann als erwiesen gelten; so sagt Graf i) : -Er wurde nicht 
vom Himmel herabgestürzt, sondern erhob sich aus den Ab- 
gründen der menschlichen Seele«. Und daß diese »Abgründe«, 
wenn man ihre Entstehung untersucht, eine durchaus be- 
stimmte Bedeutung erhalten, daranläßt sich wohl kaum zweifeln. 
Freud ^) schreibt: »Der Teufel ist doch gewiß nichts anderes 
als die Personifikation des verdrängten unbewußten Trieb- 
lebens« und Silberer ä) sagt: »Der Teufel und die finsteren 
dämonischen Gestalten der Mythen sind, psychologisch ge- 
nommen, funktionale Symbole, Personifikationen des unter- 
drückten, nicht sublimierten elementaren Trieblebens.« Unser 
Problem ist es also, herauszufinden, welche Komponenten 
dieses Trieblebens die Quelle des Teufelsglaubens bilden. 

Unzweifelhaft gehört die Frage des Teufelsglaubens in 
die Reihe jener Probleme, die mit dem Angstgefühl zusammen- 
hängen; seine ganze Geschichte ist eine Geschichte der un- 
unterbrochenen Angst und mit diesem Gefühle war er so unlös- 
bar verbunden, daß die Gegenwart eines verkleideten Dämons 
durch die Angst und den heftigen Schrecken, den sie zurück- 
ließ, entdeckt werden konnte; denn ihre Wirkung auf die 

1) Graf. Geschichte des TeuMsglaubens, 2. Aufl. Übersetzt von TeuBcher, 
1893, Seite 2. 

^) Freud, Sammlung kleiner Schriften zur Neurosenlehre, Zweite Folge, 

1909, S. 136. 

^) Silberer. »Phantasie und Mythos«. Psychoanalytisches Jahrbucli, 1910, 

Band 2, S. 592. 



DER TEUFELSGLAUBE. 



71 



Anwesenden war so stark, daß diese am ganzen Körper ge- 
lähmt, stumm oder eisig kalt wurden. ^) Zum Ausgangspunkt 
für unsere Untersuchungen wollen wir eine Bemerkung 
Pfisters ^) nehmen, in der er den Teufelsglauben auf »infantile 
Angsterlebnisse« zurückführt. Da die Entstehungsursache der 
infantilen Angst jetzt bekannt ist ^), liegt es nahe, die Be- 
schreibungen des Teufelsglaubens im Lichte dieser Kenntnis zu 
betrachten. Dieses Verfahren hat mich zur Formulierung der 
folgenden Schlüsse gelangen lassen, deren Beweis sogleich 
mitgeteilt werden soll: Der Teufelsglaube ist haupt- 
sächlich eine Projektion zweier Kategorien von 
verdrängten "Wünschen, die beide im letzten 
Grunde auf die infantile Ödipus- Situation zu- 
rückgehen; a) der Wunsch, gewisse Eigen- 
schaften des Vaters nachzuahmen; &) der Wunsch, 
dem Vater Trotz zu bieten; mit anderen Worten, 
abwechselnd Wettstreit mit dem Vater und Feind- 
seligkeitgegen ihn. Aus beiden Quellen fließt verdrängtes 
Material ; auch die erste unterscheidet sich von jener Frömmig- 
keit, die sich später durch den Glauben an Gott äußert, da- 
durch, daß sie enger mit der Bewunderung für die dunklere 
»böse« Seite in dem Charakter des Vaters zusammenhängt. 
Im ersten Falle personifiziert der Teufel den Vater, im zweiten 
den Sohn; er stellt also die unbewußte Stellungnahme zum 
Sohn — Vater-Komplex dar, wobei bald die eine, bald die 
andere Seite besonders hervortritt. Dem ist hinzuzufügen, 
daß die entsprechende weibliche Ödipus-Situation ebenfalls 
Material beigestellt hat, das jedoch minder wichtig ist ; darum 
soll der Vereinfachung halber das Problem hauptsächlich mit 
den Ausdrücken für den männlichen Komplex erörtert werden, 
von dem der andere in vieler Hinsicht nur ein Duplikat ist. 
Wenn wir nun zunächst das zweite der oben erwähnten 
Probleme aufnehmen, müssen wir segleich auf die rein 

1) Graf. Op. cit., S. 67—68. 

") Pfister. Die Frömmigkeit des Grafen Ludwig von Zinzendori, 1910, S. 94. 
') Freud. Analyse der Phobie eines fünfjälirigen Knaben, Psyehoana- 
lytisches Jahrbuch, 1909, Band 1, S. 1. 



72 DER ALPTRAUM. 



historische Betrachtungsweise verzichten; für diese sei der 
Leser auf Bücher wie die von Conway, Grimm, Roskoff, Gener 
verwiesen, unter denen insbesondere das letzterwähnte durch 
seine Reichhaltigkeit und gründliche philosophische Fundiormig 
hervorragt. Ein kurzer Auszug aus einigen der wichtigsten 
historischen Angaben ist jedoch für unsere Orientierung uner- 
läßlich. Der erste Punkt, auf den hier Gewicht gelogt werden 
muß, ist die Tatsache, daß die Teufelsideo in der genauen 
Bedeutung des Wortes ausschließlich dem Christentum angehört, 
da die früheren Angaben nur das bloße Material bilden, aus 
welchem die eigentliche Vorstellung geformt wurde ; für unser 
Problem müssen wir also kurz die Art dieses früheren 
Materials erörtern. 

Die Vorstellung von bösen, übernatürlichen Kräften ist, 
obwohl nicht überall verbreitet, doch unter den wilden 
Völkern ') sehr häufig und war es auch unter den Kultur- 
völkern des Altertums; überprüft man aber die einzelnen 
Zeugnisse genauer, so fällt es auf, daß die botreffenden Kräfte 
nur äußerst selten als rein böse vorgestellt wurden. Fast die 
einzige Ausnahme ist der persische Ahriman, wie er in der 
Zend-Avesta (Vedida-Abschnitt) geschildert wird. Man kann 
deshalb behaupten, daß vor dem Christentum keine scharf- 
umrissene Vorstellung von einem übernatürlichen Wesen, 
dessen Beruf das Böse war, existierte. Der brahmanische 
Vritra, der buddhistische Siva, der ägyptische Set (oder 
Typhon), der griechische Pan, der germanische Loki waren 
alle zweifellos Götter, die nicht nur versöhnt, sondern auch 
verehrt werden mußten, und sie alle waren grundsätzlich ver- 
schieden von dem Teufel des Mittelalters. Griechenland war, . 
wie nach seinen anderen herrlichen Eigenschaften zu erwarten 
stand, ausgezeichnet durch die geringe Rolle, welche die 
Angstgefühle in seiner Theologie spielten. Auf den ersten 
Blick scheint das Judentum dem Hellenismus in bezug auf 
die geringe Entwicklung der bösen Wesen in seiner Theologie 
zu gleichen, aber die Gründe waren in beiden Fällen ganz 
verschieden. Es ist dabei die bezeichnende Tatsache fostzu- 

1) Siehe Roskoff. Geschichte des Teufels, 1869, Band 1, S. 17—23. 



DER TEUFELSGLAUBE. 73 



halten, daß gleichzeitig mit der Entwicklung der Satanvor- 
stollung, welche dem babylonischen Exile folgte und entweder 
durch den persischen Arhiman oder, was Robertson ^) für 
wahrscheinlicher hält, durch den babylonischen Ziegengott 
beeinflußt war, der Charakter der Yahweh-Idee wechselte 
und sich der modernen Vorstellung einer wohltätigen Gottheit 
weit mehr näherte. In der früheren Geschichte der Juden 
waren in Yahweh die Eigenschaften sowohl von Gott wie 
vom Teufel miteinander verbunden und alles, Böses 
wie Gutes stammte ohne Zwischenglied von ihm, M. Graf^) 
sagt darüber: »Man braucht nur einigermaßen auf das Wesen 
Jehovas zu achten, um sogleich gewahr zu werden, daß neben 
einem solchen Gotte für einen Teufel wenig Platz übrig ist.« 
Conway ^) bemerkt im selben Sinne : »Die Juden hatten ur- 
sprünglich keinen Teufel, ebensowenig wie irgend ein anderes 
Volk und dies aus dem offensichtlichen Grunde, weil ihr 
sogenannter Gott zu jedem moralischen Übel für fähig galt, 
für das ein Urheber gefunden werden sollte« und Goner'') 
sagt von dem jüdischen Gotte : »II est dieu et diable ä la 
fois; mais plus frequemment il est diable.« 

Das Beispiel dos Judentums ist besonders lehrreich, 
weil es zur Lösung der Streitfrage beiträgt, ob die Vorstellung 
des Teufels eine selbständige Entstehungsgeschichte besitzt, 
wie es die Theologie behauptet, oder das Resultat jenes mytho- 
logischen Prozesses ist, den wir als Auseinanderlegung 
kennen, wobei verschiedene Eigenschaften einer ursprünglich 
einheitlichen Persönlichkeit mit einer selbständigen Existenz 
begabt werden, so daß mehrere verschiedene Persönlichkeiten 
in Erscheinung treten. Die Tatsache allein, daß die Scheidung 
der Vorstellung von Gott und Teufel ein späteres Stadium 
der Kulturentwicklung bezeichnet und der ursprünglichen 
Auffassung, daß übernatürliche Wesen zu gleicher Zeit gut 
und böse sind, nachfolgt, spricht nachdrücklich zu Gunsten 



1) Robertson. Pagan Christ, 1903, P. 84. 

*) Graf. Op. eit., S. 18.. 

^) Conway. Demonology and Devil-lore, 1879, Vol. II, P. 56. 

*) Genur. La Mort et le Diable. 



i 



fJt 



, *■ 



74 DER ALPTRAUM. 



der letzteren Hypothese und dies wird durch das Beispiel des 
• , Judentums erheblich vorstärkt. Nach einer dotailliei-ten Dar- 

stellung dieses Sachverhaltes erörtert Gener ') die Frage, ob 
Satan 1. einen der degradierten Götter der benachbarten 
Stämme nach der Besiegung durch Yahweh, 2. den Hazazol 
des Levitikus oder 3. einfach eine abgetrennte Emanation 
Yawehs selbst, nach seinen eigenen Worten ein »dedoublonient« 
darstellt. Er entscheidet sich zu Gunsten der letzten An- 
schauung, welche offenbar die richtige ist, was nicht nur 
durch die ganze Entwicklungsgeschichte Yahwehs, sondern 
auch durch Satans eigenes Benohmen bewiesen wird; im 
Buche Hiob erscheint er als der treue Diener Yahwehs, als 
eine Art intelligenter Detektiv, der die Leute erprobt und 
ihre Schwächen ausfindig macht. Conway ^) ist derselben 
Meinung, sogar bezüglich des erheblich anders gearteten 
Teufels des Neuen Testaments : »Dio Schilderungen dos Teufels 
in der Bibel sind in der Hauptsache von den alten Schilde- 
rungen der Elohim und Jehovas in seinem elohistischen 
Charakter geborgt.« 

Dieser Schluß wird durch die Betrachtung der Etymologie 
des Wortes Teufel (altdeutsch Tuivel, englisch devil, fran- 
zösisch diable) unterstützt. Wie das verwandte griechische 
»diabolos«, geht es im letzten Grunde auf die Ur- Wurzel D YV 
zurück, die wir im Sanskrit in zwei Formen antreffen, div 
und dyu, deren anfängliche Bedeutung »zünden« war. Von 
der ersten kommt außer Teufel der germanische Tius, Tiwas 
oder Zio, der griechische theos, lateinisch deus oder divus, 
französisch dieu, cymrisch diw, lithauisch diewas, Zigeuner- 
sprache dewel, die alle »Gott« bedeuten; dasselbe Wort dewa 
bedeutet dem Brahmanen Gott und dem Perser und Färsen 
■ Teufel. Von der zweiten Form kommt das indische Djaos 

(der brahmanische Himmelsgott), das griechische Zeus (Z = Dj), 
lateinisch Jupiter, (altlateinisch Diovis). Dieselbe merk- 
würdige Polarität ist bei den unpersönlichen Worten zu kon- 
statieren, die aus dieser Wurzel stammen: einerseits das 



*) Genör. Op. cit., S. 389—391. 
') Conway. Loc. oit. 



a 



■^ 



■BgjMBiBB^gHB^I^ga^eB— »i^liK^^^^^wi»— ^^™il _i_U--UB'-^'l I I I IIIIHWT I .JJMJmi.iJL»^»WPP>»^p! 



DER TEUFELSGLAUBE. 16 



lateinische »dies«, das keltische dis = Taggestirn, Sanskrit 
dyaos = Tag und anderseits das arische dhvan (wovon das 
griechische thanatos) = Tod, germanisch devan = sterben, 
arisch dvi = fürchten, griechisch deos = Schrecken. Ja sogar 
die eigentlichen Polaritätsausdi'ücke haben einen ähnlichen 
Ursprung. Das Sanskrit dva, lateinisch duo, englisch two, 
eymriseh den bedeuten alle »zwei« (vgl. englisch double — 
zweifach mit althochdeutsch doudel = Teufel). Auch das 
Wort »Zeugen« soll aus derselben Quelle stammen, während 
das griechische dys ebenso sehr entzwei wie böse bedeutet. ^) 
Die Zunahme des Christentums brachte der Teufelsidee 
neue Nahrung, da sie die einzig mögliche Erklärung für das 
noch immer in der Welt verbreitete Böse war. Dies war 
auch als Folge des vom Christentum geforderten Verzichtes 
auf die sündige Weltlust unvermeidlich. Ein solcher Verzicht 
wurde von manchen Sekten viel weiter getrieben als von 
der Mutterkirche und diese entwickelten die Teufelsidee auch in 
einem entsprechend höheren Grade. Viele der alten Gnostiker 
hatten an ein Wesen geglaubt, in dem die guten und bösen 
Eigenschaften gemischt waren, nämlich an den Demiurgos, 
den Weltschöpfer und Feind Christi, und unter dem Einflüsse 
der degenerierten Form von Zoro asters Lehre, wie sie von 
dem Perser Mani im 3. Jahrhundert gelehrt wurde, hatten 
die Manichäer diese Idee zu einem vollständigen System aus- 
Vv^ besonderem psychologischen Interesse ißt die folgende Tatsache: 
Der gebräuchliche englische Euphemismus für Teufel lautet deuce 
(«Itenglisch dewes), was auf den ersten Blick direkt von der obengenannten 
Quelle zu kommen scheint. (Cf. Zeus und bei St. Augustinus Dusms = mkubus.) 
Nach der Ansicht Skeats entstand es jedoch auf folgende Weise: Sein ursprung- 
licher Sinn, in welchem es noch heute allgemein gebraucht^ wird war die 
Bezeichnung der zwei bei den Würfel- und Kartenspielen, für welche es m 
den Zeiten der Plantagcnet vom französischen .deux. m Gebrauch kam. 
Die Verlust-Zwei bei diesen Spielen bedeutete natürlich Unglück und wurde 
deshalb mit dem Teufel in Verbindung gebracht, anfänglich als Ausruf .Oh 
the deuce.; der Glaube, daß diese Spiele vom Teufel erfunden seien und 
ihm gehören, hat diese Verbindung wahrscheinlich fester geknüpft^ Als 
Erfolg dieser auf Umwegen erfolgten Vereinigung hat das Wort zwei Bedeu 
tungen, die fast ganz identisch sind mit jenen dos griechischen dys, welches 
ihm in der Aussprache ähnelt und etymologisch verwandt ist. 



-^B-- 



76 DEK ALPTRAUM. 



gebaut. Darin galt die ganze Natur, alle Tiere, alle welt- 
lichen Gelüste als des Teufels Reich. Um das 11. Jahrhun- 
dert ging diese Sekte und andere in dem Konglomerat auf, 
das unter dem Namen »Katharer« bekannt ist, nach dem 
Kater, in dessen Gestalt sie Luzifer anzubeten pflegten ; auch 
die Albigenser legten großes Gewicht auf die Sündigkeit der 
Natur. Diese Umstände hatten auf die katholische Kirche 
doppelten Einfluß. Einmal drangen diese Lehren in ihren 
Körper ein und verstärkten den ursprünglichen Glauben 
an die notwendige Sündhaftigkeit weltlicher Wünsche unge- 
mein, so daß die Auffassung des Begriffes Sünde ein nie vor- 
her oder nachher gekanntes Maß erreichte. Auf der anderen 
Seite benutzte sie planmäßig die Teufelsidee als kräftige 
Waffe im Kampf gegen alle Ketzereien, welche sie als vom ^j*-- 

Teufel stammend erklärte. 

Diese Waffe brauchte die Kirche schon in ihrem Kampfe 
gegen die nichtchristlichen Religionen. St. Paul selbst (1 Kor. 
X. 20) hatte erklärt, die heidnischen Götter seien nichts als 
Dämonen, und die Kirche wandte diese Lehre mit gewissen- 
haften Details auf einen Gott nach dem anderen aus den 
klassischen und heidnischen Theologien an. Bald stellte es 
sich jedoch heraus, daß es unmöglich sei, auf diesem ein- 
fachen Wege zu beharren, und man entschloß sich — offiziell 
der erste war Papst Gregor I. im Jahre 601 — auf der Basis 
der berühmten »Verschmelzungstheorie« zu einer gründ- 
lichen Verschmelzung und Durchdringung des Christentums 
mit anderen Religionen. Die Feste, Kulte und persönlichen 
Attribute der fremden Gottheiten wurden unter die christ- 
lichen verteilt, wobei einige an Christus, Gott, Maria und 
die zahlreichen Heiligen fielen, andere an den Teufel und 
sein Gefolge. ^) 

Infolgedessen stammen die physischen und geistigen 
Eigenschaften des mittelalterlichen Teufels aus den allerver- 
schiedensten außerchristlichen Quellen. Es seien nur einige 



^) Es ist selbstverständlich unnötig, hier Einzelheiten dieses inter- 
essanten Vorganges wiederzugeben. In bezug auf die germanischen Reli- 
gionen wurde er von Grimm auf das gründlichste erforscht, , ; -> ■ 



DER TEUFELSGLAUBE. 



if 



Beispiele genannt ^): Wie Pan, die Personifikation der 
Natur, vereinigte er menschliclie und tierisclie Eigenschaften, 
lebte an einsamen Orten oder in Höhlen und erschreckte die 
Menschen plötzlich (Panik, panischer Schrecken) ; seinen 
ziegenähnlichen Körper, die gespaltenen Hufe und den 
Schweif erbte er von Pan und den anderen Satyren, 
von den germanischen Waldgeistern und dem Thor geweihten 
Bocke. Von Thor kam auch sein roter Bart, seine Gewohn- 
heit, Brücken zu bauen, und sein übler Geruch; die letzt- 
genannte Eigenschaft hängt sowohl mit der Vorstellung als 
Ziege wie mit dem Schwefelgeruch, den ein Donnerwetter 
hinterläßt, zusammen, so wie auch einer von seinen Beinamen 
»Hammer« ^) von Thors Blitzhammer her genommen war. 
Wie Zeus und Wotan hatte er besondere Herrschaft über das 
Wetter und dem letzteren schuldet er seinen Pferdefuß und 
den Raben als geweihtes Tier. Wie Wotan eilte er in einer 
Nachtfahrt dahin und entführte die Leute als wilder Jäger; 
bei solchen Anlässen trug er meist Wotans Gewand, entweder 
einen grauen Mantel und einen breitkrempigen Hut tief in , 
die Stirne gedrückt oder einen grünen Rock mit einer Feder 
auf dem Hut. Beide, der Teufel und Wotan, galten als Er- 
finder des Würfelspiels, das später durch die Karten ersetzt 
wurde, und bis heute sind im puritanischen England die Karten 
unter dem Namen: »Das Spiel des Teufels« bekannt. Wie 
Wotan war er auch ein kunstvoller Schmied und Baumeister 
und sein altdeutscher Name war der des Schmiedes Voland 
oder Wieland (Englisch Weyland, unser modernes St. Va- 
lentin), der von Wotan abstammte. Der Teufel wird oft 
hinkend abgebildet, eine Eigenschaft, die mit der letztgenannten 
in einem merkwürdigen Zusammenhang steht. Nicht nur der 
deutsche Schmied Wieland (= Wotan) hinkte, sondern ebenso 
der griechische Hephaistos (Vulkan), der von Zeus aus dem 

») Siehe Grinim, deutsehe Mythologie, 4. Ausgabe, 1876, Kap. XXXIII. 
Wuttke. Der deutsche Volksaberglaube der Gegenwart, 1900, S. 35 - 37. 
Roskoff. Op. cit,, Zweiter Abschnitt, Kap. 1 und 2 u. 8. w. 

*) Auf die phallische Bedeutung dieses Hammers wurde von Cox, I. 
Mythology of the Aryan Nations, 1870, Vol. II, P. 115, und Meyer, Germanische 
Mythologie, 1891, S. 212, hingewiesen. 



78 DER ALPTRAUM. 



Himmel geworfen wurde, wie der persische Teufel Aoshma (der 
biblische Asmodeus) ; einer der beiden Böcke, die Thors Wagen 
zogen, hinkte ebenfalls, ebenso wie das Pferd, das Baidur trug. 
Wie Loki, der böse Feuergott, wurde der Teufel von den Göttern 
gefesselt und mußte den Tag der Befreiung erwarten. Seine 
schwarze Farbe stammt von Saturn, der wie Simrock ') sagt, 
mit Loki identifiziert wurde und vom indischen Vritra, dem 
Gott der Finsternis. Die Fackel unter seinem Schwanz ist den 
römischen Bacchanalien entnommen. ^) In früheren Zeiten er- 
schien der Teufel den Christen tatsächlich in der Gestalt klassi- 
scher Götter : so erschien er im 4. Jahrhundert St. Martin manch- 
mal in Jupiters Gestalt, manchmal als Venus oder Minerva; 
diese Formen finden sich sogar noch im 12. Jahrhundert. 

Wenn wir uns nun fragen, warum der Teufelsglaube im 
Mittelalter so um sich griff, so ist die Antwort offenbar in 
den besonderen sozialen und religiösen Bedingungen jener 
Periode zu suchen; doch sind alle hier maßgebenden Fak- 
toren so untereinander verwickelt, daß nur die ganz all- 
eemein wirkenden hier erwähnt werden können. Als Bei- 
spiele dieser Verwicklung sei der in letzter Zeit geführte 
Nachweis erwähnt, daß so weit entfernt liegende Tatsachen 
wie das neueingeführte Banksystem 3) und die Verbesserung 
der Städte-Architektur*) indirekt einen erheblichen Einfluß 
ausübten. Doch kann kein Zweifel bestehen, daß der Haupt- 
antrieb von der Kirche selbst kam. Durch das Ausbleiben 
der von ihr pi*ophezeiten Ereignisse (Weltende im Jahre 1000 
und mehreres dieser Art) und durch Skandale"') im Innern 
in ihrer Existenz diskreditiert, durch mächtige Ketzersekten '^) 
bedroht, von politischen und religiösen Spaltungen zerrissen, 
war sie im 12. Jahrhundert in einer Lage, die sie zu den 

') Simrock. Handbuch der deutschen Mythologie, S. 346. 

2) Hedelin. Des satyres, brutes, monströs et d^mons. (1627) 1888, Edition, 
p. 129. 
;; 3) Gener. Op. cit., P. 582. 

*) Hansen. Zauberwahn, Inquisition und Hexonprozeß im Mittelalter. 
1900. S. 329. 

5) Roskoff. Op. cit., Zweiter Abschnitt, Kap. VI. 'oU -- 

«j Gener. Op. cit.. P. 566. — Hansen. Op. cit., P. 214. ." _, "•'■ 



F^- 



DER TEUFELSGLAUBE. 



m 



verzweifeltsten Mitteln zwang. Es war ein bequemer Ausweg, 
alle ihre Schwierigkeiten durch die Tätigkeit des Teufels zu 
erklären und so dem Volke Furcht einzujagen. Dieses befand 
sich damals im Zustand des entsetzlichsten Elends; die 
Verheerung durch Krieg ^) und Seuchen ^) und das drückende 
Gefühl der Sündhaftigkeit, von dem jeder einzelne erfüllt war, 
ließen alle zur leichten Beute für die Lehren der Kirche 
werden. Ja diese wirkten über ihren Zweck hinaus, denn 
das Volk, welches durch die offensichtliche Unfähigkeit Gottes 
und der Kirche, dem Elend Abhilfe zu schaffen, in Verzweiflung 
gestürzt worden war, nahm die Lehre von den wunderbaren 
Kräften des Teufels gierig auf und flüchtete sich zu ihm; 
wahrscheinlich war es die Bestimmtheit der Abmachungen 
in den bekannten Teufelspakten, die eine größere Anziehungs- 
kraft ausübte als die endlosen und unwirksamen Gebete zu 
Gott. Die Ausdehnung des Glaubens an den Einfluß des 
Teufels, selbst bei den trivialsten Ereignissen war so groß, 
daß man Berichte aus jener Zeit nicht lesen kann, ohne zu 
denken, daß Europa von einer Massenzwangsneurose heim- 
gesucht wurde ; die Arten seiner Einwirkung waren so zahl- 
reich, daß sie nach Wier ^) unter 44,435.556 Unterteufel auf- 
geteilt werden mußten, und ein einziges Weib, Johanna Seiler, 
wurde gar von nicht weniger als 100 Millionen Teufel durch 
Exorzismus befreit*). 

Der bedeutendste Faktor war jedenfalls die nachdrück- 
liche Verdrängung weltlicher Wünsche und Begierden, die 
von der Kirche gefordert wurde und die den Ausbruch nach 
anderen Richtungen zur Folge haben mußte. Ein gutes Bei- 
spiel hiefür liefert das Verhalten der Kirche gegen die Wiß- 
begierde, welche sie, wie wohlbekannt vom Gipfel bis zur 



') Unter diesen sclieinen der Einbruch der Mongolen, der Kreuz- 
und der 100jährige Krieg zwisclicn England und Frankreich den meisten 
Einfluß ausgeübt zu haben. 

") Roskoff. Op. cit., Bd. 2, S. 113—117 gibt eine ergreifende Schil- 
derung davon. 

") Louandre. Sorcellerie, P. 37. Collin de Planey. Dictionnaire in- 
fernal, 1818, T. I, P. 1G6. 

*) Jühling. Die Inquisition, 1903, S. 11. , 



jas= 



1 



80 DEK ALPTRAUM. 



Wui-zel verwarf und beinahe als Quelle alles Bösen auffaßte. 
Der unterdrückte Wissenstrieb nahm infolgedessen niemals 
so bizarre Formen an wie im Mittelalter, mit seiner leiden- 
schaftlichen Suche nach dem Stein der Weisen, dem elixir 
vitae und dem absoluten Lösungsmittel, mit seiner Hingabe 
an Astrologie und Alchemie und seinem Interesse an magischen 
Prozeduren aller Art; wir finden hier den für die Zwangs- 
neurose charakteristischen Glauben an die »Allmacht der 
Gedanken« i) seinen höchsten Punkt erreichen. Diese Wiß- 
begierde wurde mit der Vorstellung vom Teufel aufs innigste 
verknüpft, was ja auch von der Kirche förmlich gelehrt 
wurde, und der Anfang der Hexenepidemie war die Ver- 
folgung von Zauberern. Ungewöhnliches Wissen wurde ohne 
weiteres als Folge eines Teufelspaktes betrachtet und war 
z. B. der Grund, der den Papst Sylvester H. im 10. Jahr- 
hundert dessen verdächtig machte. 

Diese Unterdrückungstendenz der Kirche traf natürlich 
vor allem die sexuellen Impulse. Die Sexualverdrängung 
hat zu verschiedenen Zeiten verschiedene Formen an- 
genommen, das ist eine kulturhistorisch höchst bedeutsame 
Tatsache. In dem vergangenen Jahrhundert z. B. scheint 
sie vor allem gegen exhibitionistische Tendenzen gerichtet 
gewesen zu sein, mit einer deutlichen Ausdehnung auf die 
exkrementellen Funktionen; die Sexualität wird daher 
heute eher »schamlos« oder »abstoßend« als »sündhaft« 
gefunden. Im frühen Mittelalter war die Verdrängung gegen 
die Sexualbetätigung im allgemeinen, die an und für sich als 
sündhaft galt, und im besonderen mit ganzer Kraft gegen 
den Inzest gerichtet ^} ; dies ist um so verständlicher, weil 
christliche Theologie im weiten Maße die Glorifizierung einer 
Inzestmythe 3) ist. Hand in Hand damit scheint aber infolge 
der Schwierigkeiten der Ehe, welche die besonderen sozialen 

1) Freud, Psychoanalytisches Jalirbuch 1909, Band I, S. 411. 

ä) Westermarck (The History of Human Marriagc, 1891, P. 155) spricht 
die interessante Ansicht aus, daß alle Soxualverdrängung aus der Reaktion 
gegen den Inzest entetanden ist. 

3j Siehe Otto Rank. Der Mythus von derGeburt des Helden, 1909, S.4ß— 51. 



.' 



L 



DER TEUPELSGLAUBE. 



81 



und ökonomischen Verhältnisse mit sich brachten ^), infolge 
der geringen Bevölkerungsdichte und der Häufigkeit des 
Zölibats aus religiösen Motiven, der Inzest in -dieser Epoche 
ungewöhnlich häufig vorgekommen zu sein.^) Wenn daher, 
wie hier behauptet wird, die Teufelsidee vor allem ein Inzest- 
symbol darstellt, so war sie für die Bedürfnisse des Zeitalters 
sehr geeignet und die Tatsache, daß die Teufelsanbetung eine 
Karikatur des christlichen Gottesdienstes war, erhält ver- 
mehrte Bedeutung. Es ist besonders bemerkenswert, daß das 
Hauptverbrechen, das beim Hexensabbat verübt wurde, der 
Inzest war. Michelet =^) schreibt darüber: »Selon ces auteurs 
(De Lancre etc.) . . . . le but principal du sabbat, la leQon, 
la doctrine expresse de Satan, c'est l'inceste.« 

Nach dieser äußerst unvollständigen Erörterung des 
zweiten Problems können wir zu dem ersten zurückkehren. 
Der Beweis zu Gunsten der oben gegebenen Lösung kann am 
besten unter verschiedenen Gesichtspunkten geführt werden. 
Da der Teufel die »bösen« Seiten sowohl des Vaters wie die 
des Sohnes personifizieren kann und da die Beziehung zwischen 
Vater und Sohn in der Ödipus-Situation sowohl die Nach- 
ahmung als auch die Feindseligkeit zum Inhalt haben kann, 
finden wir ihn im Sinne vier verschiedener Auffassungen 
vorgestellt, die allerdings nie streng voneinander gesondert 
sind. Der Teufel kann also darstellen: 

1. den Vater, gegen den Bewunderung empfunden wird, 

2. den Vater, gegen den Feindseligkeit empfunden wird, 

3. den Sohn, der den Vater nachahmt und 

4. den Sohn, der dem Vater Trotz bietet. 

In dieser Reihenfolge sollen die Auffassungen erläutert 
werden; es wird sich zeigen, daß jede derselben mehr als 
eine der ursprünglichen Tendenzen darstellen kann. 

1. Der Vater, gegen den Bewunderung emp- 
funden wird. 



>) Genor. Op. cit., P. 617. 

''*) Miehelet. La Sorciere, 3. Edition, 

^) Miclielet. Op. cit., P. 155. 

Jones, Alptraum. 



1863, Pp. 1G6-159. 



82 DER ALPTRAUM. 



^: 



Diese Auffassung ist weitaus die häufigste. Ein wich- 
tiger Grund hiefür ist ihre bisexuelle Entstehung; sie dient 
nämlich nicht nur zur Darstellung der Bewunderung des 
Sohnes für den Vater, sondern auch für die verdrängte 
(libidinöse) Liebe der Tochter. 

In erster Linie sind die wunderbaren Kräfte des Teufels 
zu beachten, die jene gewöhnlicher Wesen weit übersteigen. 
Nach dem Glauben der Manichäer, der das Christentum stkrlc 
beeinflußte, war er direkt der Schöpfer der Körperwelt und 
vereinigte in sich alle übernatürlichen Kräfte. Er lenkte 
Donner und Blitz, Wind und Regen, obgleich diese vorher 
mehreren Göttern als Attribut zugeteilt worden waren. Auf 
die infantilsexuelle Symbolik in diesem Glauben kann hier 
nicht eingegangen werden; Abraham i) hat einen Teil davon 
(den Blitz) behandelt und die mythologische Bedeutung des 
Regens (= semen) ist wohlbekannt. Ich will nur die Flatus- 
Symbolik des Donners erwähnen 2); wir haben oben gesehen, 
daß der Gestank des Teufels hauptsächlich von seiner Fähig- 
keit zu »Donnern« abgeleitet wurde. Es ist beachtenswert 
daß die Macht dos Teufels sich hauptsächlich auf geheime 
und Zauber dinge bezog. Er war der Meister aller ver- 
botenen Künste, der sogenannten »schwarzen Kunst«, darum 
war er die wichtigste Stütze für Zauberer und andere Leute, 
die entweder nach verbotenem Wissen oder nach Kräften 
verlangten, die über ihre natürlichen Anlagen hinausgingen. 

Diese Kräfte wurden Mensehen in verzweifelter La^e 
zur Verfügung gestellt, meist auf gewisse Bedingungen hin, 
— daß sie fortan dem Teufel angehören wollen und seine 
Gebote befolgen; das erinnert an die Eltern, die irgend eine 
Sach e für ihre Kinder tun wollen unter der Bedingung, daß 

^j Abraham. Traum und Mythus, 19G9, S. 29, 30 u. b. w. 

^) LeTonerre ce n'est qu' un pet; e'est Aristophane qui "le dit (Biblio- 
tlieca Scataloglca, Art. .Oratio pro Guano Humano*) Harrington (The Meta- 
morphosisof Ajax. 1696, P. 94) erinnert an das Abenteuer des guten Sokrates 
der, als ihn Xantippe mit einem Nachttopf gekrönt hatte, ihn auf seinem Kopt 
und Scliultern forttrug und zu denen, die über ilm lacliten, sprach: 
»Niemals ward diee als Wunder geacht», 
Daß Regen folgt, hat der Donner gekracht.« 



;^- 



I 



.. 



DER TEÜFELSGLAÜBE. 



83 



sie gut, d. h. folgsam sein wollen. In vielen Legenden tritt 
der Teufel als freundlicher Helfer der Menschen auf, der sie 
in schweren Lagen unterstützt und vor Ungemach schützt, 
insbesondere die Witwen und Waisen (!); eine Anzahl dieser 
Geschichten erzählen Conway ^) und Wünsche.^) Wir sehen 
den Teufel die Rolle des gütigen Vaters übernehmen. 

Sehr auffällig ist die Tatsache, daß der Teufel des Mittel- 
alters in alle Legenden, die früher von Riesen erzählt 
worden waren, aufgenommen wurde, da die Riesen die mytho- 
logische Umbildung der Auffassung des Kindes von seinen 
Eltern sind. ^) Die drei Hauptvorstellungen, die vereinigt 
werden, sind Alter, Kraft und Größe. Eine der hervor- 
stechendsten Eigenschaften des Teufels war sein hohes Alter *) 
und viele seiner Beinamen z. B. die englischen: Old Nick 
(Hnikar), Old Davy scheinen darauf hinzudeuten. Alle die 
besonderen Kennzeichen und Merkmale der Riesen wurden 
en masse auf den Teufel übertragen ; eine Anzahl davon wird 
bei Grimm ^) berichtet, so daß hier weitere Details überflüssig 
sind. Wünsche *') schreibt : »Bei näherer Betrachtung erweisen 
sich ferner alle die Sagen, nach denen der Teufel mächtige 
Dämme, die quer durch den See gehen, Mauern nach Art 
der Zyklopen und Brücken, die hoch in den Himmel hineinra- 
gen und über Abgründe, Schluchten und Täler führen, errichtet, 
als christianisierte örtliche Riesensagen. Auch Hünen- und Brun- 
hildebetten berühren sich mit Teufelsbetten.« Das wichtigste 
unter den Riesenattributen des Teufels war seine Vorliebe 
für das Bauen ^) ; dies stammt zweifellos von der infantilen 
Auffassung, daß die Eltern die Kinder aus Exkrementen 



1) Conway. Op. cit., Ch. XXVII. sLe bon diable.« 

*) Wünsche. Der Sagenkreis vom geprellten Teufel, 1905, Kap. VII. 

»Der geprellte Teufel als Helfer der Menschen in allerlei Notlagen und Anliegen.« 
^) Siehe Meyer. Op. cit., S. 193 bezw. der eingehenden Schilderung 

der Attribute der Riesen in der Mythologie. 

*) Grimm, Op. cit., S. 826. 

*) Grimm. Op. cit., S. 852—866 und Nachtrag S. 301. 

«) Wünsche. Op, cit., S. 14. 

') Siehe Wünsche. Op. cit., Kap. II. »Der geprellte Teufel als Baumeister.« 

6* 



84 DER ALPTRAUM. 



formen, die später mit Mörtel, Sand u. s. w. assoziiert wird.i) 
Der Teufel begnügte sich übrigens nicht damit, die Taten der 
Riesen nachzuahmen, sondern nahm bei verschiedenen Ge- 
legenheiten direkt ihre Gestalt an; so sah ihn St. Anton als 
einen »schrecklichen Riesen, dessen Haupt die Wolken berülirte«, 
dasselbe widerfuhr St. Brigitten und auch bei Dante wird 
Luzifer als riesengroß geschildert. 

Die Bedeutung der »revenant« Auffassung wurde oben 
erörtert und auf ihre Beziehung zum Inzest hingewiesen. 
Es ist deshalb nicht ohne Interesse, daß es eine Lieblings- 
gewohnheit des Teufels Avar, die Menschen bei Nacht in der 
Gestalt eines kürzlieh Verstorbenen^), besonders Frauen als 
ihr Vater zu besuchen. Die Erklärung dafür wurde vor 
mehr als dreihundert Jahren von Thomas Nashe ») gegeben, 
wie folgt : »Man wird fragen, warum er sich oft in des Vaters 
oder der Mutter oder eines anderen Anverwandten Körper- 
gestalt zeigt? Kein anderer Grund kann hiefür ange- 
zeigt werden, als daß wir ihm in jenen Gestalten, die, wie 
er annimmt, uns die vertrautesten sind und denen wir mit 
natüi'licher Liebe anhängen, am ehesten ein geneigtes Ohr 
leihen.« - 

Wie sogleich ausgeführt werden soll, waren die Besuche 
und Versuchungen durch den Teufel vor allem libidinöser 
jMatur, was mit der hier ausgesprochenen Anschauung gut 
übereinstimmt. In weiterer Übereinstimmung damit steht 
die enge Beziehung zwischen Teufel und Schlange. Der 
Versucher des Alten Testaments wurde in der Kabbalah 
»Leviathan« (= verführende Schlange) genannt und seine 
Ersatzpersonen in anderen Ländern wie Apep (Ägypten), 
Ahriman ( Fersien), Midgard (Norwegen), Set (Ägypten) und 

') Die primitive Kindertreude am Häuserbauen und Figurenzusammen- 
setzen wurde in weitem Ausmaße von E. A. Aclier studiert. Amor. Journ. of 
Psycho!., Jan. 1910, P. 116. 

=*) Jakob. Curioaitds Infernales, Pr. 35—37. Graf. Op. cit., S. 57, 
58, 65—67. 

«) The Works of Thomas Nashe, 1904, Edition. Vol. I. »The Terrors of 
the Night« (1594), P. 348. 



DER TEUFELSGLAUBE. 



85 



Vritra (Indien) wurden ebenfalls gewöhnlich als Schlangen 
abgebildet; wir können auch auf die böse Sehlange oder 
den Drachen verweisen, die Apollo, Bellerophon, Herakles, 
Krishna, St, Georg, Wotan und viele andere besiegten. In 
dieser Hinsicht befand sich der Teufel übrigens auch in 
weit besserer Gesellschaft, denn die Verwandtschaft der 
Schlange mit verschiedenen Göttern war, wie im vorher- 
gehenden Kapitel bemerkt wurde, außerordentlich nahe. Die 
phallische Bedeutung dieses Glaubens muß hier nicht noch 
einmal erklärt werden. Die ältesten Glaubenslehrer des 
Judentums und die ersten katholischen Kirchenväter waren 
der Ansicht, daß die Schlange im Garten Eden die böse Fleisches- 
lust bedeute ^), was ja mit der modernen Auffassung voll- 
kommen übereinstimmt. Der christliehe Teufel erschien sehr 
häufig in der Form einer Schlange oder eines Feuerdrachen. 2) 
St. Anton und St. Coleta bestätigten die erstgenannte Form 
aus eigener Erfahrung. Die sexuelle Natur des Symbols 
zeigt sich beim Teufel in viel aufdringlicherer Form als bei 
den klassischen Göttern, denn sein Schweif war durch eine 
Schlange gebildet oder endete in einen Schlangenkopf und 
ebenso auch seine Arme, außerdem aber ahmte sein Penis 
in Gestalt und Bewegungen eine Schlange nach. ^) Vielleicht 
ist dies der Grund, warum wir zu anderen Zeiten Beschrei- 
bungen finden, wie die folgende, i) »il a une virilite gigantesque, 
couverte d'ecailles, herissee de piquants.« : - 

In dem gegenwärtigen Zusammenhange ist es jedoch 
von besonderer Bedeutung, daß, wie im vorigen Kapitel 
nachgewiesen wurde, die Schlange besonders das männliche 
Glied des Vaters symbolisiert. Die Schlange mit ihrem 
schleichenden und geheimnisvollen Gehaben ist vortrefflich 
dazu geeignet, die heimlichen Betätigungen des Vaters dar- 
zustellen, die der Knabe beneidet. 



') Roskoff. Op. cit., Bd. L S. 195. 

*) Grimm. Op. cit, S. 833, 851. 

*) Graf. Op. cit., S. ß9, 51. 

*) Br^vannes. L'orgie satanique a travers les siecles, 1904, P. 115 



^ß DER ALPTRAUM. 



Der direkt libidiiiöse Charakter des Teufels und seiner 
Versuchungen wird von jedem Schriftsteller, der dieses 
Subjekt behandelt, hervorgehoben und kommt in zahllosen 
Erzählungen zum Ausdruck, i) Es genügt eine Stolle aus der 
unendlichen Anzahl ähnlicher herauszugreifen. Proimark -) /: 

sagt: ;»Den ersten Anstoß zum Teufelsbund geben fast aus- || 

schließlich sexuelle Motive. ... In allen Berichten über die h 

Verführung zur Hexerei und zum Toufolsbund nimmt unvor- |i 

hüllt die sexuelle Verführung dio erste Stelle ein.« Dies f 

war die Sünde, vor der die Kirche mehr als vor jeder 
anderen warnte. So sagt zum Beispiel Sinistrari ^) : »rationo 
tantae enorniitatis contra Religionem, quae praosuppositur 
coitu cum Diabolo, profecto Daemomalitas maximum est 
criminum carnalium.« Ein Mittel, das der Teufel mit Vor- 
liebe zur Erreichung dieses Zweckes anwandte, war, ein 
Weib dadurch zu täuschen, daß er die Gestalt ihres Geliebton 
oder Ehemannes annahm. i) Bodin '>) erzählt Fälle, wo er kleine 
Mädchen beunruhigte und verführte, die erst sechs Jahre 
alt waren, »qui est Taage de cognoissance aux filles.« Dio 
sexuellen Versuchungen, denen Buddha, Zoroastor und andere 
göttliche Wesen unterworfen waren, wurden in christlicher 
Zeit auf verschiedene Heilige übertragen, von denen die 
meisten, wie St. Anton, St. Benedict, St. Elisabeth und 
St. Martin ihnen erfolgreich widerstanden, während andere, 
wie z. B. St. Victorinus, unterlagen. 

Wie bekannt, verwandelte sich der Teufel am liebsten 
in einen Bock, das klassische Symbol der Ausschweifung; 
dies war nahezu regelmäßig seine Gestalt beim Hexensabbat! 
Da sie in der Mythologie nicht bewandert waren, verwun- 
derten sich viele christliche Autoren darüber; Scaliger ^) z.B. 
^_*^^'^!!**^i ^^ °^^"® weitere Hintergedanken als ein Wunder! 
') Siehe z. B. Jacob. Op. cit, Pp. 85-96. 
*) Freiraark. Okkultismus und Sexualität, S. 297. 
«) Sinistrari. Demoniality (17. Jahrhundert), 1879, Edition, F. 218. 
*) Dalyell. The Darker Superstitions of Scotland, 1835, P. 554 
Hiakmar, zitiert bei Hansen, Op, cit., S. 73. 

^} Bodin. De la Demonomanie des Sorciörs, 1693, P, 212. 
«) Smith. Sealigerana, 1669, Part. II, Article : Az'azael. 



wfMK 



.^...^ 



DER TEÜFELSGLAUBE. 



87 



Bodni J) hingegen ahnte den Sinn, denn er schrieb: »Mais 
c est bien chose estrange, ^ue Satan . . . prend la fi^ure 
dun Bouc si ce n'est pour estre une beste puante et 
salace . . Orlapropriete desDaemons est d'avoir pmssance 
sur la cupidite lascive et brutale.« Die libidinöse Natur des 
Bocksymbols braucht hier nicht ausgeführt zu werden, da 
sie wohlbekannt ist. Ein weiterer Beweis der ursprünglidien 
Identität der Vorstellungen von Gott und Teufel ist die Tatsache 
daß einerseits der Bock das Symbol zahlreicher Götter de^ 
AI ertums war daß aber auch Pan, der Ziegengott par 

naStT'tT T- f"'"^'"''' '' ^'""'^ seiner Attribute über- 
nahm mit dem höchsten Gott der Babylonier, Mithra^) mit 
dem ägyptischen Gotte Min ^) (dem Repräsentanten "e 
m^nnhchen Prinzips) und mit Zeus .^J selbst idontifizierl 

TeufJlT f^'-^"^T ""'^' den sexuellen Attributen des 
.n.d! T ^^^g<^hendste Aufmerksamkeit geschenkt, insbe- 
sondere dem Sexualakt selbst und dem dabei tätigen Organe ^) 

bestaL"''"'T''T' ^'"""^' ^"^^^P^*^^ "^^ schlangenförmig 
bestand manchmal halb aus Eisen, halb aus Fleisch, zu 

anderen Zweiten ganz aus Hörn und war gewöhnlich gespalten 

P^H. .- ^^ T"'""^"' "" ^^^ ^^ "^ «*^^de, Koitus und 
Päderastie gleichzeitig auszuführen, während eine dritte Gabe- 
lung manchmal in den Mund reichte. 

_ Der Teufel des Mittelalters war keineswegs als erster durch 
seine ausschweifende Geschlechtlichkeit berühmt. Von den Göt- 
tern des klassischen Altertums ganz zu geschweigen. finden wir 
dense ben Zug bei den meisten bösen Vorläufern des christlichen 
Teufels Der Ruf Paus war derart, daß er den Theologen des 
Mittelalte rs als der Prinz der Inkubi «j bekannt war. 

') Bodin. Op. cit., P. 190. 

*) Eobertson. Op. cit., P. 315. 

^) Petrie. The religion of ancignt Egypt, 1908 F. 59 

.... l^""'^^^' '^^^ Syi^bolical Language of Anei'ent" An and Mjtholoßv 
1876, Edition, P. 137. u mjLKoiu^y, 

'} Siehe z. B. Pierre de Lauere. Tahleau de l'inconstance des mau- 
vais anges et demons, 1612, Pp. 224, 225. 
*) De Plancy. Op. cit., T. II, P. 135. 



88 DER ALPTRAUM. 



Im Koran ist der Teufel nur als Verführer bekannt.') 
Die Anbetung des brahmanischen Shiva, des bösen Schöpfers 
und Zerstörers der Welt, ist rein phalliseh,^) Der beduinische 
ghulj der buddhistische Mara, der persische Aeschma, der 
syrische djinn, alle haben denselben ausschweifenden Charakter ; 
selbst im fernen Australien lieben es die Iruntarivia, die 
bösen Geister, Weiber im Dunkeln fortzuschleppen.^) Aber 
der Teufel übertraf sie alle so weit, daß Milton eine seiner 
Gestalten nennen konnte : 

Belial, der gefallenen Geister sinnlichster, 
Der Lasterhafte, und, nach Asmodai, 
Der fleischlichste der Inkubi. 

Im Zusammenhang mit dieser Anschauung vom Vater, 
die der Teufel hier darstellt, muß seiner engen Verknüpfung 
mit der Natur, der Personifikation der Mutter, und insbe- 
sondere mit den verborgenen Teilen der Natur gedacht werden ; 
es ist charakteristisch für die Inzestnatur der Teufelsvor- 
stellung, daß infolge dieser Verknüpfung die Natur selbst als 
die böse Seite des Weltalls aufgefaßt zu werden begann. Er 
wohnt an entlegenen Orten, liebt besonders dunkle Wälder*) 
und Orte, an denen Schatze liegen, wie Goldminen und 
dringt in Höhlen und in das Innerste der Mutter Erde ein, 
d. h. in Örtlichkeiten, die gewöhnlichen Wesen völlig uner- 
reichbar sind. Andere Beziehungen zur Mutter Erde werden 
in einem späteren Teile erwähnt werden. 

2. Der Vater, gegen den Feindseligkeit emp- 
funden wird. 

Hier zeigt sich der Teufel nicht als Versucher und Ver- 
führer, sondern als Verfolger, als böser Feind. All die 
Grausamkeit, kleinliche Tyrannei und allgemeine Unvernunft, 
die den Yahweh des Alten Testaments '') entstellen, wurden 



^) Eickmann. Die Angelologie und Dämonologie des Korans, 1908, S. 44. 
^) Seilen. Annotations on the Sacred Writiegs of the Hindus, 1 902, P. 9. 
") Spencer u. Gillen. The Native tribes of Central Auetralia, 1899, P. 517. 
*) Le Loyer. Op. cit,, P. 340. 
') Siehe Gener. Op. cit., Pp. 368—377. 



DER TEUFELSGLAUBE. 89 



. i 



voll und ganz von dem christlichen Teufel übernommen. 
Die Ähnlichkeit dieses Bildes mit dem, das viele Kinder als 
das genaue Spiegelbild ihres Vaters empfinden, ist nur zu 
auffallend. Der Teufel spottet der Mühen und Anstrengungen 
der Menschen, verletzt ihren Ehrgeiz und verfolgt ihre 
Schwächen. Er quält und schädigt sie aus bloi3er Freude an 
seinem Tun, vei'nichtet ihre Arbeit und läßt alle ihre Be- 
mühungen vergebens gewesen sein. Das Menschengeschlecht 
lebt im ewigen Kampf mit ihm, bald seinen lockenden Ver- f;^ 

suchungen widerstehend, bald seine boshaften Angriffe ab- 1^, 

•Vitehrend. Die Ödipus-Situation, und zwar sowohl die männ- 
liche wie die weibliche, wird so in Gänze wieder hergestellt. 

Die Feindseligkeit des Teufels gegen den Menschen ist '"^ 

charakteristischerweise besonders ausgeprägt in jenen 
Legenden, die er von den Riesen (= Erwachsenen) geerbt l- 

hat. In diesen versucht er alles Denkbare, um sie zu schä- ■-. 

digen und zu behindern ^) ; er schleudert ungeheure Fels- 
blöcke nach Kirchen und Klöstern, dämmt Flüsse ab, um \. 
Überschwemmungen herbeizuführen, baut Mauern, um mensch- f, 
liehe Wesen von seinem Reiche abzuhalten, u. s. w. Die Mensch- ^ 
heit muß gegen ihn in seiner Riesengestalt kämpfen, wie die 
jungen Götter einst gegen die Titanen kämpften, 

In diesem Kampfe wurden die Menschen keineswegs 
regelmäßig besiegt. Die Geschichten, in denen der Teufel 
übers Ohr gehauen und betrogen wird, sind zahlreich und . 

es ist zu beachten, daß diese Erzählungen meist von heid- 
nischen Vorbildern genommen sind, in denen die Bekämpften 
Riesen waren. ^) Zum Beispiel nach Wünsche ^) : »Hinter dem 
Schmiede von Bielefeld, Apolda u. s. w. in den bekannton 
Märchen, der den Teufel im Sacke auf dem Amboß ganz windel- 
weich hämmert, so daß er ein Zetergeschrei erhebt und um 
seine Freilassung bittet, verbirgt sich, wie wir unten zeigen 

1) Siehe Grimm. Op. cit., 852— 855 a und Nachtrag S. 301. Wünsche. 
Loc. cit. 

^) Siehe besonders Wunsches Buch in Vergleich mit dem Kapitel 46 • . 

>Der geblendete Riese« in Leistners »Das Rätsel der Sphinx«, 1889, Bd. 2, 
S. 109—161. 

») Wunsches Buch. Op. cit, S. 13, 14. ' ' : ■ - 



WU^WV i.TTT" " "-*' --■"■■'- -■'— •■■' " ^'^■^ " ' 'J' . > .AT "'i , py'<?P^^'^T^y^ 



1 



90 DER ALPTRAUM. 



l 



werden, sicherlich der seinen Hammer auf das Haupt des 
Riesen schwingende Thor. Ist doch »Meister Hammerlein« 
auch ein gebräuchlicher Beiname des Teufels«. Ein beliebter 
Anschlag war es, mit dem Teufel einen Vertrag zu schließen, 
nach welchem ihm eine Seele gehören sollte, unter der Be- 
dingung, daß er ix'gend ein Werk vor Hahnenschrei ausführe, 
und dann im letzten Moment einen Hahn zu kneifen und 
dadurch zum Rufen zu bringen oder den Ruf nachzuahmen, 
so daß die Hähne in der Nachbarschaft erwachten und wirk- 
lich krähten. Selbst ein Pferd konnte den Teufel überlisten.^) 
Es ist hier für die gegenwärtige Beweisführung von Wesen- ; 

heit, daß der Teufel in allen diesen Geschichten durch Betrug 
überlistet wird, niemals durch Gewalt überwunden; Schlau- 
heit und Betrug sind bekanntermaßen die einzigen Waffen 
des schwachen Kindes gegen den feindlichen Vater. 

Eine mächtige Person, die durch Schwächen leicht be- 
trogen wird, muß notwendigerweise als dumm oder wenigstens 
naiv geschildert werden. Diese geringschätzige Meinung haben 
Kinder oft von ihren Eltern, teils aus dem genannten Grunde, 
teils als Überkompensation für ihr Gefühl der Unwissenheit 
im Verhältnis zur Weisheit der Eltern. Die Geschichten, in 
denen der Teufel eine unglaubliche Naivität an den Tag legt 
und leicht übers Ohr gehauen wird, bilden ein ausgedehntos ^ 

Kapitel in der Geschichte der Dämonologie ^) und liefern einen 
wichtigen Beitrag für die spätere Auffassung der Clowns, 
Buffons und Narren auf der Bühne.'') Eine Psycho-Analysc 
der einzelnen Erzählungen, auf die wir hier verzichten 
müssen, zeigt deutlich die infantilen Quellen der Motive und 
bestätigt endgültig die hier in Kürze dargelegten Schlüsse. 

Diese kinderhaf te Verachtung des Teufels zeigt sich 
auf verschiedene Weise, insbesondere durch Verneinung seiner 
Macht. Keines von den Gebäuden, die er aufführt, kann 

^) Jahns. Roß und Reiter, 1872, Band 1, S. 87. 

^) Siehe Wünsche. Op. cit., Kap. VIIT. Der dumme, geprellte Teufel 
und die Abteilung »Der dumme Teufel« in Roskoff. Op. cit,, Band 1, S- 394—399. 

^) Siehe die Abteilung »Der Teufel als Luatigmaeher« in Roakoff. Op. 
eit., S. 309—404. . ... 



^■^' 



DER TBUFBLSGLAUBK. 



91 



vollständig sein, seine Pläne und Anschläge werden stets 
im letzten Moment vereitelt und in einem Punkte insbesondere 
stimmen alle Autoren überein, nämlich in seinem Mangel an 
Samen und der daraus folgenden Unfruchtbarkeit. Wie wir 
später sehen werden, hat dieser letztere Glaube eine tiefere 
Quelle. Ihm mag auch der Abscheu des Teufels vor dem 
Salz zugeschrieben werden, denn dies kann als altes mytho- 
logisches Symbol für Samen erwiesen wei-den.^) Bodin^) ist 
also im gewissen Sinne im Recht, wenn er für die Abneigung 
des Teufels davor den Grund anführt, daß es ein Symbol der 
Ewigkeit sei. 

Selbst manche Mittel, die angewandt wurden, um die 
Angriffe des Teufels abzuwehren, haben ihre Wurzel in der 
infantil-sexuellen Symbolik. Das bewährteste, oft wirksam 
wenn alle anderen versagt hatten, war, ihm das Gesäß zu 
weisen und einen Flatus zu lassen ; kein geringerer als Martin 
Luther half sich auf diese Weise. ^) Die Psycho-Analyse hat 
dargetan, daß eine der tiefsten Quellen des Trotzes gegen 
die Eltern die Weigerung des Kindes ist, die Funktionen 
seines Sphincters nach ihren Wünschen einzurichten. Ein 
anderes, allgemeines Mittel, dem Teufel zu trotzen, bestand 
darin, ihm ins Gesicht das heilige Kreuz zu schwingen oder 
das Zeichen des Kreuzes zu machen, d. h. das Zeichen des 
Sohnes (Christus). Die phallisehe Bedeutung dieses Symbols 
ist längst bekannt *), so daß, es dem Teufel entgegenstrecken, 
nichts anderes bedeutet als die exhibitionistische Verachtung 
der väterlichen Autorität. 

Die sicherste Zuflucht für den Verfolgten war es jedoch, 
die Jungfrau Maria zu Hilfe zu rufen. Dies war so allgemein, 
daß die ganze Angelegenheit oft als ein ständiger Kampf 
zwischen dem Teufel und der heiligen Mutter gedacht wurde. 



^) Siehe Ernest Jones. »Die symbolische Bedeutung des Salzes in Folk- 
lore und Aberglaube«, Image, 1912, Band 1. 

^) Bodin. Op. cit., P. 278. 

') Freimark. Op. cit., S. 84. ,Die Originalstellen bei Bourke, Seatalogio 
Rites of all Nations, 1891, Pp. 163, 444. 

*) Inman. Ancient Pagan and Modern Christian Symbollam., 1874. Rocco- 
Sex Mythology, including an Account of the Maaculine Gross 1898, u. a. w. 






92 DER ALPTRAUM. 



Roskoffi), der mehrere Beispiele liiofür anführt, sagt: »Die 
Tätigkeit des Teufels wird überdies vornehmlich entwickelt 
und hervorgerufen durch dessen Haß gegen die heilige Jung- 
frau, der um so mehr gesteigert wird, als diese, nach Frauen- 
art, sich in alle Angelegenheiten hineinmongt und ihr, wie 
im gewöhnlicheu Leben, in allem willfahren wird, so daß sie 
ihren Willen immer durchsetzt und ihre Schützlinge, die nun 
einmal ihre Gunst durch eifrigen Marjonkultus erlangt haben, 
auch nie fallen läßt, wenn sie übrigens auch dio ärgsten 
Lumpen sein sollten.« Es ist schwer, die Analogie dieser 
Situation zu derjenigen des Kindes, das bei der Mutter Schutz 
vor dem übelgelaunten Vater sucht und damit einen ähnlichen 
Zwist herbeiführt, nicht zu bemerken. 

3. Der Sohn, der den Vater nachahmt. 

Der Teufel war nicht völlig Gottes Feind; in mancher 
Hinsicht kann man ihn sogar seinen Repräsentanten nennen 
oder wenigstens seinen Vormittler. Er verhöhnte und quälte 
nicht bloß die Menschen, die sich von ihm zur Sünde hatten 
verführen lassen =^), sondern ging auch offenbar darauf aus, 
die Bösen zu bestrafen. ^) Gegen sexuelle Betätigung war er 
besonders streng; so war eine seiner Verfolgungen nach 
Graf *), »einen Mann und ein Weib bei fleischlicher Sünde in 
flagranti zu ertappen und beide unauflöslich aneinander zu 
fesseln, more canino.« Es ist bezeichnend, daß im Alten 
Testament, zu einer Zeit also, wo die Vorstellungen von Gott 
und Teufel eben begannen, sich voneinander abzulösen, die 
Verbindung der beiden weit enger war als später und der 
Teufel als Gottes gehorsamer Knecht auftritt, der sich von 
den guten Engeln nur durch die unangenehme Art seiner 
Pflichten unterscheidet. 

Diese »Identifikation« mit Gott ist zu Zeiten sehr enge 
und es ist interessant, daß der Teufel sich ehrliche Mühe gab, 

') Roskoff. Op. cit., Band 2, S. 198—205. 
t . *) Roskoff. Op. cit.. Band 1, S. 270. ' 

®) Jacob. Op. cit, Pp. 22— 33. •<- - , i'W. 

*) Graf. Op. eit., S. 136. 



/■4^^. 



.■•>... 



DER TEUFELSGLAUBE. 



93 



sie ZU erreichen, indem er Gott in merkwürdiger Weise nach- 
ahmte und imitierte. Da bis vor einem halben Jahrhundert 
die Anbetung Christi im ganzen mehr in den Vordergrund 
trat als die von Gott- Vater, ist es nicht überraschend, daß 
die Ähnlichkeit des Teufels mit dem Sohne größer war als 
die mit dem Vater. Zunächst wurde seine körperliche Er- 
scheinung als schön und majestätisch geschildert ^), oft ganz 
ähnlich der Gestalt Christi; manchmal erschien er sogar 
wirklich in dessen Gestalt. ^) Erst im Mittelalter wurden ihm 
häßliche und groteske Züge angedichtet. '') Wie Christus hatte 
der Teufel zwölf Schüler *), stieg in die Hölle hinab und 
wurde wiedergeboren ^), schlug seine Wohnung in bestimmten 
Kirchen auf, wurde zu regelmäßig wiederkehrenden Zeiten 
angebetet, ließ seine Anhänger taufen und die Details des 
Teufels-Sabbat karikierten die heilige Messe auf das ge- 
naueste und innigste, zum Ärger der Theologen, die natürlich 
keine Ahnung von der psychologischen Ähnlichkeit der beiden 
Vorgänge hatten. 

Der Teufel besaß sogar seine eigene Bibel, die in Böhmen 
niedergeschrieben wurde und sich jetzt in der königlichen 
Bibliothek in Stockholm ^) befindet. 

So wie Christus besaß der Teufel eine irdische Mutter 
und keinen Vater; eharakteristischerweise war sie eine Riesin, 
noch größer als ihr Sohn ^) ; in manchen Versionen erscheint 
sie als seine Großmutter. Die Mutter scheint durch Ver- 
schmelzung von mindestens drei Figuren entstanden zu sein : 
Sowohl Hei 8) als auch die Mutter des Riesen Grendel ») trugen 

') Graf. Op. cit, S. 52—54. 

*) Roskoff. Op. cit., Baud 2, S. 194. Graf. Op. cit., S. 64. 

*) In den seltsamen Bildern von Wiertz sehen wir die Rüeljkelir zur 
älteren Auffassung, die Giotto als letzter festhielt. 

*} Grimm. Op. cit, Nachtrag S. 292, 302. 

=>) Lehmann. Aberglaube und Zauberei, Deutsche Übersetzung, 2. Aufl. 
1908, S. 114. 

•) Nyström. Christentum und freies Denken, 1909, S. 161. 

') Grimm. Op. cit., S. 841. 

■) Wuttke. Op. cit., S. 37. 

»} Roakoff. Op. cit., Band 1, S. 164. 



94 DER ALPTRAUM. 



ZU ihrer Vorstellung bei; einer der späteren Beinamen des 
Teufels war Grendel (Englisch Grant). Ferner meint 
Wünsche *) : »Wahrscheinlich bildet auch die Sage von der 
Eilermutter, der neunhundertköpfigen Mutter Hymirs, die 
die beiden Götter Thor und Tyr beim Besuch in ihrer 
Wohnung durch Verstecken vor ihrem grimmigen Sohn rettet, 
die Grundlage zu der volkstümlichen Figur von des Teufels 
Großmutter. Im Märchen vom Glückskinde bei Grimm Nr. 29 
heißt des Teufels Großmutter geradezu noch Ellermutter.« 
In den meisten dieser Geschichten, wie in der letzterwähnten, 
ist der Teufel wieder nichts anderes als eine mythologische 
Darstellung des gehaßten Vaters; deshalb der Ersatz der 
Mutter durch die Großmutter. Dasselbe gilt von der alten 
Redensart, daß Donner oder Blitz bei Sonnenschein davon 
kommen, daß der Teufel sein Weib prügelt.^) 

Die Auffassung des Teufels als Sohn ist ein zweiter, sehr 
natürlicher Grund für den Glauben, daß er keinen Samen 
besitze und die bisexuelle Natur des ganzen Glaubens beweist 
die Idee, daß er ein Weib nur schwängern kann, nachdem 
er sich dadurch Samen verschafft hat, daß er einem Manne 
als sukkubus diente ^), weshalb er auch immer kalt war. ^) 
Diese sonderbare Prozedur gab Anlaß zu den haarspalterische- 
sten Kontroversen darüber, ob der ursprüngliche Besitzer des 
Samens oder der Teufel "^) das größere Anrecht auf den Spröß- 
ling habe, und ob dieselbe Regel auf den von einer nächt- 
lichen Pollution herstammenden Samen anwendbar sei oder 
nicht. ^) Auf denselben Gedanken von der Geschlechtsuntüchtig- 
keit des Kindes möchte ich den Glauben an einen hinkenden 
Gott oder Teufel zurückführen, der, wie Tylor ^) nachwies, 

") Wuusclie. Op. eit., S. 15. 

^) Grimm. Op. cit, S. 842, 

") Soldan. Geschichte der Hexenprozease. Bearbeitet von Hoppe, 1880, 
Band 1, S. 181. 

*) Jacob. Op. cit., P. 86. 

*) Sprenger und Institoris. Der Hexenhammer, lö88. Deutsche Über- 
setzung, 1906, Erster Teil, S. 51. 

«) Sprenger und Institoris. Op. eit., Zweiter Teil, S. 64. 

'') Tylor. ßosearches into the Early History of Mankind, Third Edition, 
1878, Pp. 365—371. 



\ 



: 



DER TEUFELSGLAUBE. 



95 



in den verschiedensten Stadien der Kulturentwicklung vor- 
kommt ; Gehunfähigkeit ist auch bei Neurotikern ein häufiges 
Symbol für sexuelle Unfähigkeit. Ferner mag der Umstand, 
daß die Lähmung meistens die Folge des Wurfes aus dem 
Himmel hinaus war, wohl mit der Furcht des Kindes, daß der 
Vater seinem Zeugungsglied etwas antun könnte (Kastrations- 
Komplex) in Verbindung gebracht werden. 

Als ein Teil der hier erörterten Seite des Teufels sei 
auch sein starkes Dankbarkeitsgefühl erwähnt, das sich be- 
sonders in jenen seltenen Fällen zeigt, wo er gerecht behan- 
delt wurde; er beweist dann stets, daß er diese Art ihm zu 
begegnen ganz besonders zu schätzen versteht. ^) 



4. Der Sohn, der dem Vater Trotz bietet. 

Dies ist die ursprüngliche Auffassung vom Teufel als 
Erzrehellen; sein Ungehorsam und seine Empörung gegen 
Gott- Vater ist geradezu das Paradigma der Revolution. Nach 
Origenes-) waren Hoffahrt und Auflehnung der Grund des 
Himmelssturzes, während nach Irenäus, Tertullian und 
anderen ^) das Hauptmotiv sein Neid gegen Gott war. Die 
zweitgenannte Idee scheint die ältere zu sein. Roskoff^) 
sagt : »Das Motiv zur Feindschaft des Bösen gegen die Gott- 
heit, der Ursprung des Bösen in der Welt ist sowohl nach 
der hebräischen Vorstellung vom nachexilischen Satan als 
auch in den Mythen anderer Völker, namentlich der Färsen, 
auf den Neid zurückgeführt, der in der Ich- und Selbstsucht 
wurzelt.« Stolz war nach der » Sklavenmoral »: des Christen- 
tums, wie sie von Nietzsche genannt wird, stets eine Todsünde. 

Die Auflehnung des Knaben gegen seinen Vater ist be- 
kanntlich nicht nur eine Folge der feindseligen Einstellung, 
sondern gewöhnlich von Neid begleitet, was mit anderen 
Worten Bewunderung und den Wunsch nach Nachahmung 
bedeutet. Durch seine Rebellion befreit er sich auch regel- 

^; Conway. Op. cit, Pp. 389, 39C. 
*) Coaway. Op, cit., Pp. 389, 395, 
®) Zitiert bei Roskoff. Op. cit., S. 231. 
*) Roskoff. Op. cit., S. 194. 



96 DER ALPTRAUM. 



i 



mäßig nicht von dem Einflüsse seines Vaters. Ob er ihn 
geradezu kopiert oder in das entgegengesetzte Extrem gerät 
und ihm so ungleich als nur möglich zu sein sucht, ist von 
diesem Gesichtspunkte aus betrachtet völlig irrelevant ; beide 
Reaktionen gehen in gleicher Weise auf den Nachahmungs- 
wunsch zurück. Diese Mischung läßt sich genau auf den 
Teufel anwenden. Er bemüht sich, entweder Gott in allem 
nachzuahmen, oder tut, wie wir sehen werden, alles genau in 
der entgegengesetzten Weise. Von dieser Gewohnheit, Gott 
zu karikieren, stammt sein Titel >Der Affe Gottes«. Sein 
Benehmen wird also in letzter Linie durch das Verhalten 
Gottes bestimmt, ein weiterer Beweis für die ursprüngliche 
Identität beider, während die genaue Übereinstimmung mit 
den Bestrebungen der Menschensöhne die hier vorgebrachte 1 

These unterstützt. 

Das Band, das ihn gegen seinen Willen an Gott knüpft, 
zeigt sich auch in seiner Eifersucht auf jeden, dem Gott be- 
sondere Gunst schenkt, was ja gleichfalls ©in typischer Zug 
des Kindes ist. In der Legende von St, Colota heißt es '), 
der alte Feind habe die Eigentümlichkeit, je mehr er sehe, 
daß sich jemand Gott nähere, desto mehr suche er ihn zu 
verfolgen, zu beunruhigen und abzuhalten, größere Übel über 
ihn zu verhängen und sie zu vermehren. Hiezu tritt noch 
als weiteres Motiv sein Haß, der von Gott auf jene übergeht, 
die mit ihm in näherer Verbindung stehen. 

Dasselbe Motiv der Eifersucht ist wahrscheinlich auch 
die Erklärung für das Verhalten des Teufels gegen Christus, 
obgleich dieses natürlich zum Teil durch die Identifikation 
von Christus und Gott -Vater bestimmt wird. Christus wurde 
dadurch, daß Gott ihn aussandte, um das Menschengeschlecht 
zu erlösen, im Kampfe um die Herrschaft über die Mensch- 
heit zur Hauptperson; aus diesem Kampfe entstand die Er- 
lösungslehre ^), was Graf ^) mit den ironischen Worten hervor- 
hebt : »Seltsam genug ! Unter den Menschen war niemals die Rede 

>) Roskoff. Op. Cit., Band 2, S. 160. 

») Roskoff. Op. eit., Bd. 1, S. 224— 229, 273. 

«) Graf. Op. cit., S, 22. 



DER TEUFELSQLAÜBE. 



97 



soviel von Satanas, niemals wurde er so sehr gefürchtet wie 
nach dem Siege Christi, nach dem Vollzug der Erlösung.« 
Der Teufel, auch darin Gott nachahmend, machte verzweifelte 
Anstrengungen, sich den Sieg durch Erzeugung eines Sohnes 
zu sichern, der im stände sein sollte, Christus zu überwältigen. 
Merlin und Robert der Teufel stellen zwei derartige Versuche ^) 
dar, aber der eine wurde durch die Reue seiner Mutter zu 
Gott hinüber gerettet und der andere durch seine eigene 
Reue; Nero, Mohammed und Luther, nicht minder auch 
mehrere Päpste galten ebenfalls als Söhne des Teufels, die er zu 
diesem Zweck gezeugt haben soll. Im Mittelalter war die Furcht 
vor dem angedrohten Antichrist aufs höchste gestiegen und 
die Spannung der ängstlichen Erwartung seiner Geburt wurde 
durch umlaufende Gerüchte und Prophezeiungen zum unbe- 
schreiblichen Schrecken gesteigert.^) .. , ,, ,4 . . ,; ;, ;,-...;. 
Mit der hier behandelten Auffassung des Teufels als 
Darstellung des sich auflehnenden Sohnes stimmt schließlich sein 
leidenschaftlicher Haß gegen die Ungerechtigkeit und seine 
Neigung, die unschuldig Verfolgten zu verteidigen, insbeson- 
dere die Armen und Schwachen gegen ihre Unterdrücker. 3) 
Nun können wir uns dem dritten Problem zuwenden, 
nämlich dem Verhältnis des Teufelsglaubens zum Angsttraum. 
Die in den vorhergehenden Kapiteln vorgebrachten Erwägungen 
werden uns zu der Entdeckung führen, daß an der Entstehung 
einer solchen Angstvorstellung par excellence, wie es der Teufels- 
glaube ist, die intensivste Angsterfahrung, die die Menschen 
kennen gelernt haben, also der Alpdruck, einen beträcht- 
lichen Anteil haben mußte. Dieser Schluß wurde von manchen 
früheren Autoren gezogen. Die Anschauungen Clodds und 
Höflers z. B. wurden bereits erwähnt. Es stimmt gut damit 
überein, daß der Teufel ganz besonders als Nacht-Dämon gilt ; 
er erscheint meist bei Nacht und bei Nacht erreichte seine 
Macht ihren Zenit.*) 

^) (iraf. Op. eit., S. 198-203. ^ • • 

*) Conway. Op. cit., S. 240-259, 397, 398. Graf. Op, cit., S. 205—209. 

') Conway. Op. cit,, Pp. 389, 390. ^ - ?.■--•. ^- 

*) Graf. Op. cit., S. 108. . ^^ ;- '■ -^- ! 

Jones, Alptraum. "9 



«8 DER ALPTRAUM. 



Es wäre ganz vei'ständlich, wenn dieser Glaube nur im 
manifesten Inhalt der Nachtmahr mit seinen schrecken- 
erregenden Visionen wurzeln würde, und dies ist auch offenbar 
die Anschauung der früheren Autoren, aber eine sorgfältige 
Vergleichung mit ihrem latenten Inhalt zeigt eine 
so außerordentliche Ähnlichkeit der beiden, daß dadui-ch 
endgültig ihre innere Verwandtschaft erwiesen wird. 

Es wurde oben ausgeführt, daß das wesentliche Merk- 
mal des latenten Inhalts der Nachtmahr seine sexuelle und 
vorherrschend inzestuöse Natur ist. Über die sexuelle Be- 
tätigung des Teufels muß nicht mehr viel gesagt worden, 
sie wird hinreichend illustriert durch das Sprichwort : »Wenn 
eine Frau allein schläft, beschläft sie der Teufel.« Es ist be- 
sonders bemerkenswert, daß die Vorläufer des mittelalter- 
lichen Teufels in aller Form Inkubi waren. Pan, von dem 
der Teufel so viele Attribute übernahm, war das Äquivalent 
für Ephialtes'), den Geist, der uns den wissenschaftlichen 
Namen für die Nachtmahr lieferte; auch die griechischen 
Faune waren als Inkubi tätig. ^) "Weiter zurückgehend finden 
wir, daß die Sturm-Dämonen Babyloniens und Indiens, die 
alu ^) resp. die maruts *), die Vorläufer des Ares und Ephialtes, 
»die Zermalmer« genannt wurden, von ihrer Gewohnheit, 
während des Schlafs sich auf die Brust der Menschen zu 
legen, und der germanische Eiese Grendel benahm sich ebenso. ■'■) 

Die oben angeführten Tatsachen zeigen, daß der Teufels- 
glaube mit dem Ahnenkult in enger Beziehung steht; vor 
mehr als dreihundert Jahren meinte Burton ''), daß die Teufel 
die Seelen der Gestorbenen, d. h. der Ahnen seien. Wenn 
die hier aufgestellte These richtig ist, nämlich, daß der Teufel 
die Projektion verdrängter Wünsche, die sich auf den Vater 

^) lioscher, Ephialtes. Eine patliologiscli-iiiytliologisclie Abhandlung 
über die Alpträumejund Alpdämonen des klassischen Altertums, 1900, S. 57—62. 

*) Roskoff. Op. cit., S. 140. 

3) Pinches. The Religion of Babylonia and Assyria, 190C, P. 108. 
.: *) Cox. Op. cit., Pp. 222, 253. ,,. . 

°) Grimm. Op. cit., S. 849. 

") Burtoü. The Anatomy of Melaucholy, 182G. Vol. I, P. 5 



DER TEUFELSGLAUBE. 



99 



-"Nl 



beziehen, verkörpert, so folgt daraus, daß der Verkehr mit 
ihm den Inzest mit dem Vater symbolisiert. Die Tatsache, 
daß die Schlange, das phallisclie Symbol des Vaters, eine 
ebenso hervorragende Rolle bei der Teufelsidee wie bei der 
Nachtmahr - Mythologie spielt, kennzeichnet den Ursprung 
beider aus dem Inzest. 

In den verschiedenen Geschichten vom Teufel finden 
wir Details, die deutlich auf die Entstehung aus psychischen 
Vorgängen, die für den Traum charakteristisch sind, hinweisen, 
und von denen zwei hier kurz erwähnt werden sollen. Eines der 
allertypischesten ist das Vorkommen von Verwandlungen. 
Wir haben eben die Fähigkeit des Teufels, jede menschliche 
Form, die er wünschte, anzunehmen, ^) erwähnt und hervor- 
gehoben, daß er am häufigsten als Schlange oder Ziegenbock 
erschien. Aber es gab keine Tierart, deren Form er nicht 
manchmal annahm -), und er besaß sogar die Macht, Menschen 
in Tiere zu verwandeln. ^) Ein anderes Beispiel ist der 
psychologische Prozeß, den wir als »Umkehrung« kennen, 
wobei die Dinge von hinten nach vorn gestellt oder getan 
werden ; dieser Vorgang ist, wie Freud '^) gezeigt hat, außer- 
ordentlich charakteristisch für die Ti'aumarbeit. Die meisten 
Schriften über den Teufel haben eben dies als seine Eigen- 
tümlichkeit betont, insbesondere in Hinsicht auf den Sabbat. 
So tanzen die Anwesenden in einem Kreise nach rück- 
wärts^), die Gesichter vom Mittelpunkt weggekehrt*^), 
sie tauchen ihre linke Hand in das heilige Wasser^) (Teufels- 
Urin) ^), machen das Zeichen des Kreuzes in der ver- 
kehrten Richtung''), genießen bei der Messe schwarzes 



') Siehe Jacob. Op. eit., Pp. 33—43. 
*) Graf. Op. cit., S. 59, 138. 
•■') Roskoff. Op. eit., S. 305. 

*) Freud. Die Traumdeutung, 3. Auflage, 1911, S. 257. 
^) Grimm. Op. cit., S. 895. 
«) Lehmann. Op. cit., S. 114. 
'') Brevannes. Op. cit., S. 123. 

*) Picart. Coutumes et Cere^monies Religieuses, 1729, Vol. VIII, P. 69. 
Thiers. Trait«5 des Superstitions, 1741, Vol, II, P. 367. 

7* 



^1 



100 DER ALPTRAUM. 



Brot^) und bei dieser werden schwarze Kerzen benutzt 2) 
u. s. w. Der Teufel selbst hatte ein zweites Gesicht 
am Hinterteil, das oft dem eines schönen Weibes-') 
glich (eine doppelte Umkohrung), er saß verkehrt auf 
seinem Sitz '), sein Penis war oft am Rück e n •') statt 
vorn, von seinem Körper ging ein höllischer Gestank aus, 
der mit dem himmlischen Wohlgeruch des Erlösers ") kontra- 
stierte u. s. w. . . 

Auf die Entstehung aus dem Traum kann auch die Tat- 
sache zurückgolülirt werden, daß der Koitus mit dem Teufel 
in der Regel äußerst schmerzhaft und unangenehm ') war, 
denn dies ist in Angstträumen, in denen ein Koitus vorkommt, 
auch sehr häufig der Fall. 

Einiges kann noch über den Zusammenhang zwischen 
dem Teufelsglauben und den im vorliergehendon Kapitel er- 
örterten hinzugefügt werden. Der erste derselben, der Glaube 
an den Inkubus war ein wesentliches Stück des Teufolsglaubens, 
denn nach orthodoxer Anschauung waren die Inkubi einfach 
Teufel j selbst mit dem unmittelbaren Äquivalent dos Inkubus, 
dem Alp, steht der Teufel in enger Vorbindung ^), die jedoch 
hier nicht verfolgt werden kann, da das Thema ein rein 
mythologisches ist. 

Die Verwandtschaft zwischen dem Toufolsglaubon und 
dem Glauben an Vampire und Worwtilfo ist mehr in ihrem 
gemeinsamen latenten Inhalt als in äußorliclien Ähnlichkeiten 
gelegen, aber auch in letzterer Hinsicht ist manches dahin 
Zielende auffindbar. Der Teufel wurde von den Kirchen- 
vätern gemeiniglich »soolonraubender Wolf« genannt ••) und 

') l>ü Lancre. Op. cit., P. 4G0. 

*) De Cauzons. La magio et la sorcellerio en France, T. I, P. 240. 

^) BrÖTannes. Op. cit., T. llö. 

■*) Grimra. Op. cit., S. 895. 

■') De Lancre. Op. cit,, P. 217. 

«) Roskoff, Op. cit., Baml 2, S. 15ß. 

') Deliio. Les coutroverses ot rochcrclics niagiques, 1611, P. 187. 
Henne am Rliyn. Der Teufels- und Iloxonglaubo, 1892, 8. 08. 

■) Grimm. Op. cit., S. 847 und Naciilrag S. 298. 

") Daß die Verbindung zwisclion Satan und einem Wolf noch heute als natür- 
lich empfunden wird, laßt sich aua Brownings Gedicht, Ivau IvanowitBch ersehen. 



^ 



DER TEUFELSGLÄUBE loi 



in Knuts Gesetzen Avird er direkt als »vödfroca verewulf ^)« 
bezeichnet. Im Mittelalter hieß der Teufel Erzwolf, Archilupus 
und er erschien häufig in Wolfsgestalt. ^) Grimm ^) führt die 
slavischen Namen für den Teufel (Polnisch wrog, Serbisch 
vrag u. s.w.) auf das althochdeutsche warg(=Wolf) zurück 
und der slavische böse Feind Czernobog erschien gewöhnlich 
als Wolf.*) Des mittelalterlichen Teufels Abstammung vom 
Wolfe scheint jedoch in erster Linie germanisch gewesen zu 
sein, insbesondere von den beiden Wölfen Wotans. Wünsche ^) 
schreibt : »Neben Loki wird aber auch dem Fenrirwolf nach 
mehreren mißglückten Versuchen mit einem von den Zwergen 
verfertigten unzerreißbaren Bande von den Göttern eine Fessel 
angelegt. In der Redensart : »Der Teufel ist los«, haben wir 
sicher noch eine Erinnerung an Fenrirs wiederholtes Sich- 
freimachen von den starken Banden und Stricken, die ihm 
von den Göttern um den Hals geschlungen wurden«. Der 
Teufel wurde auch der Höllenwolf genannt und Grimm ^) be- 
merkt: »Der Teufel hat seinen ungeheuren Rachen mit Wolf 
und Hölle gemein«. Ungewöhnlich starke oder wilde Wölfe 
wurden entweder für verkappte Teufel oder für Werwölfe 
gehalten ') und auch die letzteren gelten als vom Teufel er- 
schaffen. ^) Historisch interessant ist der Fall der Angela 
de Sabarethe, die als das erste Weib genannt wird, das — in 
Toulouse, im Jahre 1275 — wegen sexueller Beziehungen 
zum Teufel verbrannt wurde ; als Resultat dieser Verbindung 
gebar sie ein Monstrum mit dem Kopf eines Wolfes und 
einem Schlangenschweif. ") 



1) Grimm. Op. cit,, S. 32. 

=*) Ennemoser. Geschichte der Magie, 2. Aufl., 1844, S. 791. Hertz. 
Der Werwolf, 1862, S, 17. 

*) Grimm. Loc. cit. 

*) Roskoff. Op. cit., Band 1, S. 174. : "' ..^t .:;,-; .; 

&) Wünsche. Op. cit., S. 13. : :. 

") Grimm. Loc. cit. 

') Hertz. Op. cit., S. 18. 

") Der Hexenhammer. Op. cit,, Ereter Teil, S. 155 — 159. 

*) Lamothe— Langon. Histoire de l'ioquiaition en France, 1899, T. 2, 
S. 614. 



^3 

■■,*■ 
■1 



102 DER ALPTRAUM. 



Von den zwei Kardinalpunkteii dos Vampirglaubens, 
nämlich, daß der Vami)ir ein revonant sei und daß er den Schla- 
fenden Blut auszusaugen pflege, ist der erste im Teufolsglauben 
viel stärker ausgepi'ägt, wie oben besprochen wurde. Die einzige 
^ Erwähnung des zweiten Punktes, die ich finden konnte, betrifft 

den altdeutschen Teufel Grendel. Grimm») schreibt von ihm : 
»Er trinkt das Blut aus den Adern und gleicht Vampiren, 
deren Lippen von frischem Blut benetzt sind. In einer alt- 
nordischen saga findet sich ein ähnlicher Dämon, Grünzaogir 
genannt . . ., er trinkt das Blut aus Menschen und Tieren«-. 
Wir können dieses Kapitel mit einigen allgemeinen Be- 
merkungen über den Teufolsglauben beschlielien. Wir haben 
gesehen, daß die infantilen Konflikte, die durch das Verhältnis 
zu den Eltern bedingt waren, ihren frühesten Ausdruck da- 
' durch fanden, daß das Universum mit übernatürlichen Wesen 

bevölkert wurde, die manchmal freundlich, oft gehässig waren, 
stets jedoch versöhnt werden mußten. Bei der Entwicklung 
dieses Glaubens haben Traumerfahrungon wahrscheinlich eine 
j . große Rolle gespielt. Hauptsächlich infolge der Betonung des 

Stammes- oder Nationalstolzes verschmolzen einige Völker, 
vor allem die Juden, nach und nach diese Gestalten und ent- 
wickelten so eine Art Monotheismus, Dies führte jedoch zu 
der Notwendigkeit, die guten und bösen Eigenschaften der 
höheren Machte auf zwei verschiedene Persönlichkeiten zu 
verteilen, so daß das, was dem Guten nahestand, der einen, 
und das, was dem Bösen zugeliörto, der anderen zugeschrieben 
wurde. Das übertriebene Gefühl der Sündhaftigkeit, das für 
das Christentum charakteristisch ist, und der schärfere Kon- 
I trast zwischen Gut und Böse, der dadurch erzielt wurde, 

[ brachten zwar eine erhabenere Auffassung Gottes hervor, aber 

auch bei der Erzeugung des Teufels ein Entsetzen, neben dem 
alle früheren Erfindungen verblassen. In den letzten hundert- 
undfünfzig Jahren und insbesondere während dos letzten 
halben Jahrhunderts hat die Intensität des Teufelsglaubens 
stark abgenommen, der Gottesglaube erwies sich als der 
wurzelfestere der beiden; die psychologische Erklärung dieses 

>) Grimm. Op, cit., S. 849—860. 



':i^ 



DER TEUFELSGLAUBE. 103 



Faktums ist ein interessantes Problem, dessen Erörterung 
uns Jedoch zu weit von dem gegenwärtigen Thema abführen 
würde. Dies geschah nicht ohne heftigen Theologenzwist, da 
es offensichtlich die Schwierigkeit, über die Existenz des 
Bösen in der Welt Rechenschaft zu geben, vergrößerte. 
Dennoch war es notwendig geworden, teilweise wohl wegen der 
höheren Auffassung der Allmacht Gottes und seiner schließlichen 
Verantwortlichkeit für das ganze Weltall, denn diese Erwä- 
gungen machten den Teufelsglauben in seinem inneren Wesen 
überflüssig. Das Problem des Bösen, das den Theologen stets 
im Wege gewesen ist, da es sich von theologischen Voraus- 
setzungen aus nicht auflösen ließ, wurde als Ganzes umgangen, 
indem man zu dem im 5. Jahrhundert entwickelten Glauben 
Zuflucht nahm, daß die Übel der Welt als Strafe oder als 
unbegreifliches Besserungsmittel zum heilsamen Fortschreiten 
in der Erkenntnis, zur Übung in der Geduld im Hinblick 
auf eine bessere Zukunft zu betrachten seien. ^) Wie lang 
sich die Menschheit mit diesen Sophismen begnügen wird, ist 
ungewiß; der Erfolg der Lehre Mrs. Eddys, daß das Böse 
nicht objektiv, sondern nur subjektiv existiert ^), kann als 
Zeichen einer wachsenden Unzufriedenheit des Volkes mit 
diesen orthodoxen Erklärungen aufgefaßt werden. 

Doch der Teufel stirbt nicht leicht. Werwolf und Vam- 
pir hatten für den Kulturmenschen längst ihre Schrecken ver- 
loren, nicht einmal mehr die Kinder mochten sie fürchten und 
auch das Alpdrücken des Hexenwahns hatte Europa von 
sich abgeschüttelt, nur Satan wioh nicht. ^) Von Zeit zu Zeit 
lesen wir bis zum heutigen Tage in den Zeitungen von einem 
geistlichen Exorzismus einer hysterischen Person als vom 
Teufel besessen *) und der Glaube an einen buchstäblichen 

') Roskoff. Op. cit., S. 267. 

») Vgl. Hamlets Behauptung: »There is nothing either good or bad, but 
tliinking makes it.« 

ä) Freimark. Op. eit,, S, 334. 

*) Man wird es kaum glauben, daß ich wälirend meiner Praxis in Kanada 
(1911) erhebliehe Schwierigkeiten mit einem Arzte (!) hatte, der einen Fall 
von Dementia praecox mit Vorlesungen aus der Bibel behandeln wollte, um 
den Teufel, von dem er fest überzeugt war, daß er sich in dem Kranken be- 
fände, damit auszutreiben. 



tr: 



104 DER ALPTRAUM. 



Teufel wird noch von der katholischen Kirche offiziell fest- 
gehalten und von einem großen Teil der Geistlichkeit anderer 
Kirchen. Eine der Szenen der letzten Jahre dos erleuchteten 
19. Jahrhunderts, die es verdient, in der Geschichte weiter 
zu leben, war der berühmte Miß Vaughan-SchwindeP), bei 
welchem der Papst Leo XIII. und mehrere Bischöfe eine Dame 
offiziell segneten, die, obgleich aus der Vereinigung ihrer 
Mutter mit dem Teufel stammend, die Kirche triumphierend 
gerettet hatte; im nächsten Jahre (1897) gestand Taxil, daß 
nicht nur alles eine Lügengeschichte sei — der Teufelsbund 
mit eingeschlossen — , sondern auch daß die Dame selbst ein 
Produkt seiner Einbildungskraft war. 



VII. Die Hexenepidemie, 

Die Probleme des Hexonaberglaubens sind komplizierter 
als die des Teufelsglaubens, obgleich sie mit ihnen nahe ver- 
wandt sind ; denn einerseits wirkten beim Aufbau dos Hexen- 
glaubens noch zahlreichere Faktoren mit und anderseits haf- 
tete er nicht an Phantasiewesen, sondern an wirklichen Menschen. 
Infolge dieser Tatsache ist es anzunehmen, daß einige Bestand- 
teile von den Betroffenen selbst geliefert wurden, wenn auch 
das meiste aus äußeren Quellen stammt. Wie viele von den 
Verfolgten wirklich von der Realität der angeblichen Vorfälle 
überzeugt waren, wird sich nie ermitteln lassen. Sicher ist, 
daß viele nicht daran glaubten, denn nachdem sie unter grau- 
samen Torturen ein Geständnis abgelegt hatten, beichteton 
sie ihre Unschuld dem Beichtvater, unter der Bedingung, daß 
er nichts davon verlauten lasse, damit sie ohne neuerliche 
Tortur hingerichtet würden. In manchen Fällen war allerdings 
die Natur jener erdichteten Ereignisse und der Geisteszustand 
der Opfer derartig, daß diese an die Wirklichkeit der Ver- 
brechen, wegen deren sie angeklagt waren, nicht im mindesten 
zweifelten. 



1) Kemmerich, Kultur Kuriosa, S. 229—234. 



DIE HEXENEPIDEMIE, 105 



, Wie im vorhergehenden Kapitel können wir mehrere 
verschiedene Probleme unterscheiden, inbesondore: 

1. Die Erklärung der Fundamente der Hexen Vorstellung, 

2. Den Grund für den Ausbruch der Epidemie an einem 
bestimmten Zeitpunkte und 

3. Ihr Verhältnis zum Alptraum. 

Die hier aufgestellte These lautet, daß der Hexen- 
glauben im wesentlichen eine Projektion ver- 
drängter sexueller Wünsche des Weibes dar- 
stellt, insbesondere jener, die sich auf das weib- 
liche Gegenstück zum Ödipus- Komplex beziehen, 
nämlich die Liebe zum Vater und den Neid und 
die Feindseligkeit gegen die Mutter, Ebenso wie das 
Kind das Bild des Vaters in seine wohltätigen und böswilligen 
Züge auseinanderlogt und damit den Glauben an Gott und Teufel' 
ermöglicht, so teilt es auch die Mutter in die beiden Hälften, 
woraus sich der Glaube an Göttinnen (Mater Dei) und weib- 
liche Teufel entwickelt. Die Bemerkung Riklins i), daß die 
Erfindung von Riesinnen und Hexen u. s. w. die Stellung- 
nahme des Mädchens gegen die Mutter als sexuelle Rivalin 
ausdrückt, fällt mit dem Kern der gegenwärtigen These zu- 
sammen. Ferner werden wir sehen, daß beide Geschlechter 
ebenso zur Erfindung der Hexen wie zu jener des Teufels 
beigetragen haben. 

Vor Behandlung der historischen Seite des Hexen- 
glaubens wird es sich empfohlen, seine Hauptmerkmale zur 
Zeit der vollsten Blüte zu erörtern. Diese lassen sich kurz 
in zwei Gruppen zusammenfassen, und zwar diejenigen, welche 

I. sich auf den Umgang der Hexe mit dem Teufel 
beziehen, 

n. sich auf das Verhältnis zu den Mitmenschen beziehen. 

Diese Gruppen waren ursprünglich voneinander unab- 
hängig und wurden erst im 13. Jahrhundert vermengt; um 
dieselbe Zeit wurde eine dritte hinzugefügt, nämlich die 
Ketzerei, d. h. Tatsachen, die sich auf ihr Verhältnis zu 
Gott bezogen. 

•) Riklin. Wunscherfüllung und Symbolik im Märchen, 1908, S. 74. .; 



106 DER ALPTRAUM. 



Für die eigontliche Hexonepidomic war die dritte Vor- 
stellungsgruppo am wonigsten charakteristisch, so daß wir sie 
zuerst erledigen können. Obgleich sie das Element ist, das 
am wenigsten die eigentliche Hexe von dem alten Zauberer 
und Wahrsager scharf unterschied, da sie eher als eine direkte 
Fortsetzimg der Attribute jener gelten darf, kam ihr doch für 
die Hexenverfolgung die allerhöchste Bedeutung zu. Wie 
bekannt, ging die Initiative zu jener Verfolgung von der 
Kirche aus, deren Streben auf die Ausrottung der Kotzeroi 
und Vernichtung der Macht des Teufels gerichtet war. Die 
Laienschaft, deren ursprüngliches Interesse an dem Unternehmen 
nicht sehr stark war, wurde zur Unterstützung der Kirche durch 
die geschickte Kombinierung der Objekte dieser Verfolgung mit 
der alten Auffassung von schädlicher Zauberei (Maloficium) 
bewogen. Durch die Furcht vor der letzteren aus ihrer Ruhe auf- 
geschreckt, verband sie sich mit der Kirche, um die vorhaßten 
Quellen des Maloficium zu zerstören, die nach der Erklärung 
der Kirche mit denen der Ketzerei und des Teufelspaktes 

identisch waren. 

Die schädlichen Einwirkungen der Hexen erstreckten 
sich von kleinen Bosheiten bis zu den schwersten Verletzungen, 
selbst den Tod miteingeschlossen. Ihre genaue Überprüfung 
zeigt meiner Meinung nach, daß die Angst, die sich hinter dem 
Glauben an dieses Maloficium verbarg, die im tiefsten Grunde 
der Menschcnseele ruhende Angst vor Unfähigkeit oder Ver- 
sagen der sexuellen Funktionen war. (Beim Manne : »Kastra- 
tions-Komplexs beim Weibe : »Angst vor der Kinderlosigkeit.^) 
Der Grund hiofür ist, daß fast alle Fälle von Verhexen sich 
entweder direkt auf die Erzeugung von Impotenz (oder Steri- 
lität) beziehen, oder symbolische Darstellungen dafür sind. 

In erster Linie ist zu beachten, daß die häufigste Spezi- 
alität der Hexenkunst in der Einmischung in die sexuellen 
Funktionen, besonders bei der Erzeugung der Impotenz be- 
stand. Hanseni) bemerkt: »Die Behexung trifft weitaus am 
häufigsten die geschlechtlichen Beziehungen zwischen Mann 

1) Hausen. Zaubcrwalin, Inquisition und Hexonprozosae im Mittolalter, 
1900, S. 479. 



V» 



DIE HEXENEFIDEMIE. 107 

und Weib.« In der berühmten Hexen-Bulle^) wird das Male- 
ficium in sieben Funkten behandelt, von denen sechs die 
sexuellen Funktionen betreffen und einer die Verwandlung in 
Tiei-e. Der bekannte Malleus Malificarum^) widmet vier Kapitel 
einer eingehenden Erörterung der Frage, auf welche Weise 
diese Impotenz zu stände gebracht wurde, und betont, daß im 
Gegensatz hiezu die Hexerei andere natürliche Funktionen 
nicht beirren kann, wie z. B. Essen, Gehen u. s. w.^); die 
verschiedenen Methoden, durch die der Penis woggehext 
werden kann, sei es in Wirklichkeit oder durch Augentäuschung, 
werden ebenso gründlich besprochen. Ein Lieblingsmittel 
war die Benützung der ligature de P aiguillette, mit der, wie 
Brevannes*) konstatiert, nicht weniger als 50 verschiedene 
Prozeduren vorgenommen werden konnten. Im 15. und 
16. Jahrhundert war diese so häufig im Gebrauch und 
so allgemein gefürchtet, daß es Sitte wurde, die Hoch- 
zeiten im geheimen abzuhalten, um Bezauberungen zu ent- 
gehen. Das Hexenmaleficium vermochte in derselben Richtung 
noch weitere Wirkungen zu entfalten. Durch seine Anwendung 
konnte die Liebe zwischen einem bestimmton Manne und 
einem Weibe vernichtet, Unfruchtbarkeit der Frauen und 
Zeugungsunfähigkeit der Männer herbeigeführt, die intrauterine 
Frucht zerstört und Mißgeburten hervorgebracht worden.^) 
Selbst wenn alle diese Gefahren vermieden waren, war das 
Neugeborene noch nicht in Sicherheit, denn Hexen fraßen mit 
Leidenschaft kleine Kinder, welcher Gefahr ungetaufte ganz 
besonders ausgesetzt waren. 

^) Zitiert im Hexenhammer. Deutsclie Übersetzung von Schmidt, 1906, 
Erster Teil, S. 107. 

*) Der Hexenhamnier. Op, cit., Erster Teil. Kap. 8, 9 und zweiter Teil 
Kap. 6, 7, Siebe Pg. 131, 143 — 145 bezüglich der Differential-Diagnose zwischen 
Impotenz aus natürlicher Kälte und Impotenz infolge Behexung, und Hansen. 
Op. cit., S. 88—92, 166 über die Bedeutung dieser Unterscheidung für die 
Ehetrennung. ;r ; • • 

') Der Hexenhammer. Op. cit.. Erster Teil, S. 127. 

*) Brevannes, L'orgle satanique ä travers les siöcles, 1904, P. 71. 

*) Diese und viele andere in diesem Kapitel erwähnten Einzelheiten 
sind Hansen entnommen. 



¥ 



108 DER ALPTRAUM. 



r> 



Die meisten anderen Fälle des Maleficiura symbolisieren 
dieselbe Furcht. Die nächst häufige war die Vernichtung der | 

Ernte durch Regen oder Hagelwetter oder die Kunst, ein 
Feld, das einer bestimmton Person gehörte, unfruchtbar zu 
machen; in allen Epochen bestanden innige Assoziationen 
zwischen der Fruchtbarkeit der Menschen und der Natur, 
was nebst vielen anderen die Tatsache beweist, daß die- 
selben Götter beide beschützten. Auch die geringeren Fälle 
von Hexerei gestatten dieselbe Auslegung. Unter diesen waren 
die gewöhnlichsten, die Milch sauer zu machen (d. h. den 
Samen zu beschädigen), das Buttermachen zu hindorn (auf 
dessen symbolische Bedeutung Abraham') hingewiesen hat), 
und die Bewegungen der Spindel (d. h. die Tätigkeit der 
Maschine),'*) zu beeinflussen. 

Die einzige Körperfunktion, außer den sexuellen, welche 
die Hexen beeinträchtigen könnten, war das Urinieren, das 
bekanntlich mit der Sexualbetätigung im engen, besonders 
symbolischen Zusammenhang stoht^) ; diese Verletzung wurde 
in Frankreich »cheviller« *) genannt. 

Der Glaube, daß durch Hexerei Krankheit 'O und Tod 
verursacht werden könne, hat auch auf denselben Komplex 
Bezug, denn man findet in der Psychoanalyse oft, daß eine 
außergewöhnlich starke Furcht in dieser Richtung durch eine 
tieferliegende Angst vor Impotenz bedingt wird, mit der die 
anderen Vorstellungen sich leicht assoziieren. Eine weitere 
Quelle für diesen Glauben bildet ihre Assoziation zur Vor- 
stellung eines sadistischen Überfalles; das Volksdenkon sieht 
in Krankheit und Tod meist die Folgen des Angriffes eines 
übelwollenden Dämons, der den Menschen überwältigt. Diese 
Behexung wurde mit Gift, und zwar entweder mit materiellem 
oder mit unkörperlichem, ausgeführt; Gift, d. h. eine Flüssig- 

*) Abraham. Traum und Mytlius, 1909, S. 66. 
^ Siehe Freud. Die Traumdeutung, 3, Auflage, 1911, S. 211. 
') Siehe Sadger »Über ürethralerotik«. Psychoanalytisches Jahrbuch«, 
1910, Band 2, S. 409. 

*) Collin de Plancy. Dictionnaire infernal, 1818, Z. I, P. 7. 
=) Grimm. Deutsche Mythologie, Vierte Ausgabe, 1876, S. 965. 



DIE HEXENEPIDEMIE. 



109 



keit, die, in den Körper aufgenommen, ernste Folgen nach 
sich zieht, ist ein gewöhnliches unbewußtes Symbol für Samen 
(vergleiche die Wahnideen der Verrückten, daß jemand sie 
vergiften wolle). 

Es ist bemerkenswert, daß fast alle Zaubermittel, die 
das Maleficimn verhinderten, sexuelle Symbole waren. Die 
am häufigsten gebrauchten scheinen Salz ^) und Hufeisen ge- 
wesen zu sein. Wie bereits erwähnt wurde, ist Salz in der 
Sitte der Völker ein weit verbreitetes Symbol für Samen und 
Fruchtbarkeit. Salz und Brot (Symbol der Faeces, infan- 
tiles Sexualmaterial) 2) wurden auch gegen die Hexerei häufig 
angewendet ^), da die Mischung der beiden die Fruchtbarkeit 
symbolisiert.*) Das Hufeisen, dieser allgemein bekannte Glücks- 
talisman, wurde auch häufig zur Abwehr der Hexen-'*) be- 
nutzt; Lawrence^), der den Volksglauben hinsichtlich des 
Hufeisens ausführlich behandelt, nennt es »das Gegenmittel 
par excellence gegen Hexerei«. Daß hier ein Stück Vulva- 
Symbolik vorliegt, wurde gerechterweise allgemein anerkannt. 
Andere Dinge von ähnlicher Gestalt und Bedeutung wurden 
für denselben Zweck in Gebrauch genommen ; so nannte man 
infolge dieses Zusammenhanges Steine, durch die ein Loch 
gebohrt war, »Hexensteine«.') In Butlers Hudibras (H. 3. 291) 
werden mehrere Symbole zusammengebracht; es heißt dort, 
ein Geisterbeschwörer könne mit Sicheln, Hufeisen und aus- 
gehöhlten Feuersteinen böse Geister verjagen. An anderen 
Gegenmitteln wären zu erwähnen : ein aufgerichtetes Messer *), 

') Soligmann. Der böse Blick und Verwandtes, 1910, Band 2, S. 34. 
WuttkG. Der deutsche Volksaberglaube der Gegenwart, 1900, S. 95, 258, 281. 

*) Siehe Freud. Sammlung kleiner Schriften zur Neurosenlohre, Zweite 
Folge, 1909, S, 168. 

») Grimm. Op. cit., Nachtrag, S. 4B4. Seligmann. Op. cit., S, 37. 

*) Aigremont. Fuß- und Schuhsymbolik und Erotik, 1909, S. 55. 

^) Brand, Populär Antiquities of Great Britain, 1849, Vol. III, Pp. 16, 17. 

") Lawrence. The Magic of the Horse-shoe, 1899, P. 88. 

*) E. H. Meyer. Germanische Mythologie, 1891, S. 119, 187. Dalyell. 
The Darker Superstitions of Seotland, 1835, P. 140. 

«) Wuttke. Op. dt,, S. 259. -'--\ ■'■ ■ ^^ v' : - 



■diiii 



110 DER ALPTRAUM. 



ein Besenstiel '), ein Pferdeschädel '■^) und ein Drudenfuß '') ; 
die beiden ersten sind männliche Symbole, die anderen 
bisexuelle. ' ' ' ; - ' '. v 

Die Erklärung dieses Massenglaubens an das Hexen- 
malefieium ist nicht einfach, obgleich er eine sehr allgemeine 
Grundlage haben muß, da etwas ähnliches in allen Epochen 
der Menschheit zu finden ist. Im allgemeinen besteht die 
engste Beziehung zwischen Zauberei und Sexualität, wie 
Bloch, Hansen und andere nachgewiesen haben*), so daß der 
Verdacht wohlberochtigt ist, daß die Quelle des Hexonmalo- 
ficium, das sich in starkem Ausmaße auf die Frage der 
Impotenz bezog, gleichfalls sexueller Natur sein müsse. 
Hansen ■''') hat folgende Erklärung beigebracht, die wenigstens 
auf den Fall, daß geradezu Impotenz herbeigeführt wird, 
anwendbar ist : Er führt ihren Ursprung in den Orient 
zurück und sagt, »sie dürfte in der Vielweiberei, und zwar 
gleichmäßig in der natürlichen Eifersucht der Frauen eines 
Mannes und der psychischen Entnervung dieses Mannes ihren 
Ursprung haben. Diese Art von Maleficium liat einen aus- 
gesprochen weiblichen Charakter; sie hat viel dazu beige- 
tragen, ältere, auf die Liebeserfolgo der jüngeren eifersüch- 
tige Frauen in den Vordacht der Hexeroi zu bringen.« Zwei 
Erwägungen bestätigen diese Meinung Hansens. 1. Die Tat- 
sache, daß im Mittelalter der Verlust an Männern in den 
zahlreichen Kriegen so groß war, daß die sozialen Bedingungen 
denen des Orients angenähert waren; in Deutsehland war 
aus diesem Gi-unde die Polygamie durch Sondergosetze, die 
zu diesem Endo erlassen wurden, wirklich erlaubt worden. 
Auf die Bedeutung der Kreuzzüge in dieser Richtung hat 
Buckle hingewiesen.") '2, Die neuere psychiatrische Erkenntnis 

>) Wuttko. Op. cit., S, 130. 

'■*) Lawrence. Op. cit., P. 87. 

") Grimm. Op. eit., Nachtrag, S. 450, 4b9. 

*) Bloch. Das Sexualleben unserer Zeit, 2, Aufl. 1907, S. 128. Hausen, 

Op. cit., S. 25. 

■') HanseM. Op. cit., S. 12. 

*) Buckle. Hiatory of Civ^ilii^ation in England, 1857, Worlds Classics 

Edition, Vol. 1, P. 129. 



r 



DIE HEXENEPIDEMIE. 



111 



der engen Verbindung zwischen Impotenzgedanken und Eifer- 
sucht. Hansens Auffassung läßt Jedoch den panikartigen 
Schrecken der Männer, die schließlich doch wissen mußten, daß 
sie potent seien, noch immer völlig unerklärt. Die Vorstellung- 
muß an einer in ihrem Innern bereits vorhandenen Furcht 
Widerhall gefunden haben. Wir können annehmen, daß zu 
einer solchen Zeit die ungenügende Gelegenheit für die Frauen, 
hinreichende Befriedigung zu finden, der Frage der männlichen 
Potenz eine besonders stark empfundene Bedeutung gab. Auch 
ist es bekannt, daß diese Angt bei Männern ebenso häufig 
als tiefgewurzelt ist. Die psychoanalytische Untersuchung hat 
gezeigt, daß sie ihre Wurzehi in der frühesten Kindheit hat, 
in der Furcht des Knaben, daß ihm die Eltern den Penis, 
wie irgend ein anderes Spielzeug wegnehmen werden, wenn 
er schlimm ist, d. h., wenn er für ihn zu viel Interesse zeigt 
oder mit ihm spielt. Es ist im Wesen eine Furcht vor dem 
Vater. Ich möchte den Ausbruch, der diese Angst in Ver- 
bindung mit den Hexen bringt, als Verschiebungs-Mechanismus 
ansprechen. Man darf nicht vergessen, daß der Teufel die 
wesentliche Quelle und das gebietende Oberhaupt der Hexen- 
kunst war; diesen haben wir aber bereits als Personifikation 
des feindliehen Vaters kennen gelernt. Ferner wurde bis 
zum dreizehnten Jahrhundort das Maleficium meist durch 
Männer, Zauberer ausgeübt; erst nach diesem Zeitpunkte 
übertrug die Kirche im Dienste ihrer eigenen Zwecke die 
ursprünglichen Attribute der älteren (männlichen) Zauberer 
auf die neue Gattung der Hexen. Zweifellos hat Hansen 
ebenfalls recht mit seiner Vermutung, daß die weitverbreitete 
Eifersucht der alten Weiber, durch die sozialen Einrichtungen 
begünstigt, die Furcht unterstützte und zur Lokalisierung 
bei den alten Hexen beitrug. Eine ähnliehe Angst auf Seite 
der Frauen, die sich hauptsächlich, aber nicht ausschließlich 
auf Schwängerung und Geburt bezog, war unzweifelhaft ein 
weiterer Faktor; die Hexe personifizierte dann die gehaßte 
Mutter, welche die geheimen Genüsse des Mädchens störte. 
Schließlich sei daran erinnert, daß das Menschenherz stets 
bereit ist, infolge der eigenen feindlichen oder verbrecherischen 



H2 DER ALPTRAUM. 



Wünsche Schmerz, Unglück u. s. w. zu ahnen und zu fürchten. 
Freud ^) hat darauf hingewiesen, daß der Aberglaube nichts 
anderes ist, als die Projektion unbewußter Gedanken. 
■■■:' Die Ansicht, daß die Hexen (und Zauberer) mit Attri- 
buten ausgestattet waren, die von der Vorstellung des Kindes 
von seinen Eltern horgenonimon wurden, wird durch die Tat- 
sache gestützt, daß ihre Handlungen nicht immer feindselig 
gegen gewöhnliche Menschen waren, sondern oft freundlich. 
Durch mannigfache Versöhnungsmittol konnten sie, gradoso 
wie Gott und der Teufel, dazu voranlaßt worden, ihre über- 
natürlichen Kräfte in den Dienst Hilfsbedürftiger zu stellen. 
So wurde ihre Fähigkeit, Dinge, die sich in der Ferne er- 
eigneten, zu sehen und zukünftige Ereignisse vorherzusagen, 
oft in Anspruch genommen. Am häufigsten wurde jedoch 
ihr Beistand erbeten, um Liebe zu orwockon (Liebes-Philter, 
Liebes-Araulette u. s. w.) oder zu vernichten, wenn ein 
gehaßter Rivale vorhanden war ; die Hexen gingen ge- 
legentlich so weit, den Liebhaber durch die Luft auf ihrer 
Ziege zur Geliebten zu tragen. '^) Sie konnten sogar voran- 
laßt werden, die angezauberte Impotenz zu lioilon ; im Hinblick 
darauf sagt Seligmann •'): »eine Hexe heilte die Männer, indem 
sie mit ihnen während einer Naclit im Ehebett schlief«. 

Wir kommen nun zur zweiten Gruppe, welche den Um- 
gang der Hexe mit dem Tenfcl behandelt, und die das 
Kardinalmerkmal der Hoxonopidemio bildet. Das Toufels- 
bündnis war die Hauptanklago bei den Hoxonprozessen, viel- 
leicht, weil es nach der Natur der Umstände leichter »bewiesen« 
werden konnte als das Maleficium oder die Ketzerei ; vielleicht 
auch, weil die Richter dieses Thema weit anziehender fanden 
als die anderen. Wuttko ■•) konstatiert : »Hauptgogonständo 
der Anklage waren der, meist auch goschlochtliclio, Verkehr 
mit dem Teufel, die Hexonfahrt durch die Luft und der dort 

') l'reud. Zur raychopathologio doB AlUngslobouB, 3. Aufl., 1910, S. 134. 
») Burton. The Analomy of Molnnclioly, 182«, Editimi. Vol. 1, T. 79, 
und Vol II, P. 289. 

*) Seligmann. Op. cit., Uaiul 1, S. 8.35. 
*) Wuttke. üp. dt., S. 158. 



DIE HEXENEPIDEMIE. 



113 



mit Tanz, Schmaus und oft auch mit Unzucht gefeierte Hexen- 
sabbat, wo dem Teufel gehuldigt und manchmal geopfert 
wurde ; die Schädigung von Menschen und Vieh erscheint da- 
gegen als Nebensache.« Soldan i) nennt ebenfalls den Teufels- 
bund den »Kern« der Hexenprozesse. Ennemoser*) schreibt: 
»Dem späteren Begriff der Hexen ist unzüchtige Buhlschaft 
wesentlich, sie besiegelt das geschlossene Bündnis und verleiht 
dem Teufel freie Macht über die Zauberinnen, ohne diesen 
Greuel kommt überhaupt keine Hexe vor.« Roskoff *) sagt: 
»Das spezifische Hexenwesen der eigentlichen Periode der 
Hexenprozesse beruht nicht mehr bloß auf der Abweichung 
von Glaubens- und Lehrsätzen der Kirche, sondern, wie aus 
der Bulle Innozenz VIH. und dem Hexenharamer ersichtlich 
ist, lautet die Anklage vornehmlich auf: »Bündnis mit 
demTeufel und vertrautesten Um gang mit demselben.« 
Es kann nicht der leiseste Zweifel darüber bestehen, daß 
der eigentliche Wesenszug dieses Bündnisses die sexuelle Be- 
ziehung war. Die älteren Autoren, wie Bodin *), De Lauere, **) 
die Verfasser des Malleus **) und die anderen sind in 
diesem Punkte völlig einig. So sagt, um nur einige der 
letztgenannten zu zitieren, Hansen '') : »Jede Hexe steht in 

geschlechtlichem Verkehr mit dem Teufel Gerade 

durch diesen Verkehr wird das dauernde Verhältnis zwischen 
Hexe und Teufel unterhalten.« Bloch ®) : »Der Begriff des 
Weibes als Hexe drehte sich fast nur um das Geschlechtliche, 
das meist als »Teufelsbuhlschaft« vorgestellt wurde.« 
Quanter ») : »Die sexuellen Exzesse mit dem Teufel waren 

') Soldan. Geschichte der Hexenprozease. Bearbeitet von Hoppe, 1880, 
Band 2, S. 397, 

») Ennemoser. Geschichte der Magie. Zweite Auflage, 1844, S. 844. 

3) Boskoff. Geschielite des Teufels, 1869, Band 2, S, 213. 

«) Bodin. De le d^monomanie des sorciers, 1593, P. 208 u. s. w. 

5) De Lanere. Tableau de l'inconstance des mauvais angas et d^mons, 
1612, Li vre III, Disc. V. 

B) Der Hexenhammer. Op, cit.. Erster Teil, S. 108 u. s. w. 

') Hansen. Op. cit., S. 481. 

«) Bloch. Op. eit., S. 129, 

») Quanter. »Der Hexenglaube des Mittelalters.« Geschlecht und Ge- 
sellseliaft, 1910, Band 5, S. 3S7, 



Jones, Alptraum. 



8 



114 



DEK ALPTRAUM. 



das einzige, was mit breitem Behagen den Hexen nachgesagt 
wurde,« Nyström^): »Das spezifische der Hexonprozesse in 
ihrer eigentlichen Periode bestand in der Beschuldigung der 
Teufelsbündelei und des Geschlechtsverkehrs mit dem Teufel.« 
Es wurde geradezu geglaubt, daiJ die Hexe ihre Zaubermacht 
erst nach dem Geschlechtsverkehr mit dem Teufel erhielt.^) 
Der Glaube an die Buhlschaft mit dem Teufel gründet 
sich offenbar auf jenen an die Unbefriodigung und geschlecht- 
liche Bedürftigkeit, die allgemein und vielleicht mit Recht als 
Charakteristikum der .Frauen mittleren Alters angesehen 
wird. Da der Teufel die symbolische Personifikation des 
Vaters ist, sind in letzter Linie unbewußte inzestuöse Wünsche 
die Quelle des Glaubens. Dieser Umstand gewann, wie bereits 
ausgeführt wurde, im Mittelalter eine ganz besondere Be- 
deutung ; weitere Beweise für diese Auffassung des Problems 
sollen sogleich hinzugefügt werden. Geradeso wie manche 
Frauen, die Mystikerinnen und Heiligen, ihr Begehren da- 
durch befriedigten, daß sie es an die Gottosidoe liefteten, so 
fanden andere auf einem weniger durchgeistigten Wege ihre 
Befriedigung an den fast synonymen Vorstellungen des In- 
kubus, Dämon oder Teufel. Der Unterschied zwischen den 
beiden Vorgängen ist, wie Maury'') sehr richtig bemerkt hat, 
weit geringer, als dies auf den ersten Blick orsclieint. 

Wenn wir nun die Beziolmng zwischen Hexe und Teufel 
mehr im Detail betrachten, können wir den Gegenstand am 
bequemsten in drei Teile zerlegen, nämlich das Verhalten 
der Hexen 

1. auf dem Sabbat, 

2. auf dem Wege zum Sabbat, 

3. zu Hause. 

Der Sabbat selbst ist von zahlreichen Autoren so lebendig 
beschrieben worden, daß hier keine vollständige Darstellung 



^) Ny ström. Christentum und froios Denken, 1909, S. 294. 

^) Alpenburg. Mythen und Sagen Tirols, ISß?, S. 256. 

=>) Maury. La magie et i' afltrologie, 18(50, 2. Partie, Cli, III. 
mystiques rapprochos des sorciers,« Siehe insbegond. Pp. 405, 406, 410, 411. 
Ebenso Steingießer, »Das Geschlechtsleben der Heiligen*, 1908. 



»Los 



^I>r 



DIE IIEXENEriDEMlE. 



115 



gegeben werden muß. Für unseren Zweck genügt es, die 
beiden wichtigsten Züge zu betonen, seine im wesentlichen 
sexuelle Natur und die Parodie der religiösen Zeremonien. 
Der Sabbat war kein ordnungsloses Durcheinander, sondern 
bestand in einer Reihe mit mehr oder weniger Genauigkeit 
ausgeführter Zeremonien.^) Diese waren der Reihenfolge 
nach: Der Einzug und die Prozession, die Huldigung vor 
Satan, die schwarze Messe, der Sabbat -Tanz und schließlich 
die sexuelle Orgie, bei der inzestuöse Akte zwischen den 
nächsten Verwandten ausgeführt wurden. 2) Das Inzest-Element 
tritt also sowohl durch diese Tatsache als durch die Ver- 
einigung mit dem Teufel an die Spitze. Die Parodie der 
christlichen Riten ging bis ins feinste Detail und wird von 
den meisten der alten Autoren mit unwilligen Komentaren 
versehen. 3) Grimm*) führt dies auf den vom Neid eingege- 
benen Wunsch des Teufels, Gott nachzuäffen, zurück, aber 
eine tiefere Erklärung liegt darin, daß die symbolische Be- 
deutung der beiden Gruppen von Zeremonien fast identisch 
ist ; der Hauptunterscliied ist der, daß die zu Grunde liegenden 
Komplexe im Fall der Vereinigung mit dem Teufel weit un- 
mittelbarer dargestellt werden. 

Die im Mittelpunkte stehende Zeremonie der schwarzen 
Messe-'*) kann als im höchsten Grade symbolisch für diese 
Vereinigung angesehen werden, und deshalb auch der Sabbat 
selbst. Bei dieser diente die jüngste und schönste Hexe, die 
Königin des Sabbat, als Altar •"•), nachdem sie mit dem Urin 

1) Miehelet. La Sorciere, 3. Edition, 1863, Pp. 147 — 167. 

**) Kiesewetter. Geschichte des Okkultismus, Band 2, S. 461. De 
Lancre. Op. cit., P. 223. 

3) Z. B. De Lanere. Op. cit., P. 460. 

") Grimm. Op. cit., S. 895. 

5) Laurent und Nagous, Okkultismus und Liebe, Deutsche Ausgabe, 
1903, S. 139, 135, 246. Brevannes. Op. cit., Pp. 120—185. 

«) Cox. The Mythology of the Aryan Kations, 1870, Vol. II, Pp. 113 bis 
121. Inman. Ancient Pagan and Modern Christian Symbolisiu, Second 
Edition 1874, P. 74, und andere haben auf die weibliche Symbolik des Altars 
im allgemeinen hingewiesen. Der weibliche Körper hat zu verschiedenen 
Zeiten als Altar gedient, sogar, wie festgestellt wurde, bei den ersten Christen 
(Brevannes. Op, cit,, P. 38). ,. ■ 



116 



DER ALPTRAUM. 



des Teufels getauft worden war, wobei das Zeichen des 
Kreuzes verkehrt und mit der linken Hand geschlagen wurde. 
Wenn sie sich dann der Länge nach hingelegt hatte, wurde 
die heilige Hostie so bereitet, daß auf ihrem Hintern ein 
Gemenge des ekelhaftesten Materials — Faeces, Menstrual- 
blut, Urin und verschiedener Unrat — durcheinander ge- 
knetet wurde ; dies stellte die berühmte Confarreatio vor, 
die Nahrung der schmachvollsten Liebe. Es ist nicht not- 
wendig, in die Symbolik der Einzelheiten dieses Vorganges 
einzugehen, denn dies würde uns zu einer Erörterung der 
Bedeutung der Nekrophilie, Theophagio und anderer Gegen- 
stände, die mit unserem gegenwärtigen Thema nichts zu tun 
haben, zwingen. Es möge genügen, daß diese Symbolik, die 
Pf ister ^) in Verbindung mit zwei Mystikern nachgewiesen hat, 
durchgängig sexuell ist. 

Die Art der Hinreise zum Sabbat (Hexenfahrt) war eine 
Frage, welche die Theologen des Mittelalters sehr beschäftigte. 
Es wurde allgemein angenommen, daß sie als Plug durch 
die Luft ginge, doch die Meinungen gingen darüber ausein- 
ander, ob der Leib selbst von einem Ort an den anderen 
versetzt wurde oder nur die Seele. Schließlich entschied 
man sich für die erste Annahme und schloß, daß der schlafende 
Leib, der zurückbliob, nur ein Erzeugnis des Teufels zur Täu- 
schung des Gatten der abwesenden Hexe sei. Die Quellen 
des Glaubens an eine solche Nachtfahrt sind mannigfaltig, 
doch sie stehen alle im engsten Zusammenhang mit den 
Träumen und der Sexualität. Regius vom Prüm^) sprach es 
sogar schon im 10. Jahrhundert aus und Johann von Salisbury •*) 
im 12., daß der Glaube eine durch die Traumerfahrung hervor- 
gerufene Täuschung sei, und dies war auch die Meinung Weiers 
und vieler anderer ; sie wird auch allein durch die Tatsache, 
daß die Nachtfahrt fast immer nur dann vorkam, wenn die 
Person in tiefem Schlafe lag''), sehr nahegelegt. Die Über- 

■) Pfiater, Die Frömmigkeit des Grafen Ludwig von ZinÄondorf, 1910, 
S. 76, 77, 113. 

^) Zitiert bei Hansen. Op. eit., S. 80. 

*) Zitiert bei Hansen. Op. cit., S. 139. 

*) Bodin. Op. cit., Pp. 184, 185. 






DIE HEXENEPIDEMIE. 



117 



einstimmung zwischen zahlreichen Beschreibungen der Hexen- 
fahrt und gewissen typischen Träumen ist so vollkommen, 
daß an der Richtigkeit dieser Erklärung nicht der leiseste 
Zweifel bestehen kann.^) Es ist ebenso gewiß, daß der Sinn 
der fraglichen Träume sexueller Natur ist, wie sogleich im 
Detail nachgewiesen werden soll. 

In dem in Rede stehenden Glauben sind drei verschiedene 
Vorstellungen enthalten, jene des Reisens, Fliegensund Reitens. 
Die Psychoanalyse hat gezeigt, daß Reiseträume fast 
stets mit sexuellen Motiven assoziiert sind. Als Beispiele 
dienen die Erkundung unzugänglicher Örtlichkeiten, Todes- 
wünsche gegen gehaßte Nebenbuhler, Flucht mit dem geliebten 
Elternteil fort von dem rivalisierenden u. s. w. ; der Gegenstand 
wurde in den vorhergehenden Kapiteln bereits teilweise be- 
sprochen. Die Flugträunie sind gleichfalls individuell 
determiniert und symbolisieren verschiedene Wünsche, doch die 
letzte Quelle ist stets die sexuelle Erregung durch gewisse Be- 
wegungen (wiegen, hetzen u. s. w.) in der frühen Kindheit,^) Die 
Vorstellung, die am deutlichsten ihre sexuelle Natur offenbart, 
ist das Reiten, das im Traum regelmäßig den Beischlafs- 
akt symbolisiert. 3) Manchmal kommt dies ganz offen zum 
Ausdruck. So zitiert Delassus*) folgendes Beispiel: »Martin 
d'Arle^i raconte, dans son livre des superstitions, qu'une 

*) Siehe Freiniark. Okkultismus und Sexualität, S. 310. Brand. Op, 
cit., P. 9. Die Ähnlichkeit wurde von Oldliam im 17. Jahrhundert klar aus- 
gesprochen. (Werke, 6. Ausgabe, P. 254.) 

»Wie Menschen, die bewegungslos im Schlafe liegen, 
Im Traum zu steigen meinen und zu fliegen. 
So glaubt die Hexe durch des Luftraums Weiten 
Auf ihrem Zauberstab dahin zu reiten.« 
^) Freud. Die Traumdeutung, 1911, S. 201—203. 

^) Vergl. den Ausdruck für nächtliche Pollutionen: »es reiten ihn die 
Hexen.« Auf die Ähnlichkeit zwischen dem Hexenreiten und dem Alpdruck 
hat vor vielen Jahren Burton (Op. cit., P. 134) aufmerksam gemacht, »auch 
bei solchen, die durch einen Inkubus belästigt oder von den Hexen geritten 
sind (wie wir dies nennen) ; wenn sie auf ihren Rücken liegen, meinen sie, 
ein altes Weib reite sie und sitze so schwer auf ihnen, daß sie vor Atemnot 
fast ersticken.« 

*) Delassus. Les Incubes et las Sucoubes, 1897, P. 35. 



118 DER ALPTRAUM. 



dame tres pioiix so voyait souvent, en songe, chevauchant 
i ä travers la campagne avoc un liommo, qui abusait d' eile, 

ce qui lui causait une tres grando volopte.« Ähnlich schreibt 
Jähnsi): »So kam es vor, daß ehrbare Matronen ihren Beicht- 
vätern vertrauten: ,sic fühlten, daJJ sie unwillkih-Iich Nachts 
über Feld und Aue ritten; ja, wenn sie mit dorn Roß über 
ein Wasser setzten, so wohne irgend jemand ihnen mit dem 
vollen Lustgefühl dos Aktes bei.' Da war denn der offenbare 
Hexenritt und die offenbare Vormischung mit dorn Satan 
eingestanden.« 

Manchmal verwandelten Hexen einen Mann in ein Pferd, 
I. um darauf zum Sabbat zu reiten 2) (Traum-Unikehrung der 

j: natürlichen Stellung), manchmal reiston sie in Gesellschaft 

j; des Teufels — der vorn auf dem Stab ritt, während die Hexe 

'' hintenauf saß^) ~, doch am häufigsten war der Teufel selbst 

das Reittier, entweder in Gestalt eines Pferdes oder eines 
Bockes.*) Das letztgenannte Tier war am beliebtesten und ist 
auch mit Hinblick auf seine wohlbekannten Eigenschafton 
zum Ausdruck sexueller Vorstellungen ausgezeichnet geeionet. 
Bei gewissen Anlässen schob die Hexe einen Pflock in 
den Hinterteil des Bockes, von dem dann entweder ihre 
Genossen-^) oder die Kinder*^), die sie zum Sabbat mitbringen 
wollte, getragen wurden. Oft genügte auch der Pflock allein, 
gewöhnlich in der Form eines Besenstiels, zur Reise. Jahns') 
hat gezeigt, daß dieser ein Repräsentant des Pferdes oder 
eines anderen Reittieres war; die phallischo Bodeutuno- ist 
hier ebenso evident wie bei den zahlreichen anderen Formen 
des Zauberstabes. Die Vorstellung der Vorwandlung mensch- 
licher Wesen oder des Teufels in Tiere ist, wie bereits 
mehreremal bemerkt wurde, besonders charakteristisch für 

^) Jahns. Eoß und Reiter, 1872, Band 1, S. 412. 

^) Kraiiß. Slavische Volksforschungen, 1906, S. 49, 

^) Grimm. Op. cit., S. 895. 

*) Der Ilexenliammer. Op. cit., Zweiter Teil, S. 44. 

^) Jahns. Op. cit., S, 415. 

') Horst. Zauber-Bibliothek, 1821, Erster Teil, S. 216. 

') Jahns. Op. cit., S. 416, 416. 



e 



DIE HEXENEPIDEMIE. 



119 



den Traum und im Jahre 1230 hat Wilhelm von Paris i) bei 
Besprechung der Hexenfrage sich ausdrücklich für diese 
Entstehungsweise erklärt. 

Ein interessanter Nebenumstand bei der Fahrt durch 
die Luft war die bekannte Hexensalbe, die dazu benötigt 
wurde. Sie mußte in den Körper hineingerieben werden, ins- 
besondere oberhalb des Abdomen, in den höheren Teil der 
Oberschenkel und in die Füße, bis ein Gefühl der Erwärmung 
verspürt wurde. ^) Auch der Besenstiel), der die Hexe zum 
Sabbat trug, wurde damit eingerieben und Grimm*) erzählt 
einen Fall, wo ein Kalb zu diesem Zweck bestrichen wurde. 
Die Materialien, die bei der Zusammensetzung der Salbe am 
liebsten verwendet wurden, scheinen die Eingeweide und das 
Fett kleiner Kinder s) gewesen zu sein, doch viele andere 
Substanzen wurden gleichfalls benützt. Die Erklärung dieses 
sonderbaren Vorganges ist keineswegs einfach. De Lancre«) 
sagt: »Le Diable use d'ongaens graisses et onctions, pour 
imiter nostre Seigneur, qui nous a donne le sainct sacrement 
de Babtesme et celuy de la Saincte onction.« Dies läßt 
außer manchem anderen offenbar auch die besondere Ver- 
bindung zwischen Salbe und Luftreise unerklärt. 

Der Akt des Salbens hat zu allen Zeiten eine besondere 
Bedeutung besessen und war meist mit der Vorstellung der 
Übertragung einer besonderen Macht auf gewisse Personen, 
Priester oder Könige, verknüpft; bei mehreren religiösen 
Zeremonien spielt es eine ähnlich wichtige Rolle. Ein ver- 
gleichendes Studium der Gelegenheiten, bei welchen die 
Ölung vorgenommen wird, macht es höchst wahrscheinlich, 
daß der Akt eine sexuelle Symbolik enthält und sein inniger 

') Zitiert bei Hangen. Op. cit., S. 138. 

*) Weier. Histoires, disputes et discours des illusions et impostures des 
diables, Trad, Franc., 1577, P. 165. Grimm. Loc. cit., Laurent und Nagour 
Op. cit., S. 122. ' 

«) Hansen. Op. cit., S. 449. Weier. Loc, cit. 

*} Grimm. Loc. cit. 

') Reginald Scot. The Diacoverie of Witcheraft, 1589, Book III 
P. 40. De Lancre. Op. cit., Pp. 112, 119. Weier. Loc. cit. 
, •) De Lancre, Op. oit, P. 212. .f -a.-:-;^^ , 



_3: 



120 DER ALPTRAUM. 



Zusammenhang mit der Hexenfahrt und dem Sabbat unter- 
stützt diese Auffassung. Froimark ^) bringt Beweise dafür 
bei, daß zu verschiedenen Zeiten die Ölungen wirklich zur 
Hervorbringung wollüstiger Träume benutzt wurden, und 
erwähnt eine Anzahl von Substanzen, von denen man an- 
nahm, daß sie im stände seien, aphrodisische oder anästhesie- 
rende Wirkungen oder Intoxikation hervorzurufen, die zu 
diesem Zweck gebraucht wurden. Kiesewetter ^) machte an 
sich selbst Versuche, um den Tatbestand zu erforschen, und 
konstatierte als Resultat verschiedene Reise- und Flugträume ; 
es ist seither bekannt geworden, daß kein Arzneimittel dies 
direkt bewirken kann, es muß also die Einstellung der Er- 
wartung dabei mittätig gewesen sein (wobei noch eine toxische 
Wirkung in Rechnung gezogen werden muß). Es ist auf- 
fallend, daß zwischen den Vorstellungen der Einsalbung und 
der leichten Bewegung stets ein Zusammenhang existiert hat, 
der zweifellos durch die physischen Qualitäten der ersteren 
unterstützt wurde. Das englische Wort »grease« (Salbe) kommt 
von den Gratiae (griechisch Gharites), welche Aphrodite mit 
Öl zu waschen pflegten, und das vedische Äquivalent der 
Charitinnen waren die leuchtenden Rosse, die den Wagen 
Indras, der Sonne (= Phallus ^), zogen. Die am Tage 
liegende Beziehung von mucus und semen zu den Koitus- 
bewegungen ist zweifellos die Quelle der tioferliegonden 
Sexualsymbolik und ich habe gezeigt *), daß in der frühen 
Kindheit sich eine ähnliche Assoziation zwischen den Vor- 
stellungen der Bewegung und exkretorischen Akten (die als 
Sexualbetätigung aufgefaßt werden) bildet. Es ist daher 
begreiflich, daß der phallische Besenstil, auf dem die Hexe 
»ritt«, mit Salbe eingeschmiert werden mußte. 

Diese Ansicht wird weiterhin durch die enge Vorbin- 
dung zwischen dem Akt des Salbens und dem dos Genusses 



•) Freimark. Op. cit., S. 306—816. 
") Kiesewetter. Op. cit., Band 2, S. 579. 
=•> Cox. Op. cit., Vol. I, P. 426. Vol. II, Pp. 2, 35. 
*} Psychoanalytisches Jahrbuch, 1912, Band i. Zcntralblatt für 
Psychoanalyse, Jahrgang 1. 






DIE HEXENEPIDEMIE. 121 



von Zaubertränken bestätigt. Die Hexe trank nach ge- 
schehener Einsalbung eine derartige Flüssigkeit, um zur Reise 
fähig zu sein. ^) Nun symbolisieren Zaubertränke, die 
wunderbare Kräfte einflößen, regelmäßig den Samen ^), so 
das vedische Soma, das griechische Ambrosia und der 
Nektar, das germanische odrörir. In der liias wird ge- 
schildert, wie die Göttin Hera ihren ganzen Leib mit 
Ambrosia salbt, so daß der Geruch Himmel und Erde 
erfüllt. 

Abgesehen vom Sabbat und der Nachtfahrt hielt die 
Hexe bei sich zu Hause ihre Beziehungen zum Teufel 
auf verschiedene Weise aufrecht. In erster Linie begleitete 
er oder einer der ihm untergeordneten Dämonen sie stets 
als ihr »familiaris«, welche Vorstellung an den totemistischen 
Glauben erinnert, der so allgemein, z. B. im norwegischen 
Folklore 3), verbreitet ist. Der Familiaris nahm gewöhnlich 
die Gestalt eines Katers^) an. Bei den Zusammenkünften 
der ketzerischen Katharersekte im 13. Jahrhundert er- 
schien der Teufel als Kater und man nahm an, daß der 
Name der Sekte von dieser Tatsache genommen sei. Katzen 
haben eine besonders große Rolle in der Mythologie weib- 
licher übernatürlicher Wesen gespielt. Die alten germani- 
schen Zauberinnen verwandelten sich gelegentlich in Katzen. ^) 
Katzen sind besonders mit der Vorstellung des Reitens 
assoziiert und wurden bei der Hexenfahrt wirklich zu diesem 
Zwecke benützt. «) Dieser Glaube scheint vor allem aus 
der germanischen Mythologie zu stammen. Roskoff ^) 
schreibt : »Freyja fährt auf einem mit zwei Katzen bespannten 
Wagen, den Symbolen des starken Zeugungstriebes. 
Die der Freyja geheiligte Katze macht das Mittelalter zum 

1) Freimark. Op. cit., S. 306, 308. Laurent und Nagour, Loc. cit. 

'^) Siehe Abraham. Op. cit., S. 63. 

=>) Thorpe. Northera Mythology, 1851, Vol. I, P. 115. 

*) Grimm. Op. cit,, S. 891. Hansen. Op. cit., S. 229. 

^) Grimm. Op. cit,, S. 915. 

«) JälmB. Op. cit., S. 415. 

') Koskoff. Op. cit., Band 1, S. 159. 



12^ ^ DER ALPTRAUM. 



Tiere der Hexen und Nachtfrauon. <' Dasselbe galt von dem 
Gefolge der Holda % dem Prototyp der Naclitdämononseito der 
Hexen. Im Süden wurden die Katzen von ihren Verwandten, den 
Löwen, ersetzt; der Wagen des Heraklos wurde z. B. von 
zwei Löwen gezogen. Außer dieser symbolischen Begleitung 
der Hexen erschien ihnen der Teufel noch häufig als 
Inkubus (siehe später). 

Der Gegenstand aber, der in dieser Beziehung die 
maiste Aufmerksamkeit auf sich zog, war die Besessen- 
heit durch den Teufel. Diese definiert Graf ^) wie folgt- 
»Der Teufel konnte sich damit begnügen, den Menschen 
nur äußerlich zu quälen, indem er die Angriffe und Bedrän- 
gungen vervielfachte, oder auch innerlich peinigen, indem , 
er in lim einfuhr. Im ersten Fall hatte man die eigent- J. 
hche sogenannte Obsessio, im zweiton die Possessio«. In ^i 
der Sprache unserer Tage würde der Unterschied zwischen 
den beiden Fällen wohl durch die Ausdrücke Zwangsneurose 
und Hysterie gekennzeichnet werden; wie zu erwarten 
stand, waren dem zweitgenannten Zustand hauptsächlich 
Frauen unterworfen. Die Merkmale der Besessenheit durch 
einen Dämon sind zu gut bekannt, um hier wiederholt zu 
werden, a) Da das Vorkommnis noch immer keineswegs 
selten ist, war Gelegenheit vorhanden, sie vom klinischen A 
Standpunkt aus zu untersuchen und nachzuweisen *), daß sie T 
als Symptom verschiedener Geistesstörungen vorkommen 
kann. Müller s) schreibt: .Was sich in den Hexonprozossen 
durchgängig wiederholt, sind Entwicklungskrankheiton der 
Jugend o^er des Alters bei Weibern, die über die klimakteri- 

*) Jahns. Op. cit., S. 384. *--' - 

- ^) Graf. Gesclüchto des Teufelsglaubcns, Deutsche Ausg 1893 S 137 

•>) Maury. Op. cit., Secondo Partio. CJu II., Pp. 256-338. '.Online 
d^momaquo attribuoe aux Maladies nervousos et mentales*. Miirisior Los 
maladies du sentiment religieux, 1903, P. 148—161. 

') Keraer. Geschichten Besessener neuerer Zeit. Novius. Ddmon 
Possession and allied Theinos, 1894, Pezet. Contribution k VMnüc de la 
Demonomanie, 1909, 

lao« P ^f ""'^«^ Müller, über die phantastischen Gesichtserschelnungen. 



DIE HEXENEPIDEMIE, 123 

sehen Jahre hinaus sind, halb irre Zustände, Nervenkrank- 
heiten, die so oft Gegenstand einer abergläubigen, dem Zeit- 
alter angemessenen Auslegung waren, und endlich wü'klich 
Buhlerei, und zwar, wie es scheint, oft mit verkappten Per- 
sonen oder mit bekannten Personen, in deren Gestalt gerade 
jetzt einmal der Teufel erscheint.« Die Bedingung hat sich 
mit besonderer Häufigkeit bei der Hysterie erfüllt gefunden 
und mit Rücksicht auf unsere neuerworbene Kenntnis von 
der sexuellen Ätiologie der Hysterie ^) — die hysterischen 
Attacken mitinbegriffen, die den Akt des Koitus ^) sym- 
bolisieren — ist es wohl der Mühe wert, kurz den Nachweis 
der Hysterie bei der Besessenheit der Hexen zu führen. Unter die 
hysterischen Symptome, die dabei beobachtet wurden, gehören : 
Bulimia, pica, anorexia nervosa, vomiren (häufig von Fremd- 
körpern, wie Nadeln u. s. w.), globus hystericus, pseudocyesis. 
Zittern, koitusartige Bewegungen, Mediumismus, Narco- 
lepsie (Ohnmachtsanfälle), Somnambulismus, Katalepsie, Amne- 
sien, »Lügen«, Lebensüberdruß, feindselige Einstellung, Zer- 
Spaltung in zwei oder mehrere Personen: kurz, alle jene 
Symptome, von denen man neuerdings erklärt hat, daß sie 
niemals vorkommen, außer wo sie durch die Suggestion der 
Ärzte aus der Schule der Salpetriere künstlich erzeugt 
wurden. Die Beschreibung der konvulsiven Anfälle, wie sie 
die besessenen Nonnen von Louviers ^) zeigten, stimmt mit 
allen Einzelzügen genau mit der Beschreibung der hysteri- 
schen Anfälle überein, wie sie unsere modernen medizini- 
schen Lehrbücher geben ; selbst der Ausdruck arc en eercle 
wird benützt. Von besonderem Interesse ist der Umstand, 
daß der Exorzismus von dem Besessenen mit einer Flut von 
»abscheulichen und schamlosen« Reden begleitet wurde, mit 
anderen Worten, daß er durch den Prozeß des Abreagierens 
seine Wirkung übte. 



1) Freud. Sammlung kl. Sehr. z. Neurosealehre, 1906, Kap. X, XI, XIV. 

2) Freud. Samml. Op. cit., Zweite Folge, 1909, Kap. VI. 

^) Jeau le Breton, De la defense de la vferite touchante la possesslon 
des religieuses de Louviers, 1643, Ese. Traicte des marques des possedes 
et la preuve de la verltable posseesion des religieuses de Louvein, 1644. 



^** DER ALPTRAUM. 



Aber nicht nur die Symptome der Hysterie waren bei 
den Hexen vorhanden, sondern auch die Stigmata so 
häufig, daß auf das Vertrauen, welches man in sie setzte 
die bequemste und sicherste Methode, eine Hexe zu erkennen' 
aufgebaut wurde. Scot^) schreibt darüber: »Wenn sie ein ge- 
heimes Zeichen unter der Schulter, unter dem Haar unter 
der Lippe oder an heimlichen Stellen trägt, so ist dies eine 
hmreichendG Vermutung für den Richter, um gegen sie vor- 
zugehen und auf die Todesstrafe zu erkennen.« Die Haupt 
probe, die von den professionellen »Hexonsuchern« angewandt 
wurde war die sogenannte epreuve du stylet. Bezüglich der 
Verteilung und Natur dieser anästhetischen Stellen erzählt 
uns Smistrari^): »Sie ist auf den verborgensten Körperteilen 
eingedruckt . . . ; bei Weibern ist sie meistens auf den Brüsten 
oder den heimlichen Orten. Nun ist der Stempel, der diese 
Zeichen aufdrückt, kein anderer als des Satans Klaue.« Wie 
es bei hysterischen Stigmata gewöhnlich der Fall ist geben 
diese anästhetischen Stellen auf Stiche kein Blut.«) Froiraark*) 
hat darauf hingewiesen, daß diese Zeichen auch als Merk- 
male verschiedener ketzerischer Sekten, welche der vollen 
Entwicklung des Hexenglaubens vorhergingen, galten. 

Die psychologische Erklärung der Phänomene der Be- 
sessenheit ist nicht schwierig. Freimark-''0 hat sie mit den ^ 
folgenden Worten beschrieben: »Tragen die Phänomene des 
Somnambulismus und Mediumismus in der Regel nur ihren 
Entstehungsursachen nach sexuellen Charakter, so sind die- 
jenigen der Besessenheit durch und durch sexueller Natur 
Das urteilende Ich, das alle nach der bestehenden Gesellschafts- 
ordnung, nach Religion, Moral und dem Milieu, in dem es 
sich entwickelt, als ungehörig betrachteten Gefühle und Vor- 
stellungen unterdrückte, in das Unterbewußtsein zurückschob, 
wo sie soz usagen ein eigenes Leben führten, wird von dem 
^) Reginald Soot, Op. cit., P. 15. 

2 Sinistrari. Demoniality. (IT.contury.) Englische Üborsotzung, 1879, P.27 
) banterre. Histoire des diables de Loudun, 1694 p. 318 
*) Freimark. Op. cit., S. 280. ' 

ci? ^F^B8^' °P*.''"",^-^*' "• ^^^^ =«^'=1^ S. 62-69, 353 und Maury. 



DIE HEXENEPIDEMIE. 125 



dort im Laufe der Zeit sich ausbildenden Gefühls- und Vor- 
stellungskomplex überrumpelt und die Bewußtseinsspaltung 
ist vollzogen . . . Einen ähnlichen Vorgang können wir im 
Traumleben beobachten ; und der Somnambulismus und auch 
der Mediumismus zeigen das, was uns der Traum lehrt, in 
verstärktem Maße.« 

Wir gelangen nun zu dem zweiten Problem, nämlich, 
warum die Hexenepidemie gerade zu jener Zeit ausbrechen 
mußte. Die Untersuchungen, die über dieses Problem um 
die Mitte des vorigen Jahrhunderts von Ennemoser^), Michelet^), 
Roskoffä), Soldan*) und Wächter^) angestellt worden waren, 
wurden in den letzten Jahren verbessert und vertieft von 
Hansen"), von Hoensbroech''), Längin^), Lea^), Lempens^"), 
Riezler") und andei'en, und viele Punkte sind nun völlig 
aufgeklärt. Die drei wichtigsten Schlüsse, die aus diesen 
Forschungen gezogen werden können, sind : 

1. Daß die Idee der Hexerei in ihrem strikten Sinne 
im Mittelalter vollkommen neu war und daß die Hexen- 
epidemie aus der Mitte des 15. Jahrhunderts stammt; 

2. daß die dazu beitragenden Faktoren außerordentlich 
ineinander verschlungen sind und 

3. daß die volle Verantwortlichkeit dafür ohne jede 
Einschränkung der römisch-katholischen Kirche zur Last fällt. 

Der Hexenglaube, so wie Jener an den Teufel, wurde von 
der Kirche sorgfältig aus disparatem, längst schon im Folklore 

') Enncmoser, Op. cit., Vierter Abschnitt, Zweite Abteilung. 

=") Michelet. Op. cit. 

') Roskoff. Op. cit.. Band 2, Dritter Abschnitt. 

*) Soldan. Op. cit. 

'-) Wächter. Die Hexenprozesse. Ein kulturhistorischer Versuch, 1865. 

*) Hansen. Op. cit., und: Quellen und Untersuchungen zur Geschichte 
des Hexenwahns und der Hexenrerfolgung im Mittelalter, 1901. 

') Von Hoensbroech. Das Papsttum in seiner sozialkulturellen Wirk- 
samkeit, Dritte Auflage, 1901, Band 1, S. 380—600. 

") Längin. Religion und Hexenprozeß, 1888. 

») Lea. Hiatory of the Inquisition in the Middle Ages, 1887. History 
of the Inquisition in Spain, 1907. 

") Lempena. Geschichte der Hexen und Hexenprozease, 1880. 

") Rieiler. Geschichte der Hexenprozesse in Bayern, 1896. 



12G DER ALPTRAUM. 



vorhanden gewesenem Material zusammengesetzt. Hansen ^) 
spricht das unzweideutig mit den folgenden Worten aus: 
»Der Begriff vom Ilexonwesen ... ist keineswegs aus dem 
Spiel der Volksphantasie frei erwachsen, sondern wissen- 
schaftlich, wenn auch in teilweiser Anlehnung an Volksvor- 
stellungen, konstruiert und fest umschrieben worden; er ist 
in seinen Elementen durch die systematische Theologie der 
mittelalterlichen Kirche entwickelt, strafrechtlich in der Gesetz- 
gebung von Kirche und Staat fixiert, schließlich auf dem 
Wege des kirchlichen und weltlichen Strafprozesses, und zwar 
zuerst durch die Ketzerinquisiton, zusammengefaßt worden.« 
Die meisten dieser aus dem Volk stammenden Elemente sind 
durch Jahrhunderte von der Kirche abgelohnt worden, die 
sich nur Schritt für Schritt zu ihrer Annahme entschloß. 
Dabei wurden die Elemente immer mehr und mehr zusammen- 
gepreßt, bis dann zu Beginn des 15. Jahrhunderts eine ganz 
neue Auffassung entstanden war und offiziell proklamiert 
wurde. Hansen =>) sagt: »Wie bereits angedeutet wurde, er- 
weisen sieh die Verfasser der literarischen Quellen des 
15. Jahrhunderts, welche uns jenen Kollektivbegriff der 
Hexe definieren, sämtlich als von der Überzeugung durch- 
drungen, daß es sich bei der von ihnen geschilderten Art 
des Hexenwesens um eine neue Erscheinung . . . handelt. 
Die beteiligten Inquisitoren zeigen sich geradezu überrascht 
von der Existenz dieser neuen Sekte.« Jühling-'') konstatiert 
ebenso emphatisch: »Es gab freilieh schon im Altertum den 
Begriff der Zauberinnen, aber die Hexe an und für sich ist 
eine Ausgeburt spezifisch christlichen Aberglaubens.« 

Es ist unmöglich, hier den Versuch zu machen, daß 
»vielverschlungene Gewebe aus mannigfaltigen Fäden«, wie 
Roskoff den Hexenglauben sehr gut genannt hat, zu ent- 
wirren, doch müssen einige Worte über die Geschichte seiner 
hervorstechendsten Züge gesagt werden. Die Vorstellungen 

') Hansen. Op. oit., Vorwort, S. 6. 
^) Hansen. Op. cit., S. 14ö. 

3) Jühling. Die Inquisition, 190.% S. 299. Siehe auch Ennemoaer. Op. 
cit., S. 780, 781, und Roskoff. Op„ cit.. Band 2, S. 214—225. 



A 



DIE HEXENEPIDEMIE. 



127 



von Ketzerei, Teuf elsbündnissen und Sabbat sind hauptsächlich, 
wenn auch keineswegs ausschließlich, religiöser Natur; der 
Glaube an das Maleficium, an die Verwandlung in Tiere und 
an den Flug der Nachtdämonen durch die Luft, die uns hier 
beschäftigen, haben in der Volks-Mythologie ihre Quelle. 
Das Maleficium war immer ein strafbares Delikt gewesen, 
bei den alten Römern sowohl wie bei den Germanen, nicht 
aber jene Handlungen, die im Inkubus- und Striga-Glauben 
enthalten waren. Die Geschichte der Entstehung der Hexerei 
ist die Geschichte, wie die Kirche vorsichtig und geschickt' 
im Laufe zweier Jahrhunderte eine neue Vorstellung ent- 
wdckelte und sie der ganzen zivilisierten Welt aufnötigte. 
Die Haltung der ältesten Kirche war den rudimentären Formen, 
in denen die Vorstellung damals vorkam, durchaus feindlich. 
Lehmann^) weist darauf hin, wie folgt: »Auf der Synode zu 
Paderborn 785 stellte man folgenden Satz auf : »Derjenige, 
welcher, durch den Teufel verblendet, nach Art der 
Heiden glaubt, daß jemand eine Hexe sein kann 
und deshalb dieselbe verbrennt, wird mit dem 
Tode bestraft.« Zu dieser Zeit wird also nicht die Hexe, 
sondern der Glaube an dieselbe verfolgt und bestraft. Diese 
Bestimmung wurde von Karl dem Großen bestätigt und war 
in den folgenden Jahrhunderten die Richtschnur für die 
Stellung der Kirche gegenüber allen Anklagen wegen Hexerei. 
Noch deutlicher tritt die Auffassung der Kirche von Hexerei 
im sogenannten Anoyranischen Kanon Episeopi her- 
vor, welche um das Jahr 900 entstand. Hier wii*d den 
Bischöfen befohlen, »in ihren Gemeinden den Glauben an die 
Möglichkeit dämonischer Zauberei und nächtlicher Fahrten 
zu und mit Dämonen als reine Illusion energisch zu bekämpfen 
und alle diejenigen, welche einem solchen Glauben huldigen, 
aus der kirchlichen Gemeinschaft auszustoßen.« 

Im dreizehnten Jahrhundert aber veranlaßte die be- 
unruhigende Zunahme und die Macht der Ketzersekten^) 

') Lehmann. Aberglaube und Zauberei, Zweite deutsche Ausg., 1908, 
S. 105. Siehe auch Sepp, Orient und Okzident, 1903, S. 140, 150. 
=•) Siehe Hansen. Op. cit., S. 212— 21 ß, 232. 



128 DER ALPTRAUM. 



(Templer, Katliarer und ihi*o Nachfolgor, die Waldeiiser) die 
Kirche zu den entschiedensten Maßregeln zu ihrer Unter- 
drückung und sie verstand es, auf einfache Weise die Hilfe der 
Laien zu gewinnen, indem sie die Vorstellungen von Hexerei 
und Ketzerei miteinander vermengte. Das päpstliche Gericht, 
das Gregor IX. im Jahre 1227 errichtete, wurde der Nukleus 
der künftigen Inquisition und später im selben Jahrhundort 
erklärte Alexander IV. in aller Form, daß Hexerei und 
Ketzertum eines seien. Der große Einfluß des Thomas von 
Aquino zu jener Zeit wurde ebenfalls in die Wagschale 
geworfen und war ein wichtiger Faktor bei der Entwick- 
lung der Idee, i) Von da an bis zum 15. Jahrhundert waren 
die Portschritte verhältnismäßig gering. 

An dieser Stelle können wir die einzelnen Elemente 
des Hexenglaubens mehr im Detail betrachten und erkennen, 
wie sie miteinander vermischt wurden. Das erste, das von 
diesem Schicksal betroffen wurde, war das Maleficium -) 
und dies gab für das Volk den Ausschlag zur Ver- 
teidigung der Kirche gegen die Ketzerei. Der volkstüm- 
liche Glaube an das Maleficium, der die Kirche stets vom 
Standpunkt der GÖtzendienerei aus interessierte, kam in 
Zusammenhang mit dem Teufelsglauben •'') und dadurch auch 
mit der Ketzerei. '') Dies erste Element erwies sich auch 
als das ausdauerndste. Hansen'^) sagt: »Das Maleficium, 
mit Ausnahme des Wettermachens, ist ohne alle Unter- 
brechung von der kirchlichen und bis in das 17. Jahrhun- 
dert auch von der staatlichen Autorität als Realität ange- 
nommen, seine Kraft ist nie ernstlich in Abrede gestellt 
worden; es zieht sich wie ein roter Faden auch durch die 
Geschichte der strafrechtlichen Verfolgung.« 

Es ist unmöglich, hier jene zahlreichen Legendentypen 
zu verfolgen, die sieh auf Frauen, die bei Nacht 

') Süldan. Op. cit., Band 1, S. 180. 
ä) Sieho Hansen. Op. eit., S. 9—14. 

") Wundt. Völkerpsychologie. Zweiter Band, »Mytlius und Keligion«, 
Zweiter Teil, 1906, S. 400. Hansen. Op. cit., S. 451. 
*) Hansen. Op. cit., S. 23, 39, 239. 
s) Hansen. Dp. cit,, S. 13. 



DIE HEXENEPIDEMIE. 129 

fliegen,^) beziehen, wie Ahiifrauen u. s. w., da dies uns zu 
weit in das Gebiet der Mythologie führen würde, obgleich 
von hier aus manches unterstützende Beweisstück für unsere 
Hauptthese gefunden werden könnte ; denn solche Geschichten 
hängen eng mit den Erfahrungen des Alpdruckes zusammen 
und mit dem späteren Sukkubus. Es möge genügen zu sagen, 
daß sie bei der Entwicklung des Hexenglaubens eine bedeu- 
tende Rolle spielten. Beiträge kamen von der griechischen 
Persephone (Würgerin) 2), der römischen Striga (italienisch 
strega, schweizerisch Sträggeli) s), den germanischen Elfen *) 
und den deutschen Waldfrauen und weißen Frauen (Bertha, 
Holda s) — den Abkömmlingen der nordischen Frigg. Es 
wurde beispielsweise geglaubt, daß eine Hexe mit 40 Jahren 
eine Drude wird «), während es anderseits hieß : »aus jungen 
Druden pflegen alte Hexen zu werden« ->); nach Grimm») ist 
eine Drude eins mit einer Mahre (Nachtmahr). Die Kirche 
war einige Jahrhunderte hindurch entschieden abgeneigt, die 
Möglichkeit von Nachtflügeu anzunehmen. Die Idee wurde 
im 5. Jahrhundert durch den berühmten Caere episcopi ») 
zurückgewiesen, im Jahre 906 durch Regino von Prüm, im 
Jahre 1020 durch Burkard von Worms, im 12. Jahrhundert von 
Johann von Salisburg und im Jahre 1230 durch Wilhelm von 
Paris, i») In dieser Frage wurde im 13. Jahrhundert aus- 
führlich und mit größtem Eifer hin und wider gestritten ^^) 
und erst um 1450 wurde der Glaube von der Kirche allgemein 

*) Grimm. Op. cit., S. 907. Hansen. Op. oit., S. 15 — 18. 

*) Roskoff. Op. cit, Band 1, S. 136. 

») Hansen. Op. cit, S. 14. Sepp. Op. cit, S. 120, 231. 

♦) Meyer. Op, cit., S. 135. 

5) Graf. Op. dt., S. 266, 267. Grimm. Op. cit., S. 803—810. Roskoff. 
Op, cit, Band 1, S. 157—159. Wuttke. Op. cit,, S. 29—31, 47. 

«} Sepp. Op. cit, S. 122. 

') Grohmann. Aberglaube und Gebräuche aus Böhmen, 1864, Band 1, 
S. 23. 

«) Grimm. Op. cit, S. 1042. , , , 

») Roskoff. Op. cit, Band 1, S. 271. 
") Hansen. Op. cit, S. 80, 83—85, 134, 136. • - 
'- ") Hansen. Op. cit, S. 191—209. 

Jones, Alptraum. 9 



Hte^taMMiteL^ . ^ . __,^^^ .^:?j.^..^ai^^iämä^my-'<ir'*^a^fir<n^amtimääSSISSSmimai^SBS 



130 



DER ALPTRAUM. 



angenommen.^) Es erwies sich dann, daß gerade dieser Frage 
für die endgültige Festsetzung des Hexenaberglaubeiis die 
entscheidende Bedeutung zukam, vor allem durch den Zu- 
sammenhang mit dem Sabbat; es war in der Tat der Fund 
der Inquisition, daß die Opfer so häufig Geschichten von 
Luftflügen erzählten, durch den die Frage für die Kirche 
erledigt und die Identität der ketzerischen Zusammenkünfte 
und des Hexensabbats nachgewiesen wurde. ^) 

Das verwandte Thema der Verwandlung von Menschen 
in Tiere, ebenfalls eine alte Volks-Phantasie, verlief parallel 
mit jenem der Nachtfahrt. Anfänglich von der Kirche ent- 
schieden geleugnet % die jene, welche daran festhielten, ebenso 
streng bestrafte, wie im vorigen Fall, wurde der Glaube 
zuerst hitzig bekämpft^) und schließlich angenommen, aller- 
dings erst im Jahre 1525 s) mit allgemeiner Geltung. 

Die Vorstellung des Sabbats wurde von der Kirche im 
Zusammenhang mit den selbstverständlich geheimen Zu- 
sammenkünften der Ketzer eingeführt, bei denen sie, wie man 
ihnen vorwarf, alle Arten von Orgien und Missetaten verübten • 
denselben Vorwurf hatte sich bekanntlich in den Zeiten der 
Römer die Kirche selbst gefallen lassen müssen. «) Die erste 
vollständige Darstellung erscheint in einem Hexen-Ketzer- 
Prozeß, der im Jahre 1335 in Toulouse stattfand. ^) Die Idee 
wurde vermutlich durch die germanischen Sagen von der 
wilden Jagd und dem wilden Heer verstärkt. Die Erinnerung 
an die römischen Baechanalia«) und Cotyttia '■>) spielte zweifellos 



Op. cit., 
P. 233. 

P. 124. 



Hansen. Op. cit., S. 303—306, 409, 455—458. 

Hansen. Op. cit, S. 235, 238. 

Hansen, Op. cit., S, 18, 83—87. 

Hansen. Op. cit., S. 189, 190. 

Hansen. Op. cit., S. 455. 

HonueamRhyn. Der Teufels- und Hexenglaubo, 1892, S. 68. Hansen 
S. 21, 226, 227. 

Lamotlie-Langon. Hiatoire de Pinquisition en France, 1829, T. HI, 

Freimark. Op. cit., S. 279. 

Hedelin. Des Satyres, brutes, monstres et ddmons, 1627, 1888 Edlton, 



A 



^sss^as^ 



DIE HEXENEPIDEMIE. 



131 



auch eine Rolle; sogar der Gebrauch des Wortes Sabbat im 
Zusammenhang mit den Hexen wurde durch die Annahme 
erklärt, daß eine von jüdischen Manichäern veränderte Form 
des Sabos vorliege; unter diesem Namen, der von arx^dC&iv 
tanzen ') kommt, wurde nämlich der Kultus des Bacchos ver. 
richtet. Die Erinnerung daran wurde im Mittelalter durch 
das berühmte Narrenfest ^) frisch erhalten, dessen wahrer 
Ursprung vorchristlich war. ^) 

'- Die schwarze Messe, der Mittelpunkt des Sabbats, ist sehr 
alter Herkunft. Sexuelle Vereinigung in der Öffentlichkeit 
wurde sowohl in alten ^) wie modernen ^) Religionen, bei kulti- 
vierten c) wie bei wilden ^) Völkern als geheiligte Zeremonie 
ausgeübt. Wir können die Geschichte und die Bedeutung 
dieser Tatsache unbesprochen lassen und verweisen nur darauf 
daß die schwarze Messe als Perversion oder Aberglaube noch 
fortgedauert hat, längst nachdem die Hexenepidemie zu Ende 
war «) und bis zum heutigen Tage nicht ganz verschwunden 
ist. ^) - , . . 

Der Glaube an die Buhlschaft zwischen Hexe und 
Teufel ist ebenfalls ein verhältnismäßig später Bestandteil des 
Hexenglaubens. Die Vorstellung eines solchen Verkehres 
zwischen menschlichen und übernatürlichen Wesen war 
natürlich stets im Volke lebendig, wurde jedoch von der 
Kirche hef tig abgelehnt, e. g. von Burkard (900). ") Bis zum 

^) Hermann. Genesis, Band 3, Bacchanalien und Eleusinien. 2. Aufla^re 
S. 103. Hedelin. Op. cit., P. 131. ' 

2) Roskoff. Op. cit., Band 1, S. 363. 

») Bourke. Seatalogie Rites of all Nations, 1891, Cap. III Pp n_03 

^) Rocco. Sex Mytliology, 1898, P. 46. 
^ ' ') Dixon. Seelenbräute, Deutsche Übersetz., 1868, Band 1, S. 273-278 

«) Sellon, Annotations ou the Sacred Writings of the Hindus 190'> 
Edition, Pp. 26, 27. ' "' 

') Cook. An Account of a Voyage round the World, Vol. 11, p 127 
") Legu4 Medeeins et Enipoissonneurs, P. 185. B r^yannes! Op. cit. 

Pp. 180—233. Laurent und Nagour. Op. eit., S. 137 142. '^ 

"} Bois. Le Satanisme et la Magie. Vergleiche Huysman, La bas und 

Schwalbt^, Chez Satan. ^ • 

'") Hansen. Op. cit., S. 83, 

9* 



132 DER ALPTRAUM. 



12. Jahrhundert war sie von der Zauberei völlig geschieden •) 
und wurde nur durch die Zwischenglieder des Hexensabbats 
und der Ketzerei damit in Verbindung gebracht (um 1250).*) 
Sie wurde von Gervasius von Tilbury im Jahre 1214 3) ange- 
nommen und im selben Jahrhundert auch von Thomas Aquin *) ; 
der erste Fall, in dem die Anklage in einem Ilexenprozeß 
darauf basiert war, ereignete sich im Jahre 1275; damals 
wurde ein Weib wegen Verkehres mit dem Teufel verbrannt,") 
Bis dahin behandelte man den Akt nicht als Sünde, da man 
annahm, daß er, wenn überhaupt, nur gegen den Willen des 
Opfers vorkomme.®) Es war jedoch schwor, die letztere Ansicht 
aufrecht zu erhalten, da die Anhänglichkeit der Verfolgten 
an ihren Inkubus-Teufel klar zu Tage lag, sogar dort, wo es 
sich um Nonnen handelte, ') Nach der zweiten Hälfte des 
13. Jahrhunderts gehörte der Glaube, wie Hansen **) es 
ausdrückt, zum festen Bestand theologischer Wissenschaft. 
Obwohl die verschiedenen Elemente des Hexenglaubens 
um das Jahr 1250 sich bereits zum größten Teil entwickelt 
hatten, kamen die Hexenprozesse in einem Zeitraum von etwa 
zweihundert Jahren nur wenig in Aufnahme. Dies war jedoch 
nur die Ruhe vor dem Sturm, der als eine wahre Hexen- 
epidemie gegen das Ende des 15. Jahrhunderts ausbrach. 
Es waren hinreichende Gründe sowohl für den Aufschub wie 
später für den Ausbruch vorlianden. Inzwischen waren die 
Theologen eifrig damit beschäftigt, die allgemeine Grundidee 
zu erörtern und auszuarbeiten, die, wie wir gesehen haben, 
erst nach 1450 zu einem harmonischen Ganzen vereinigt 
worden war. Die Methode des gerichtlichen Verfahrens mußte 
auch erst ausgestaltet werden und der Versuch, die Gewalt 
von der Laienschaft auf den Klerus zu übertragen, stieß auf 



*) Hansen, Op. cit,, S. 19. 

=) Ennemoser. Op. cit, S. 791, 845. Roskoff. Op. cit., Band 2, S. 216. 

») Hansen. Op. cit., S. 142. 

*) Soldan. Op. cit, Band 2, S. 181. 

^) Lamothe-Langon. Op. cit., T. IF, P. 614. 

«) Hansen. Op. cit, S. 180. 

Ö Steiugießer. Op. cit., S, 44. 

8) Hanaeii. Op. cit., S. 187. 



IF 



DIE HEXENEPIDEMIE. 133 



ernsten Widerstand. Die Laien-Gerichte hatten sich nur mit 
dem Maleficium zu befassen und erst im Jahre 1400 ließen 
sie die Teufelsbuhlschaft als Anklage gelten. ^) Soldan 2) 
meint, daß die Erfahrungen der Kreuzzüge einen erheblichen 
Einfluß in dieser Richtung übten, da sie das Volk mit der 
orientalischen Vorstellung vom Verkehre zwischen menschlichen 
und übernatürlichen Wesen vertraut machten. 

Von entscheidender Bedeutung war die Konzentration des 
allgemeinen Hexenglaubens auf die Frauen. Die zwei Haupt- 
faktoren waren dabei der soziale Zustand jenes Zeitalters, 
der Mangel an männlicher Bevölkerung infolge der Kriege, 
der allerwärts Eifersucht und ünbefriedigtheit unter den 
Weibern hervorrief, und die barbarische Haltung des Christen- 
tums gegen die Frauen. Diese Haltung, die von modernen 
Autoren^) oft kommentiert wurde, läßt sich kaum voll er- 
fassen, wenn man nicht die betreffenden Erörterungen bei 
De Lancre*), Bodin^) und vor allem im Hexenhammer") im 
Original gelesen hat. Das Benehmen der Kirche, die den 
Frauen unwürdige Züge aller Art andichtete und sogar darüber 
debattierte, ob das Weib eine Seele habe oder nur ein Tier 
sei, war ohne Frage eine Folge ihrer entarteten Haltung 
gegen die Sexualität im allgemeinen ; es war ein Ausfluß 
der morbiden, misogynen Einstellung, welche durch die aufs 
höchste getriebene Verdrängung erzeugt worden war. Die 
ungewöhnlichen oder hysterischen Weiber früherer Epochen 
waren Magierinnen, Wahrsagerinnen, Prophetinnen; im Mittel- 
alter waren sie Hexen. Wie Michelef) es epigrammatisch 
ausdrückt : »La Sibylle predisait le sort et la Sorciere ie 
fait. C'est la grande, la vraie difference.« 

Gegen das Ende des 15. Jahrhunderts traten zwei Er- 
eignisse ein, welche die Sache zur Reife brachten und die 



1) Hansen. Op. cit., S. 396. 

3) Soldan, Op. cit, Band 1, S. 179. 

») Siehe z. B. Jühling. Op. cit, S. 319, 320. 

*) De Lancre. Op. cit,, Pp. 57, 58. 

'') Bodin. Loc. cit. 

*) Der Hexenhammer. Op. cit., Erster Teil, S. 92—106 

') Michelet. Op. cit., Introduktion, F. IX. 



A 



134 DER ALPTRAUM. 



eigentliche Epidemie förmlich inaugurierten; diese waren 
die Erlassung der berüchtigten päpstlichen Bulle durch 
Innozenz VIII. im Jahre 1484 und die Veröffentlichung des 
Hexenhamniers im Jahi*e 1487. In der Bulle, einem Dokument, 
das »ein Erzeugnis der Hölle« genannt wurde, wird der 
Teufelsbuhlschaft und der Erzeugung von Impotenz mittels 
Maleficium besonderes Gewicht beigelegt.^) Im Hexenhammer 
wurden diese Fragen ebenso wie jene der Nachtfahrt und 
des Sabbats bis in die feinsten Verzweigungen ausgeführt. 
Ohne die heftige Sprache zu fühi'en, in welcher Autoren wie 
Ennemoser^), Henne am Rhyn"), Mannhardt*) und Nyströni'') 
ihre Anklagen vorbringen, kann man dies Buch billigerweise 
nur als ein Unikum in den Annalen sophistischer Bigotterie 
und blinder Grausamkeit beschreiben; wir müssen es hier 
nur als Grenzstein im Vorüberschreiten kennen lernen, weil 
damit der Ausbruch der Epidemie gegeben ist. Es folgte 
ihm in den nächsten hundert und fünfzig Jahren eine ganze 
Anzahl ähnlicher Bücher, von denen jene von Bodin"), Delrio''), 
Remigius^), König James^), Torreblanca'"), Carpzov^^) und 
GlanviP^) die bedeutendsten waren, und sogar eine Zeitschrift, 
die bekannte Hexen- oder Druden-Zeitung*'^) (im Jahre 1627). 
Die Epidemie raste nun regellos drei Jahrhunderte lang 
über Europa. Die Gesamtsumme aller Opfer wird nie be- 
kannt sein. Voigts bekannte Schätzung auf neun und eine 
halbe Million schießt gewiß über das Ziel, obgleich auch 

^) Den vollständigen Text der Bulle gibt Roskoff. Op. cit., Band 2, 
S, 222—225. 

*) Ennemoser. Op, cit., S. 812. 
^) Henno aui Rhyn. Op, cit,, S. 87. 
.- *) Mannliardt. Zauberglaube und Gelieimwissen. Vierte Aufl. 1909, S.240. 
"- s) Nyström. Op. cit., S. 251. 
: ■:■ *) Bodin. Op. eit. 

'') Delrio. Inquiaitiones magicae, 1B99. 
*) Remigius. Daemonolatria, 1595. 
*) King James I. Daemonologia, 1616. 
*") Torreblanca, Daemonologia, 1615. 
^^) Carpzov. Practica nova rerum criminalium, 1635. 
^*) Glanvil. Sadducismus Triumphatus, 1681. 
") Horst. Op. cit., Sechator Teil, S. 310. Manuhardt, Op. cit., S. 243. 



-T-T-iTir----nr|ir~nNrF'''^''"''^''=='^''''°'^^ 



DIE HEXENEPIDEMIE. 135 



Soldan 1) denkt, daß die Ziffer bis hoch in die Millionen stieg. 
Nyström ^) berechnet, daß die Anzahl höher ist als die aller 
Getöteten in allen europäischen Kriegen vom Beginn unserer 
Ära. Hauptsächlich infolge der Tätigkeit der Inquisition — 
die dort mehr gegen Ketzer als gegen Hexen gerichtet war — 
fiel die Bevölkerung Spaniens in zwei Jahrhunderten von 
zwanzig Millionen auf sechs, wobei die tatsächlichen Opfer 
340.000 zählten. Torquemada allein soll 10.220 in achtzehn 
Jahren verbrannt und 97.371 zur Galeerenstrafe verurteilt 
haben u, s. w. ^). Fast jedes Land Europas litt. Am leich- 
testen kamen die Länder der griechischen Kirche davon, 
dann Holland und — mit Ausnahme der schrecklichen Mora- 
Explosion im Jahre 1670^) — Schweden. Selbst das ent- 
fernte Amerika hatte seine Epidemie.^) Und obgleich die 
Ausdehnung der Epidemie übertrieben sein mag, kann nichts 
den Schrecken der kalten Grausamkeit überbieten, die wohl 
kaum in irgend einem Teile der Welt ihre Parallele findet. 
Sepp6) sagt richtig: »Nie haben die Menschen blinder gegen 
einander gewütet, nie hat die Christenheit sich Angesichts 
aller Welt mehr blamiert als in den Hexenprozessen.« 

Wenn wir für diesen außerordentlichen Zustand eine 
Erklärung suchen, müssen wir stets im Auge behalten, daß 
er nicht auf eine unerklärliche Verirrung des Menschengeistes 
zurückzuführen ist, wie es wohl den Anschein haben möchte, 
sondern mit der geistigen Verfassung jener Periode völlig 
übereinstimmte. Der Hexen-Aberglaube wurde in solchem 
Ausmaße rationalisiert, daß er mit der landläufigen Vor- 
stellung vom Universum durchaus harmonierte.') In der 

•;: '} Soldan. Op. cit., Band 1, S. 452, 453. 

r-. *) Nyström. Op. cit., S. 273. ^,.- , 

sj Nyström. Op. cit., S. 230, 232. 

*) Ennemoser. Op. cit., S, 814. Nyström. Op. cit,, S. 279—281. 

*) Siehe Conway. Demonology and Devil— lore, 1879, Vol. n, P. 314 
bis 317, und Williams, The Superstitions of Witcheraft, 1865, P. 264. 

*) Sepp. Op. cit,, S. 130. Siehe auch im selben Zusammenhange Stoll, 
Suggestion und Hypnotismus in der Völkerpsychologie, 2. Aufl., 1904, S. 397, 
398. Clodd. Myths and Dreams, 1891, P. 59, und Hansen. Op. cit., S. 3, 5. 

') Eine vorzügliche DaretoUung hievon gibt Walter Scott, Letters on 
Demonology and Witcheraft (1829) Fourth Edition, 1898, P. 153. 



■-3 



136 DER ALPTRAUM. 



I-- 



Tat, vielleicht der auffälligste Zug, z. B. im Hexenhammer 
und insbesondere in Glanvils Sadducismus, ist nicht so sehr 
die Grausamkeit oder Dummheit, als vielmehr die hervor- 
ragende geistige Subtilität, mit der die unsinnigsten Thesen 
verteidigt werden. Die Faktoren, die den geistigen Zustand 
verschuldeten, durch den der Aberglaube ausgebrütet wurde, 
sind außerordentlich kompliziert ^) ; die wichtigsten waren 
die sozialen Bedingungen jener Zeit und die abnorme Haltung 
der Kirche gegen sexuelle Dinge. Die kritische Periode war 
besonders das 14. Jahrhundert. Von diesem sagt Gener^) 
sehr gut: »Ce n' est pas un siecle normal, c' est un siede 
malade ..... Son histoire est tout entiere contenue dans 
Celle de la pathologie. II semble qu'il subisse les approches 
de l'agonie du monde feodal et l'aurore d'une cro nouvelle. 
Dans ses souffrances il y a quelque chose du räle de la mort 
et des douleurs de l'enfantement. L'ßgarement de sa raison 
est celui de la Sibylle avant la prophetie.« Einige Züge der 
Zeit wurden im vorhergehenden Kapitel erwähnt, so daß 
wir unsere Aufmerksamkeit hier den Kardinalfaktoren bei 
der Entwicklung der Hexenepidemie schenken können. Der 
bedeutsamste war ohne Frage die Machination der Kirche. 
Die drei Grund-Komponenten des Hexenglaubens waren 
Maleficium, Teufelspakt und Ketzerei, die man die Haltung 
der Hexe gegen Menschen, Teufel und Gott nennen kann. 
Das Vorgehen der Kirche bestand darin, die erste zur Be- 
strafung der zweiten auszunützen, um damit die dritte zu 
zerstören. Der schon vorhandene Glaube an das Maleficium 
wurde dazu benützt, den Geist der Verfolgung zu entflammen, 
der Beweis des Teufelspaktes, den Hysterie und Tortur 
lieferten, war das bequemste Mittel, des Opfers habhaft zu 
werden, während das eigentliche Motiv die Ausrottung der 
Ketzerei war. Der einmal so beschrittene Weg nährte und 
entflammte zweifellos die menschlichen Urtriebo in ihrer 
rohesten und niedrigsten Form. Sadismus und sexuelle 

1) Siehe Hansen. Op. cit., S. 328—331, und Roskoff. Op. clt., Band 2, 
S. 315-359. 

^) Geaer, La Mort et le Diable, 1880, P. B95. 



,^ 



t' 



MM 



' \^. - :ix. - ^/' m ii ff mmuwj^vM^'f ^' "'mtm'^ 






DIE HEXENEPIDEMIE. 137 



Neugierde waren unter diesen die sichtbarsten. Bezüglich 
der theoretischen Diskussionen über die Hexerei sagt Bloch^) : 
»Es gibt keine sexuelle Frage, die nicht von den theologischen 
Kasuisten in subtilster Weise erörtert worden ist, so daß ihre 
Schriften uns zugleich ein lehrreiches Bild der Phantasie- 
tätigkeit auf geschlechtlichem Gebiete geben,« und Jühling^) 
hebt sogar noch schärfer die Lust des ehelosen Inquisitors 
am Entkleiden, Untersuchen und Verhören seiner Opfer her- 
vor. Kinder von sieben^) und Greisinnen von 85 Jahren*) 
wurden zum Geständnis der Teufelsbuhlschaft mit allen be- 
gleitenden Details gezwungen. Das ganze Verfahren wurde, 
wie Roskoff^) deutlich gezeigt hat, von den Zeitgenossen 
in ausgedehntem Maße dazu benützt, Bosheit, Haß und Neid 
durch falsche Anklagen der Feinde und Nebenbuhler zu 
befriedigen. 

Das Ende der Hexenepidemie bedarf fast ebensosehr 
einer Erklärung wie der Anfang, obgleich ihm bisher weit 
weniger Aufmerksamkeit geschenkt wurde. Die ausführlichste 
Schilderung davon gibt Soldan. 6) Die letzte offizielle Exe- 
kution fand in England im Jahre 1682, in Schottland 1697, 
in Frankreich 1726, in Sachsen 1746, im übrigen Deutsehland 
1749, in Bayern 1775, in Spanien 1781, in der Schweiz 1782, 
in Polen 1793 statt. Hexen wurden in England 1751 und 
1863 (!) gelyncht, in Frankreich 1850, in Deutschland 1836 
und eine wurde in Mailand im Jahre 1891 vom PÖbel fast 
getötet. Die Inquisition dauerte in Spanien bis 1834, in 
Italien bis 1859. In Rußland waren Hexenprozesse, Ver- 
folgungen und Pöbelunruhen zu Ende des vorigen Jahr- 
hunderts keineswegs selten und der Hexenglaube ist heute 

1) Bloch. Op. cit., S. 132. 

") Jühling. Op. eit., 321. Siehe auch Henne am Khyn. Op. cit., S. 97, 
und Williams. Op. cit, P. 215. 

3) Nyström. Op. eit., S. 245. 
*) Jühling. Op. cit., S. 323. 
*) Roskoö. Op. cit., Band 2, S. 331—343. 

•) Soldan. Op. cit., Band 2, S. 263—339. Siehe auch Henne am Rhyn. 
Op. cit., S. 115—156. .. _ - 



138 DER ALPTRAUM. 



noch im Schwünge^). In Südamerika war zwischen 1860 
und 1877 eine förmliche Epidemie, bei welcher eine erhebliche 
Anzahl von Hexen offiziell verbrannt wurde; eine 
wurde in Peru noch im Jahre 1888 öffentlich hingerichtet. Es 
ist sehr lehrreich, zu sehen, wie sich gegen das Ende der 
Hexen-Epidemie der Aberglaube wieder in seine Bestandteile 
auflöste und nicht als Einheit verblaßt. Zuerst verschwand 
der Glaube an die Teufelsbuhlschaft und den Sabbat, von 
denen schon 1650 verhältnismäßig wenig zu hören ist. Der 
Glaube an die Nachtfahrt hielt sich zähe und besteht sogar 
heute noch bei einigen Leuten.^) Das widerstandsfähigste 
Element war das älteste, nämlich das Malefieium und in dem 
abgelaufenen Jahrhundert kam kaum ein anderer Punkt der 
Hexerei zur Sprache. 3) Offiziell hält jedoch die römisch- 
katholische Kirche au jedem einzelnen Elemente, von der / 
Zauberkunst der Wettermacherei bis zum Teufelspakt noch 
heute fest.*) 

Das Versehwinden der Hexen-Epidemie wird gewöhnlich 
mit Berufung auf den Wechsel der Weltanschauung erklärt, 
den der Aufstieg der Wissenschaft verursachte, doch mehrere 
Erwägungen lassen es unwahrscheinlich erscheinen, daß dieser 
Faktor, so wichtig er sein mag, der einzige war. Vor allem 
kann er für die verhältnismäßig schnelle Abnahme des Hexen- 
glaubens in der zweiten Hälfte des siebzehnten Jahrhunderts-^) 
nicht ausreichen, denn die wissenschaftlichen Entdeckungen, 
die dabei so entscheidenden Einfluß geübt haben sollen, 
waren um diese Zeit erst in einen kleinen Kreis gedrungen. 

1) Stern. Geschichte der öffentliehon Sittlichkeit in Kußland, 1908, 
Band 1, S. 56, 81—92. Band 2, S. 288—290. 

*) Siehe z, B. Sikes, British Gobiina, 1880, Pp. 1C3, 164. 

') Wuttke. Op. cit., S. 155. 

*) Göpfert. Moraltheologie, 1897, Band 1, S. 470; Hagen. Der Teufel 
im Lichte der Glaubensquellen, 1899, S. 8 ; Lehmkuhl. Theologia moralis, 
Band 1, Nr. 335, 879. Marc. Institutiones morales Alphonsianae, 1893, Band 1, 
S. 543. Pruner. Lehrbuch der katholischen Moraltheologie. 1875, S. 263. 
Henne am Rhyn. Op. cit., S. 153—157. Soldan. Op. cit., S. 340—346. 

^) In England, wo ich die geläufigen Meinungen am eingehendsten 
studiert habe, erfolgte der Umschwung am stärksten in den letzten zwanzig 
Jahren, - - - ,, 



DIE HEXENEPIDEMIE. 



139 



Außerdem hingen diese Entdeckungen i. B. Harveys, Keplers, 
Newtons mit dem Thema der Hexerei nur sehr Indirekt zu- 
sammen und waren mit diesem Aberglauben ebenso vereinbar 
wie mit anderen, ebenso absurden, mit denen sie sich sehr 
wohl vertrugen; auch kann nicht behauptet werden, daß die 
allgemeine wissenschaftliche Haltung damals besonders hoch 
entwickelt war oder es heute ist. Die ganze Erklärung 
scheint mir zu intellektualistisch zu sein, denn sowohl die 
Entstehung wie der Ablauf eines solchen Aberglaubens sind 
vorwiegend Gefühlssache, während die Wissenschaft im all- 
gemeinen eher die Tendenz zeigt, dem Umschwung in der 
Laienwelt zu folgen, als ihn einzuleiten ; die »Wissenschaften« 
der Nationalökonomie und Ethik, und im gewissen Ausmaße 
auch die Psychologie sind bis zum heutigen Tage auffällige 
Beweise dieses Satzes. Einen wichtigen Anhaltspunkt finden 
wir in dem Umstände, daß der Hexenglaube abklang, weil 
das charakteristischeste Element, der Glaube an die Teufels- 
buhlschaft eliminiert wurde, und ich möchte die folgende 
Erklärung dafür vorschlagen. Im siebzehnten Jahrhundert, 
besonders um seine Mitte, fand eine bedeutende Zunahme des 
Puritanismus statt und teils als Folge dessen, teils als Reaktion 
darauf ging im allgemeinen Verhalten der Öffentlichkeit zur 
Sexualität ein radikaler Umschwung vor.i) Statt daß laut gegen 
sie gepredigt oder ihre Sündhaftigkeit betont worden wäre, 
wurde sie mehr und mehr den Augen der Öffentlichkeit ent- 
zogen. Ein heuchlerisches Kompromiß wurde durchgesetzt, 
das noch jetzt aufrecht erhalten wird und dahin geht, daß 
man ihre Existenz duldet, solange nicht allzu offen davon 
gesprochen wird. Dies war aber mit der Fortdauer der 
Hexenepidemie völlig unvereinbar, denn die Prozesse be- 
standen größtenteils in der Ventilierung aller möglicher 
sexueller Angelegenheiten. Kurz und gut, das Gefühl, daß 



>) Der Wechsel im Verhalten zur Sexualität, der im 17. und 18. Jahr- 
hundert vorsichging, wurde von Fuchs sorgfältig studiert in seinen wertvollen 
Werken: Illustrierte Sittengeschichte vom Mittelalter bis zur Gegenwart; 
Renaissance (mit Ergänzungsband) 1909, und die galante Zeit (mit Er- 
gänzungshand) 1910. 



1*0 DER ALPTRAUM. 



die Taten der Hexen ein allzu unanständiges und abstoßendes 
Thema für die öffentliche Besprechung seien, nahm allmählich 
zu. Mit dieser Eliminierung der sexuellen Note (und den 
begleitenden Ideen von Teufelspakt, Sabbat und Nachtfahrt) 
wurden die Hexenprozesse mehr und mehr unmöglich. Der 
Hexenglaube löste sich deshalb in seine Elemente auf und 
konnte nur in der alten Form des Maleficium weiter bestehen. 
Dieses aber reichte für offizielle Verfolgungen trotz der ver- 
zweifeltesten Anstrengungen i) nicht aus und der Glaube wurde 
vom Gebiete der Jurisprudenz auf jenes des Folklore über- 
tragen, wo er mit stets abnehmender Kraft bis zum heutigen 
Tage sich fortfristete. Derselbe Faktor also, nämlich die 
übertriebene Sexual -Verdrängung, der die Hexenepidemie 
einst möglich gemacht hatte, war vermutlich, nachdem seine -^u 

Entwicklung einen höheren Grad erreicht hatte, bei der Ver- 
nichtung der eigenen Frucht mit größtem Erfolg tätig. Ein 
außenstehender Beobachter hätte im 15. Jahrhundert voraus- 
sagen können, daß die Epidemie aus inneren Gründen sich 
selbst ein Ende bereiten werde wie ein Fieber, weil sie wie 
dieses, die Keime zu ihrer Heilung in sich trug. 

Wir gelangen nun zum dritten Problem, den Be- 
ziehungen des Hexenglaubens zum Alptraum. Es besteht 
kein unmittelbarer Zusammenhang zwischen dem Alptraum _.f - 

auf der einen Seite und dem Hauptantrieb bei der Hexen- 
verfolgung ~ der Absicht, die Ketzerei auszurotten — oder 
dem Volksglauben an die Zauberei, der von der Kirche zu 
diesem Zwecke ausgenützt wurde, auf der anderen, obgleich 
beide Themen indirekt mit der Sexualität und insbesondere 
mit Inzestvorstellungen verwandt sind. Ganz anders verhält 
es sich mit dem dritten Bestandteil, dem Glauben an den 
Teufelsbund, der das ganze zu einer Einheit zusammenfügte 
und ohne den die Epidemie nicht gedacht werden kann; 

») Soldan (Op. cit, Band 2, S. 263) hat darauf hingewiesen, daß in 
dem für den Hexenglauben so kritischen Zeitabschnitte von 1690—1718 nicht 
weniger als sechsundzwanzig Bücher veröffentlicht wurden, die ihn ver- 
teidigten, seinen Verfall beklagten und zu energischen Maßregeln gegen die 
Hexen aufforderten. 



Y 



DIE HEXENEPIDEMIE. 



141 



dieser ist an jeder Stelle mit den Erfahrungen der Alp- und 
anderer Angstträume im Innersten verbunden. Dies wurde 
nie deutlicher bewiesen als durch den Geistlichen Jehan de 
Meung in seinem merkwürdigen Roman de la Rose, anonym 
publiziert im Jahre 1280 (!) und ist heute vollends unleugbar. 
Daß die Vorstellungen, die sich um die Nachtfahrt gruppierten, 
im wesentlichen aus dem Traum hervorgingen, wurde oben 
eingehend geschildert. Die Teufelsbuhlschaft selbst ist un- 
zweifelhaft eine Form des Inkubus und der Glaube daran 
muß stark durch die Erfahrungen des Alptraums, die bei 
der Hysterie^) so häufig sind, mitbestimmt worden sein. Die 
vorherrschende theologische Anschauung jener Tage half 
ihnen dann, objektive Gestalt anzunehmen. Müller^) sagt : 
»Ihren sinnlichen Versuchungen und ihrer Furcht vor dem 
Versucher, vor dem sinnlichen Teufel kann sie nicht ent- 
gehen. In den phantasiereichen Zuständen des Halbwachens 
und Traums unterliegt sie der sinnlichen Erscheinung dessen, 
was ihre Sinne wünschen und was die religiöse Vorteilung 
fürchtet. Das Phantasiebild hat für sie Objektivität, sie kann 
die Anklage des Teufelsumganges nicht von sich ablehnen.« 

Der Hexenglaube ist eine Projektion der unbewußten 
Gedanken des Mädchens über sich und seine Mutter; dies ist 
einer der Gründe, warum die Hexen meist entweder sehr alt 
und häßlich oder sehr jung und schön waren. Die Teufels- 
buhlschaft stellt also, wie im Zusammenhang mit dem Sabbat 
bereits betont wurde, eine unbewußte Inzestphantasie dar. 

Die Gemeinsamkeiten zwischen Inkubus, Teufel und 
Hexenglauben gehen so weit, daß alle drei nur die ver- 
schiedenen Seiten desselben Themas darstellen. Selbst in 
seinen Einzelheiten ist die Übereinstimmung sehr auffällig, 
besonders zwischen der Hexe und dem populären Äquivalent 
von Inkubus und Sukkubus, nämlich dem Alp und der Mahre. 
Zum Beispiel glaubte man von den Hexen, ebenso wie vom 
Teufel, Alp und Mahre, daß sie gespaltene Hufe (Drudenfuß 3) 

^) Über die Alpdruck-Erfahrungen der Hexen siehe Enaemoser, Op. cit., 
S. 869, und Wuttke. Op, cit., S. 151. 

*) Johannes Müller. Über die phantastischen Gesichtserscheinungen, 



1826, S. 66. 

^) Wuttke. Op. cit. 



S. 155. 



14g 



DER ALPTRAUM. 



und einen hohlen Rücken^) hätten; dieselben Amulette (Messer, 
Hufeisen, Salz u. s. \v.) wurden zur Abwehr der Hexen, des 
Teufels und des Alpdrucks benützt. Der Koitus mit ihnen 
allen war unangenehm und genußlos^); der Alp, wie die 
Hexe, ritt auf Pferden und flog wie ein VogeP) u. s. w. 

Die Beziehungen zwischen dem Hexenglauben und dem 
an Werwölfe und Vampire waren nicht so innig, obgleich 
sie in beiden Fällen vorhanden sind. Die Verfolgung und 
Hinrichtung angeblicher Werwölfe im 16. und 17. Jahrhundert 
gründete sich hauptsächlich auf den Glauben, daß die Hexen 
sich in Tiere verwandeln können. Hexen konnten sich selbst 
sowohl als auch andere in Werwölfe verwandeln.*) Von 
Interesse mit Hinblick auf die Verbindung zwischen Hexen- 
salbe, Nachtfahrt und Tierverwandlung (siehe oben) ist der 
Umstand, daß die Verwandlung in Werwölfe durch Salbung 
erfolgte. So wurde 1521 in Besangon ein Mann namens 
Michel Verden verbrannt, weil er sich selbst und einen Ge- 
fährten mittels Einreibung mit einer Salbe in Werwölfe ver- 
wandelt hattet), und 1717 wurden die Angeklagten in einem 
Hexenprozesse genau derselben Tat beschuldigt. *^) Die enge 
Assoziation zwischen Hexen und Katzen wurde oben erwähnt 
und Grimma) zieht den alten Zauberglauben heran, daß 
Männer in Wölfe und Weiber in Katzen verwandelt werden. 
Ein ähnlicher Zusammenhang bestand zwischen der Mahre, 
der deutschen Vorläuferin der Hexen, und dem Werwolf; 
ein siebentes Kind wurde, war es ein Knabe, ein Werwolf 
war es ein Mädchen, eine Mahre. ») 

') Grimoi. Op. cit., S. 903. Henno am Rhyn. Op. cit., S. 38, 68. 
2) Gener. Op. cit., P. 524. Henne am Rhyn. Op. cit, S, 68. 
^) Laistner. Das Rätsel der Sphinx, 1889, Band 2, S. 82, 275. 
*) Nynauld. De la Lycantiuopie, 1615, Pp. 50, 52. Der Hexenhammer, 
Op. eit., Erster Teil, S. 155—157. 

^) Bosquet. Discours de Sorciers, 1608, F. 370. Leubusclier. Der Wahn- 
sinn, 1848, S. 68. - • . 

«) Riezler. Op. cit., S. 293. 

') Grimm. Op. cit., S. 915. ' -" A 

-.-■' «) Siehe Kapitel V, ■-■■^ V'- "--- .--iSSr:^- -.':%..■.■; _,- ., . 



:^^ 



J0 



DIE HEXENEPIDEMIE. 



143 



Hexeil hatten den Vampirendurst nach Menschenblut. 
Sie liebten es leidenschaftlich, Blut zu trinken i), insbesondere 
das von Jungen Menschen. Zweifellos liegt hier die Idee des 
Somnambulismus zu Grunde.^) Milton in seinem »Paradise 
Lost« (II, 662) bezieht sich auf diesen Glauben : 

»Kein häßlicheres Wesen denn die Nachtfrau, 
Wenn sie, geheim gerufen, durch die Luft 
Geritten kommt, von Kinderblut gelockt, 
Zum Tanz mit Lapplands Hexenzunft.« 
Fünf Hexen wurden 1604 in Lausanne verbrannt, weil 
sie in Wolfsgestalt ein Kind geraubt haben sollten. Sie 
trugen es zum Teufel, der aus der großen Zehe das ganze 
Blut aussaugte und kochten dann den Leib, um daraus Salbe 
zu gewinnen.^) Ebenso waren die Hexen der harmloseren 
Gewohnheit, Kühe zu melken, zugetan und sie waren im 
Stande, aus einer Spindel, einem Handtuch oder einem Beil- 
griff Milch herauszupressen.*) Der Sinn davon wird ver- 
ständlich, wenn man sich gegenwärtig hält, daß Milch ein 
unbewußtes Äquivalent für Samen ist. Der Alp saugte sowohl 
Blut wie Milch aus^) und StolP) sagt, daß in Deutschland 
noch der Aberglaube besteht, daß Schlangen bei Nacht 
den Kühen die Milch aussaugen; in Wales glaubte man, daß 
die Schlangen Milch aus den weiblichen Brüsten saugen.^) 
In Schottland und Wales war bis vor kurzem der Glaube 
verbreitet, daß die Hexen sich in Hasen verwandeln, um den 
Kühen durch Saugen an den Eutern die Milch zu entziehen «) ; 
in Dänemark und Schweden gewinnen sie die Milch, indem sie 
Hasen zum Vieh schicken.^) In der Mythologie sind Hasen 



^) Goerres. Christllclie Mystik, 1842, Band 4, S. 2, 216. Meyer.. 
Indogermanische Mythen, 1883, Band 2, S. 528. Krauß, Op. eit., S. 79. 
2) S. Laurent und Nagour. Op. cit., S. 208—227. 
') Nynauld. Loc, cit. 
*) Grimm. Op. cit, S. 896, 897. 
*) Laistner. Op. cit, Band 1, S, 61, Band 2, S. 82. 
®) Stoll. Op. cit., S. 215. 

*) Ehys. Oeltic Folklore, 1901, P. 690. C 

") Hertz. Der Werwolf, 1862, S. 113. (An versch. Orten.) _ 

») Thorpe. Op. cit, Vol. 2, P. 192. 



1 



144 DER ALPTRAUM. 



und Katzen gleichbedeutend *); es ist daher verständlich, daß 
manchmal Hasen die »Familiäres« der Hexen waren*), statt 
der gewöhnlichen Katzen. Selbst die Revenant-Natur der 
Vampire ist in dem dänischen Glauben, daß Toto sich in 
Hasen ^) verwandeln, angedeutet. Andere sonderbare Zu- 
sammenhänge sind der russische Glaube, daß künftige Vampire 
bei Lebzeiten an einer Hasenscharte Icenntlich seien, und der 
osteuropäische, daß ein Gestorbener ein Vampir wird, wenn 
eine Katze über sein Grab läuft. *) Ein anderer Vampirzug 
ist in den Ghul-Goschichten zu finden, die bei mehreren ii, 

Prozessen erzählt wurden ■'), von Hexen, die die Leichen 
von Zauberern aufgruben und fraßen. So wie die Hexen j 

kann der dalmatinische Koslak, der tatsächlich ein Vampir 
ist, das Wetter vorhersagen und schneller reisen als andere 
Leute. *') Der Hexenglaube verschmilzt, so angesehen, an 
allen Punkten mit den bereits erörterten Erscheinungen. 

Wir können das gegenwärtige Kapitel mit einem Zitat 
aus Hansen''), der ersten Autorität für unser Thema 
schließen : »Die Hexenverfolgung ist ein kulturgeschichtliches 
j Problem, das, wenn es auch als tatsächlich abgeschlossen 

gelten darf, doch mit unserer Zeit noch enger zusammenhängt, 
als man auf den ersten Blick zuzugeben geneigt sein dürfte. 
Die Elemente des Wahns, auf denen sie sich aufgebaut hat, 
werden noch heute fast ausnahmslos in den Lehren der 

geltenden religiösen Systeme weitergeführt Von der 

Verantwortung für seine Entstehung wird die Menschheit 
\ sich aber doch erst dann ganz entlastet fühlen können, wenn 

sie auch den kläglichen, noch nicht überwundenen Rest der ihm 
2U Grunde liegenden Wahnvorstellungen ausgeschieden haben 
wird, der trotz aller inneren Haltlosigkeit in den herrschenden 
religiösen Systemen noch heute sein Dasein fristet.« 

^) Im Englischen bedeutet »puss« entweder Katze oder Hase. 

*) Elton. Origing of English History, P. 297. 

^) Thorpo. Loc. cit. 

*) Mannhardt. Zeitschr. f. Deutsclie Mythologio, Jahrg. 4, S, 260. 

^) De Lauere. Op. cit., Pp. 199, 402. 

•) Krauß. Op. cit,, S. 126. 

') Hansen. Op. cit., Vorwort 7 und S. 688. 






SCHLUSS. 



145 



VIII. Schluß. 

Es wird vielleicht von Nutzen sein, hier einen Rück- 
blick auf die charakteristischen Eigenschaften, die den fünf 
eben untersuchten Erscheinungen gemeinsam sind, zu ver- 
suchen. In erster Linie stellen sie alle Konstruktionen aus 
zahlreichen Elementen dar, die nicht nur vorher im Glauben 
der europäischen Völker selbständig existierten, sondern auch 
bis zum heutigen Tage in weit auseinander liegenden Teilen 
der Erde zu finden sind. Für die Zusammensetzung der 
Bestandteile war jedesmal die Kirche ursprünglich verantwort- 
lich, in vier Fällen die römisch-katholische Kirche und im 
fünften die griechische. Der Glaube an diese Erscheinun- 
gen stand, nach ungefährer Annahme, drei Jahrhunderte lang 
allgemein fest ; nach Ablauf dieser Zeit verschwand er nicht, 
sondern löste sich in seine ursprünglichen Elemente auf. 
Auch der voll entwickelte Glaube fristet sich noch im unge- 
bildeten Teile der Volksgemeinschaft fort und, daß dies keines- 
wegs selten der Fall ist, wird dadurch bewiesen, daß der 
Schreiber dieser Zeilen selbst mit Leuten zusammentraf, 
welche von der Wahrheit des Glaubens, wie er im Mittel- 
alter verbreitet gewesen ist, überzeugt waren. Der Glaube 
an die einzelnen Elemente ist viel weiter verbreitet und kann 
in gewissen Fällen auch bei gebildeten Leuten gefunden werden. 
Während des Mittelalters hatte der Glaube an jene Erschei- 
nungen die Neigung, epidemische Formen anzunehmen, und 
gab dann meistens Anlaß zu furchtbaren Leiden und einem 
fast ohne Parallele dastehenden Ausbruch gemeinsamen Ver- 
folgungsgeistes. 

Die fünf Glaubensphänomene waren stark untereinander 
verschlungen und in mehr als einer Hinsicht geht eines fast 
unmerkbar in das andere über. Ihre psychologische Be- 
deutung hängt noch inniger zusammen als ihre äußere Gestalt. 
Die tatsächliche Formulierung nach Erreichung der vollstän- 
digen Entwicklung wurde durch eine Mehrheit von Faktoren 
beeinflußt, die hauptsächlich sozialer und religiöser Natur 

Jones, Alptraum, *^ 



146 DEE ALPTRAUM. 



8 



waren, weshalb ihre Analyse zunächst ein historisches Problem 
ist. Die bedeutsamsten waren der Haß der Kirche gegen jede 
Art der außerkirchlichen Anbetung, die ihr mit Ungehorsam 
gegen Gott gleiehbetloutend schien, ihre abnorm übertriebenen 
Anstrengungen im Dienst der Sexualverdrängung und ihr i 

besonderer Abscheu vor dem Inzest. Die Elemente, aus denen :j 

sich die Erscheinungen zusammensetzten, waren alle Projek- | 

tionen des unbewußten verdrängton sexuellen Materials 1 

nach außen. An diesem Material sind zwei lügen- n 

Schäften vor allem bemerkenswert, das Hervortreten inzes- 1 

tuöser Wünsche und infantiler Züge. Die Phänomene können j 

psychologisch als Phobien bezeichnet werden, deren latenter 
Inhalt verdrängte inzestuöse Wünsche bilden, j 

Ihre Beziehungen zum Alptraum sind besonders nahe. 
In der Intensität ihres Angstaffektos werden sie von keiner 
anderen Erfahi^ung erreicht, außer von joner der Alp- und 
verwandten Angstträume. In manchen ihrer Züge enthalten 
sie eine für Angstträume höchst charaktoristischo Symbolik ; 
von diesen sei besonders erwähnt ; die plötzliche Verwandlung 
einer Person in eine andere oder in irgend ein Tier, das Vor- 
kommen phantastischer und unmöglicher Tiorfornien, die 
Schwankungen des betreffenden Objekts zwisclien höchstem 
Anreiz und stärkstem Abscheu, die scheinbar gleiciiiieitige Exi- 
stenz derselben Person an zwei verschiedenen Orten, das 
Fliegen oder Reiten durch die Luft und die Wiedergabe sexu- 
eller Akte als peinliche Angriffe. Der eigentliche Mittel- 
punkt des latenten Inhaltes sowohl beim Alptraum als bei 
den fünf von uns untersuchten Pliäiiomonen wird durch die 
verdrängten inzestuösen Wünsche gebildet. Bei vier der 
letzteren sind auch andere sexuelle Wünsche, verschiedene 
Perversionen im latenten Inhalt vorhanden, ebenso im Falle 
der Angstträume, die nicht zum Alpdruck -Typus gehören. 
Ferner trat auch beim Alptraum manchmal die Neigung auf, 
wie jene epidemische Form anzunehmen, i) Die ausgedehnte 
Übereinstimmung, die zwischen dem Alptraum und diesen 

^) Siehe z. B. Laurent, zitiert l)ei Paront, Grand Diotioimaire da 
Medicine, T, XXXIV, Art. Incubi . 



SCHLUSS. 



147 



Formen des Aberglaubens nicht bloß hinsichtlich ihrer wesent- 
lichen psj'^chologischen Bedeutung, sondern auch an vielen 
Punkten ihrer Oberfläche bestand, macht es sehr walirschoinlich, 
daß die wirkliche Traumorfahrung bei der Ermöglichung ihrer 
Konstruktion, für welche sie ja die unerläßliche Basis abgab, 
von erheblichem Einfluß war. 

Eine enge Analogie kann zwischen unseren Erscheinungen 
und den psycho-neurotischen Symptomen nachgewiesen, ja ihre 
Identität in weitem Ausmaße konstatiert werden. Wie diese 
entstammen sie verdrängten sexuellen Wünschen der frühen 
Kindheit, die verhältnismäßig unsichtbar blieben, bis äußere 
Umstände die Annahme gewisser scharf umrissener Äulierunns- 
formen herbeiführten. Das allmähliche Verschwinden ging auch 
auf dieselbe Art und Weise vor sich, wie bei neurotischen Sym- 
ptomen eine spontane Heilung eintritt ; diese hängt nämlich teils 
von einer Erhöhung der Verdrängung ab, teils davon, daß die 
zu Grunde hegenden Strebungon einen neuen Abflußkanal aus- 
findig machen. Beide Vorgänge spielten bei dem Verschwinden 
jener fünf Bildungen des Aberglaubens eine Rolle, wie im 
vorigen Kapitel gezeigt wurde: erhöhte Schärfe des 
wissenschaftlichen Donkens in Verbindung mit den intensiven 
Sexual -Verdrängungen lassen sie als ungeeignete Ausdrucks- 
forju der begrabenen Wünsche erscheinen. Diese Erwägungen 
lassen uns die künftige Entwicklung der hier behandelten Vor- 
gänge erraten. Die bei den Neurosen gesammelte Erfahrung 
zeigt, daß, solange nicht die begründenden Faktoren gründlich 
beseitigt wurden — was hier nicht der Fall gewesen ist — , 
das bloße Verschwinden der Symptome keineswegs vor jeder 
künftigen Störung sichert ; die Tendenz der zu Grunde liegenden 
Strebungon, entweder durch Wiederaufnahme der alten Sym- 
ptouieoderin anderen Ausdrucksformon Befriedigung zu suchen, 
bleibt bestehen. Aus mannigfachen historischen Gründen 
muß die Amiahme, daß ein Rückfall in den alten Aberglauben 
möglich sei, zurückgewiesen werden und dies wäre in unserer 
modernen Zivilisation auch kaum denkbar ; eine andere Gruppe 
von Auswegen muß deshalb gefunden werden. Welcher Art 
diese sein werden, ist unschwer einzusehen j auf der einen 

10* 



r 



148 DER ALPTRAUM. 



Seite religiöse und soziale Bigotterie und Intoleranz, auf der 
anderen die Erzeugung von Psycho-Neurosen im engeren 
Sinne. Unsere gegenwärtigen neurotischen und geistesgestörten 
Patienten sind in ausgebreitetem Maße die Nachkommen der 
alten Hexen, Lykanthropen u. s. w. und ihre Symptome sind, 
wie in den vorhergehenden Kapiteln gezeigt wurde, in vieler 
Beziehung gleich. Eine weitere wichtige Erwägung, die meist 
übersehen wird, ist die, daß das so entstandene Leiden ebenso 
drückend und nicht minder weit verbreitet ist wie die Schmerzen, 
welche die analogen Vorgänge im Mittelalter verschuldeten. 
Man kann sich sehr ernstlich fragen, ob ein Patient mit einer 
krankhaften Phobie, z. B. in bezug auf Katzen, weniger leidet 
als ein Mensch, der sich vor dem Teufel fürchtet. Dieser ist 
sogar in mancher Hinsicht in der besseren Lage, denn seine 
Furcht wird von Freunden verstanden und als berech- 
tigt anerkannt. Er ist nicht gezwungen, sie geheim zu 
halten, um der Beschämung und dem Schandmal zu entgehen, 
welches ihm durch das Bekanntwerden der Tatsache, daß er 
Feigling und Weichling genug sei, seiner »eingebildeten Angst« 
nachzugeben, aufgedrückt würde. Eine Furcht, die der von 
ihr Befallene und seine Umgebung für veniünftig und richtig 
ansehen, ist leichter zu ertragen, als eine völlig sinnlose und 
unvernünftige Angst vor harmlosen Objekten, die mit den 
übrigen bewußten Gedanken nicht übereinstimmt und sich 
sogar gegen die Überwachung durch das Bewußtsein auflohnt. 

Daraus lassen sich hauptsächlich zwei Lehren ziehen, die 
sich auf die Probleme der Verdrängung und der Urteilsfähigkeit 
beziehen. Die soziale Seite der ersteren darf uns hier nicht 
beschäftigen; es wurde nur versucht, an einem Beispiel zu 
zeigen, welch schreckliche Folgen die übermäßig und unver- 
ständige Verdrängung menschlicher Triebregungen nach sich ' ] 
zieht. Wir haben auch gesehen, daß es schwierig und Jahr- 
hunderte lang unmöglich ist, diese Konsequenzen auszurotten, 
wenn ihr wahrer Sinn nicht aufgedeckt wird. 

Die Beziehung unseres Themas zu dem Problem der Urteils- 
fähigkeit ist ebenso bedeutsam. Für jemanden, der davon 
überzeugt ist, daß seine Anschauung über einen gefühlsmäßig 



-«r*'^ 



SCHLÜSS. 149 



gefärbten, d, h. sozialen oder religiösen Gegenstand unzweifel- 
haft die einzig richtige ist, läßt sich keine gesündere Übung 
denken, als darüber nachzusinnen, daß die fähigsten und 
schärfsten Denker des Mittelalters, Menschen, die ihm an 
geistiger Begabung wahrscheinlich nicht nachstanden, ohne 
Zögern die Wahrheit von Sätzen, die uns heute lächerlich 
vorkommen, anerkannten. Bei der Besprechung einer Gruppe 
geringerer Irrtümer, die durch unbewußte Einflüsse herbei- 
geführt wurden, bemerkte Freud ^) mit Nachdruck : »Ich gebe 
aber zu bedenken, ob man nicht Grund hat, die gleichen 
Gesichtspunkte auch auf die Beurteilung der ungleich wich- 
tigeren Urteilsirrtümer der Menschen im Leben und in 
der Wissenschaft auszudehnen. Nur den auserlesensten und 
ausgeglichensten Geistern scheint es möglich zu sein, das Bild 
der wahrgenommenen äußeren Realität vor der Verzerrung 
zu bewahren, die es sonst beim Durchgang durch die psychische 
Individualität des Wahrnehmenden erfährt.« Eines der Haupt- 
ziele der Wissenschaft und Kultur ist es, eine objektive An- 
schauung von Kultur und Leben zu erringen. Die Hindernisse 
die aus bewußten Hemmungen kommend, sich der Erreichung 
dieses Zieles entgegenstellen, wurden bis zu einem gewissen 
Grade überwältigt; wir beginnen nun die schwierigere, aber 
wichtigere Arbeit, die aus dem Unbewußten stammenden Hin- 
dernisse wegzuräumen. Der erste Schritt in dieser Richtung 
ist die Bemühung, die Natur und Betätigungsform dieser un- 
bewußten Einflüsse, die das bewußte Urteil schädigen und 
verdrehen, genau zu durchleuchten. Freud hat in vorbildlicher 
Weise einen Weg gebahnt, den zu wandeln jetzt möglich 
ist ; und wenn dies geschieht, wird die Menschheit in Hinkunft 
weniger Entschuldigung haben für die schwarzen Seiten, die 
das Buch ihrer Geschichte schänden, wie es die hier unter- 
suchten Formen des Aberglaubens tun. 



') Freud. Zur Psychopathologie des Alltagalebens, Dritte Auflage, 1910, 
B. 121. 



r"^--.rl- ■ 



VERLAG VON FRANZ DEUTlCKE IN LEIPZIG UND WIEN. 



Jahrbuch für psychoanalytische 
und psychopathologische Forschungen. 

Heraasgegeben von Prof. Dr. E. Bleuler in Zürich u. Prof. Dr. S. Freud in Wien. 

Redigiert von Dr. C. G. Jung, 

Privatdozenten der Psychiatrie in Zürich. 

I. Band: 1. und 2. Hälfte. Preis ä M 7.— == K 8.40. 

IL Band: 1. and 2. Hälfte. Preis ä M 8.— = K 9.60. 

m. Band: 1. Hälfte. Preis M 10.— = K 12.—, 2. Hälfte. Preis M 8.— = K 9.60. 

Einführung in das Studium der 
_ Nervenkrankheiten 

für Studierende und Ärzte. 
Von Priv.-Doz. Dr. Alfred Fuchs, 

AsBlsteut der k. k. Klinik für Psychiatrie und Nervenkranklieiteii in 'Wifin. 

Mit 69 Abbildungen im Text and 9 Tafeln in Lichtdruck, 
Preis M 9.— = K 10.80. 

Schriften zur angewandten Seelenkunde. 

Herausgegeben von Prof. Dr. SlglU. Freud in Wien. 

Der Wahn und die Träume in W. Jensens „Gradlva". Von 
Prof. Dr. Sigm. Freud in Wien. 2. Anü. Preis M 2.50 = K 3.—. 
WunsclierfUllnng und Symbolik im Märchen. Eine Studie von 
Dr. Franz Riklin, Sekundararzt in Rheinau (Schweiz). Preis M 3. — 
= K 3.60. 

Der Inhalt der Psychose. Von Dr. C. G. Jung, Privatdozent der 
Psychiatrie in Zürich. Preis M 1.25 = K 1.50. 
Traum und Mythus. Eine Studie zur Völkerpsychologie. Von Dr. Karl 
Abraham, Arzt in Berlin. Preis M 2.50 = K 3.—. 
Der Mythus von der Geburt des Helden. Versuch einer psycho- 
logischen Mythendentnng. Von Otto Rank. Preis M 3.— = K 3.60. 
Aus dem Lieheslehen Nikolaus Lenaus. Von Dr. J. Sadgcr, 
Nervenarzt in Wien. Preis M 3. — = K 3.60. 
Eine Kindheitserinnernng des Leonardo da Vinci. Von Prof. 
Dr. Sigm. Freud in Wien. Preis M 2.50 = K 3.—. 
Die Frömmigkeit des Grafen Ludwig von Zinzendorf. Von 
Dr. Oskar Pfister, Pfarrer in Zürich. Preis M 4.50 = K 5.40. 
llichard Wagner im „Fliegenden Holländer". Ein Beitrag zur 
Psychologie künstlerischen Schafifeus. Von ür. Max Graf. Preis 
M 1.80 = K 2.—. 

Das Problem des Hamlet und der Ödipus-Komplex. Von Dr. 
Ernest Jones, Toronto (Kanada). Übersetzt von Paul Tausig, Wien. 
Preis M 2.~ = K 2.40. 

Giovanni Segantini. Ein psychoanalytischer Versuch. Von Dr. Karl 
Abraham, Arzt in Berlin. Mit zwei Beilagen. Preis M 2. — = K2.40. 
Zur Sonderstellung des Vaterniordes. Eine rechtsgeschichtliche 
und völkerpsychologiacbe Studie. Von A, J. Storfer, Zürich. Preis 
M 1.50 = K 1.80. 

Die Lohengrinsage. Ein Beitrag za ihrer Motivgeataltung und 
Deutung. Von Otto Rank. Preis M 5.— = K 6.—. 



I. 


Heft: 


i"' 


Heft 


III. 


Heft: 


IV. 


Heft; 


V. 


Heft: 


VI. 


Heft: 


VIL 


Heft: 


VIII 


Heft 


IX. 


Heft 



X. Heft: 

XI. Heft: 
Xn. Heft: 

XIII. Heft: 






h 



VERLAG VON J. P. BERGMANN IN WIESBADEN. 



!•.: 



\ 



Im II. Jahrgangs erscheint: ^ 

Zentralblatt für Psychoanalyse. 

Medizinische Monatsschrift für Seelenkunde. 

Organ der internationalen Psychoanalytischen Vereinigung. 

Heraupgeber: Prof. Dr. Signa. Freud. 

Schriftleiter; Dr. AVilhelm Stekel, Wien, Gonzagagasse 21. 

Jahrgang I enthielt u.a. neben den reichhaltigen AbteUungen : MitteUnneen 
- Referate und Kritiken - Varia - Literatur folgende Originalarbeifen : 

Adler: Die psychische Behandlung der Trigeminusneuraljrie in 

Beitrag zur Lehre vom Widerstand .... «i* 

„ Syphilidophoble .'.'."""" 400 

Brill : Ein Fall periodischer Depression psychogenen Ursprungs '. . '. ! 168 

Ferenczi: Über obszöne Worte 390 

„ Anatole France als Analytiker ............'.'' i^t 

Freud: Die znkünfti^n Chancen der psychoanalytischen Therapie .1 
„ über wüdo Psychoanalyse .... ' 01 

, Nachtrage zur Traumdeutung ■..........'.'..',' isi 

Friedmann: Eduard Mörike .„„ 

JuHusburger: Über einen Fall von akuter autopsychischer Bewniltseins- 

storung, ein Beitrag zur Lehre von Ki-iminalität und Psychose 308 

Jung: Ein Beitrag zur Psychologie des Gerüchtes ... 81 

Luzenb erger: Psychoanalyse in einem FaUe von Errötnngsängst als 

Beitrag zur Psychologie des Schamgefühls ...... T ... 304 

Maday: Der Begriff des Triebes ! 295 

Mae der: Zur Entstehung der Symbolik im Traum, in der Deiaentia 
praecox etc «"mwu» 

Nepalleck: Analyse einer scheinbar sinnlosen infantilen Obsession . . 155 

Pf ist er: Zur Psychologie des hysterischen Madonnenknltus 70 

„ Hysterie und Mystik bei Margaretha Ebner (1291—1351) . 468 

Putnam: Über Ätiologie und Behandlung von Psychoneurosen . . . ! 137 
Methode ^'■'^'»'■""S'"' ™'* Freud's psycho-analytischer 

Kank: Das Verlieren als Symptomhandlnng . A^n 

Kiklin: Eine Lüge ,' g" | 

„ Über einige Probleme der Sagendeutung ..".'. ". '. " '. '.. ' 433 
Eosenstein: Julius Piklers „dynamische Psychologie" und ihre Bezie- 
hungen zur Psychoanalyse 316 

Kosenthal: Karin MichaeUs : „Das gefährliche Alter» im Lichte der 

Psychoanalyse . 277 

Sadger: Ist das Asthma eine Sexual neurosc 200 

Silberer: Vorläufer Freud'scher Gedanken 441 

Stegmann: Ergebnisse der psychischen Behandlung einiger Fälle von 

Asthma ......' 7 

Stekel: Die psycliische Behandlung derj%ilep&'ie . ., ... ^ 

Jährlich erscheinen 12 Hefte im Gresamt-Umfane von 36 bis 
40 Druckbogen zum Jahrespreis von M 18. — . " ' 

K. a. K. Hofbuohdrackerei Karl Prochaeka in Tejchon 



■H^^.^ ^ i 'ij.i.i Li